Spektakulär auf dem Netz „in Orbit“

Einen Besuch von „in Orbit“ von Tomás Saraceno in der K21 war lange geplant. Nun kenne ich das Kunstwerk und seine spektakuläre Wirkung auf mich – und andere Menschen mit Höhenangst?

von Susanne Boehling

Langsam zum Ständehaus

Die Kunstsammlung von außen

Es war mal wieder so: Da gehe ich in ein Museum und schon das Gebäude gefällt mir, die Umgebung. So wie die K21, das ehemalige Parlamentsgebäude der Rheinprovinz, in dem bis 1988 auch der Landtag Nordrhein-Westfalens tagte. Ich mag diesen historistischen Stil, in dem das Gebäude errichtet ist. Aber es gibt Steigerungen, die die vorigen Eindrücke wieder verblassen lassen.

Von Süden kommend sieht man das Ständehaus durch die alten Bäume eines Parks

Durch den Park auf das Ständehaus, die K21 Foto: © Susanne Boehling

Angenehme Geräusche

Der neobarocke Brunnen „Vater Rhein und seine Töchter“, ist mir zu überladen, lediglich an den Fischen bleibt mein Blick hängen, denn das Wasser, das ihrem Maul entströmt, plätschert angenehm in die darunter liegende Muschelschale.

Seitlich an der Plastik "Vater Rhein und seine Töchter" gibt es wasserspeiende Fische

Angenehm plätschert das Wasser, das die Fische des Brunnens speien. Foto: © Susanne Boehling

Macht über die Waffen

Doch dann liegt da eine Pistole auf dem Boden. Einerseits überdimensional, andererseits völlig harmlos. Es spielt keine Rolle, ob es die Abbildung einer echten oder einer Spielzeugpistole ist. Ich kann meinen Fuß darauf stellen und das ist so angenehm. „In den Dreck mit den Waffen!“ denke ich mir und freue mich, dass mein Kopf durch dieses Kunstwerk zu solchen Gedanken angeregt wird.

Eine riesig große Metallpistole liegt von dem Eingang der K21 auf dem Pflaster

In den Staub mit den Waffen – Kunstwerk vor der K21. Foto: © Susanne Boehling

Das Netz von unten

Innen der helle hohe Raum ebenfalls sehr angenehm und die Architektur ist Kunstwerk genug, ich vermisse keine Bilder an den Wänden. Von oben aus der Kuppel klingen helle Stimmen und ziehen meinen Blick nach oben. Da ist es, das Netz – in orbit, das Tomás Saraceno in der Kuppel gespannt hat. Ich wusste, dass es hoch ist. Aber so? Die Menschen, die das Netz im Augenblick begehen, erscheinen wie Fliegen an den Glasscheiben.

in Orbit – das Erlebnis

Es mutet schon ein bisschen seltsam an, wenn man sich für die Betrachtung eines Kunstwerkes einen Overall anziehen muss und das Museumspersonal die Schuhe überprüft – ob sie auch ausreichend Profil haben. Andernfalls bieten sie einem leihweise Trekkingschuhe an. Die braucht man wirklich! Die Netze haben bisweilen starke Neigung, die man nur bewältigt, wenn sich die Seile in das Profil der Sohlen haken können.

schon von unten sieht "in Orbit" von Tomás Saraceno atemberaubend aus. Die Menschen auf dem Stahlnetz erscheinen klein wie Fliegen

Das Kunstwerk von Tomás Saraceno ist noch bis Ende Juni zu sehen. Foto: © Susanne Boehling

Die schlimmste Schaukel

Schlimmer als die Höhe erscheinen mir die Schwingungen in die andere Museumsbesucher das Netz versetzen. Ihnen fehlt der Rhythmus der Brandung – der mir die Wellen im Meer so angenehm macht. Jeden Augenblick muss ich mich um Balance bemühen und das stresst mich ganz schön.

Ein bedeutender Schritt für mich

Teile der Netze hängen über der Empore des Gebäudes. Zu deren Fußboden sind es dann nur geschätzte ein bis fünf Meter. Doch dann hebe ich mein Bein scheinbar über das Geländer der Empore – und nun sind es mehr als 20 Meter bis unten. Auch wenn ich weiß, dass mich das Netz halten wird, ist es ein bedeutender Schritt für mich – und ich tue ihn!!!

Die Hängematte zwischen Himmel und Erde

Dann erreiche ich den Platz, an dem sich einige Kissen sammeln. Gesehen habe ich sie sofort. Aber der Weg dorthin war weit! Sehr weit. Ich lasse mich fallen. Schnell stellt sich ein wunderbarer Entspannungseffekt ein. Ich sehe den Himmel über der Kuppel, ich sehe die riesigen Luftballons, die Saraceno in die Skulptur integriert hat. Ihre silbrige Außenhaut spiegelt mich, die anderen Besucher und der Anblick bezaubert mich: Wie wir so zwischen Himmel und Erde schweben, das ist wunderschön!

Tomás Saraceno - in orbit, Installationsansicht K21 Ständehaus, Photography by Studio Tomás Saraceno © 2013

Tomás Saraceno – in orbit, Installationsansicht K21 Ständehaus, Photography by Studio Tomás Saraceno © 2013

Mit der Zeit gewöhne ich mich

Weil nicht mehr viel los ist, können wir länger als die 10 Minuten verweilen, die den Besuchern bei Hochbetrieb zugebilligt werden. Dennoch zieht es uns nach 20 Minuten weiter. Schade eigentlich, ich glaube, nach einer Stunde hätte ich mich an die seltsamen Schwingungen gewöhnt. Unvorstellbar hingegen, dass die maximal erlaubte Anzahl von 10 Besuchern das Netz in Bewegung setzen. Ich glaube, ich hätte gestreikt.

Spinnen

Ein Künstlerraum ohne Angst vor Spinnen

Ein Stockwerk tiefer zeigt ein dunkler Raum die Kunst der Spinnen. Effektvoll beleuchtete Netzarchitektur, die einen staunen lassen für die Wunder der Natur. Spinnennetze beschäftigen Tomás Saraceno seit Jahren, sie sind ihm Vorbild an Stabilität und Feinheit. Eine Herausforderung für Menschen mit Spinnenangst: In einem der beiden in den Raum hin offenen Drahtquader leben nach wie vor Spinnen und arbeiten unverdrossen weiter an ihrem Werk.

Nur die Kanten der Quader mit den Spinnennetzen sind durch Draht begrenzt

Nur die Kanten der Quader mit den Spinnennetzen sind durch Draht begrenzt. Foto und ©: Studio Saraceno

Im Kokon der Chirharu Shiota

Noch ein Stockwerk tiefer zieht mich wieder ein Gespinnst in seinen Bann. „A long day“ heißt ihr Kunstwerk aus dem Jahr 2015. Wollfäden durchziehen einen abgedunkelten Raum wie ein Spinnennetz. Zunächst fällt mir nicht auf, dass tief darunter ein Tisch und ein Stuhl stehen und viele Bögen weißen Papiers auf den Ebenen des Netzes lagern. Vielmehr fühle ich mich geborgen wie in einem Kokon.

A Long Day ist ein Kunstwerk der Japanerin Chiharu Shiota. Wollfäden sind kreuz und quer durch einen Raum gespannt. Sie tragen Papierbögen und verbergen einen Tisch und einen Stuhl. Susanne Böhling fühlte sich in dem Raum geborgen

A Long Day von Chiharu Shiota. Foto: Sunhi Mang © Künstlerin, mit freundlicher Genehmigung der K21

 

Resümee

Vielleicht hätte ich doch eine umgekehrte Reihenfolge wählen sollen: Erst den Kokon aus Wolle, dann die feinen Netze der lebenden Spinnen und dann den Schritt in den Raum „in Orbit“. Jedenfalls bin ich so beeindruckt, dass ich auf weitere Kunsterlebnisse verzichte. Nicht einmal der Pistole vor dem Eingang kann ich noch Beachtung schenken. Aber vergessen werde ich sie dennoch nicht.

Blick vom Ständehaus Richtung Graf-Adolf-Platz

Blick vom Ständehaus Richtung Graf-Adolf-Platz. Foto: © Susanne Boehling

Das Copyright auf dem Text liegt bei Susanne Boehling. Wollen Sie ihn oder Teile davon kopieren, benötigen Sie die Zustimmung der Autorin. Bei Verlinkung erbitte ich Nachricht per E-Mail.

 

 

Kultur an der Ruhr II – Schauen und Staunen

Norbert Büchel nahm mich mit zu einer Susi-Sorglos-Tour durch das Ruhrgebiet, auf der ich viel zu schauen und zu staunen hatte.

Von Susanne Böhling

Start in der Villa Hügel

Ausgangspunkt der Ruhrtour war die Villa Hügel. Ich hatte sie als Haltepunkt in die Planung eingebracht, da ich sie bis dato nicht kannte.

Was Krupp in Essen waren die Fugger in Augsburg

Da es zu diesem Zeitpunkt keine Sonderausstellung in der Villa gab, war sie wenig besucht und wir konnten den Bau in seiner ganzen, unverstellten Pracht bewundern. Riesige Räume, teure Tapeten, Wandteppiche, Holzvertäfelungen, Schnitzereien, die Bibliothek.

Schranksims in der Villa Hügel, prächtig verziert

Der Sims eines Schrankes prächtig verziert mit Schnitzereien © Foto: Susanne Böhling

Das alles hat mich schwer beeindruckt und ich habe darauf verzichtet, mich mit Hintergründen zu beschäftigen. Stattdessen habe ich versucht einfach zu fühlen, zu welcher Prachtentfaltung Unternehmergeist bei entsprechendem Erfolg imstande ist und welche Gefühle das in Bewohnern und Besuchern ausgelöst haben mochte.

Holzvertäfelungen und schmiedeeiserne Geländer in der Bibliothek von Villa Hügel in Essen

Blick durch die Bibliothek der Villa Hügel © Foto: Susanne Böhling

Erinnern musste ich mich dabei an den kleinen Goldenen Saal im Augsburger Rathaus, in dem die Erfolge der Fugger und Welser ablesbar sind, die auch Fürsten gezeigt haben, wer in Wirklichkeit die Geschicke der Nation bestimmt. Es ist sicher kein Zufall, dass der Stahlunternehmer Krupp die Villa zu einer Zeit erbauen ließ, da für den Deutsch-Französischen Krieg Waffen gebraucht wurden.

Weitläufiges Gelände um die Villa Hügel in Essen

Blick über die Terrasse der Villa Hügel in den Wald des Ruhrtals © Foto: Susanne Böhling

Weithin sichtbar thront der ehemalige Familiensitz der Kruppfamilien über dem Ruhrtal. Heute gehört er der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und die Kulturstiftung Ruhr hat hier ihren Sitz.

Folkwang Museum in Essen

Angenehm, dass das Vermögen der Krupp-Stiftung auch dazu dient, den Besuchern des Museum Folkwang freien Eintritt zu gewähren. So haben wir uns ganz ohne den – lächerlich selbst auferlegten – Zwang, die Kosten ablaufen zu müssen, im Wesentlichen auf den zentralen Raum mit der Ausstellung Gediegenes und Kurioses Los Carpinteros, Ouyang Chun und Lieblingsstücke aus der Sammlung Olbricht konzentrieren können. Der Sammler Thomas Olbricht hat die Rauminstallation „Helm“ mit Schönem und Kuriosem aus Nah und Fern bestückt, die zum Entdecken und Staunen anregen. Seitdem weiß ich wieder, warum ich schon als Jugendliche meinen Setzkasten so sehr mochte. Und warum es ich zugunsten leichten Gepäcks nicht auf Nutzloses in meiner Wohnung verzichten möchte. Eine echte Befreiung!

Rauminstallation Los Carpinteros im Museum Folkwang

Schweinemädchen aus der Sammlung Olbricht in einer Wabe des „Helms“ © Foto: Susanne Böhling

Suche nach Gott – Muslim auf dem Jakobsweg

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Der Mönchengladbacher Künstler Shamsudin Achmadow pilgert auf dem christlichen Weg

Shamsudin Achmadow würde auch nach Mekka pilgern. Die Reise zu dem heiligen Ort in Saudi-Arabien empfindet er – wie jeder Muslim – als Pflicht. Schließlich ist sie die fünfte der fünf Säulen des Islam. Aber einerseits ist dem Mönchengladbacher Künstler die politische Lage im Nahen Osten nicht friedlich genug. Von gewalttätig ausgetragenen Konflikten hat er nämlich die Nase voll. Schließlich ist er mit seiner Frau  1996 vor dem Krieg aus seinem Heimatland Tschetschenien im Süden der früheren Sowjetunion nach Deutschland geflohen. Die beiden Söhne kamen kurze Zeit später nach, die Tochter wurde vor zehn Jahren in Mönchengladbach geboren.

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Flucht vor dem Krieg in Tschetschenien

„Alles war kaputt“ erinnert er sich an die Gründe, seine Heimat im Kaukasus zu verlassen. Betroffen war davon auch das Atelier des dort renommierten Künstlers. Das Zacharow-Museum in Grosny, das ihm 1994 eine Einzelausstellung widmete, wurde mitsamt seiner Exponate bei einem Bombenangriff zerstört. Achmadow war bereits 1982, als 24-Jähriger, in den russischen Künstlerverband aufgenommen worden und hatte an allen bedeutenden Orten der Sowjetunion ausgestellt. Das alles hat er hinter sich gelassen. „Wir waren froh, dass wir mit dem Leben davon gekommen sind“, sagt er. Seine pazifistische Einstellung spiegelt sich auch in der Beteiligung an der Ausstellung „Konfliktregion Kaukasus“ in Hamburg 2008 wieder.

Keine Visa für den aus Russland stammenden Muslim ohne deutsche Staatbürgerschaft

Ein anderer Grund, nicht nach Mekka zu pilgern, liegt in seinem staatsbürgerlichen Status. Er und seine Familie sind hier als politischer Flüchtlinge anerkannt, geduldet, sie haben sogar eine Aufenthaltsgenehmigung und dürfen hier arbeiten, aber sie sind noch immer keine deutschen Staatsangehörigen. „Deshalb komme ich in viele Länder nur mit einem Visum“, beschreibt er sein Problem, „das bekomme ich meistens nicht.“ Lediglich in Länder des Schengen-Abkommens kann er Reisen. Eine Ausstellung in England beispielsweise scheiterte am Visum. Auch eine Reise in die USA ist undenkbar. „Als staatenloser muslimischer Russe lassen sie mich nicht einreisen“, sagt er nicht ohne Frust. Dass weder er noch seine Frau in die Heimat reisen konnten, als die Eltern im Sterben lagen, war besonders bitter. Schließlich lebt er von Anfang an unbescholten in Deutschland. In Mönchengladbach wurde er sofort nach Gründung der städtischen Kunstförderung c/o von Kurator Hubertus Wunschik in die Riege der durch das städtische Kulturbüro anerkannte Riege der c/o-Künstler aufgenommen. Nicht weniger als 500 Schüler konnten von seinem Können profitieren, anfangs in der von ihm mitbegründeten Moskauer Schule, Akademie für Malerei, jetzt unter eigener Regie.

„El camino comienza en su casa“ – Der Weg beginnt in Ihrem Haus

Doch so einfach lässt sich Shamsudin Achmadow nicht von dem Wunsch nach einer Pilgerreise abbringen. „Das Pilgern ist Suche nach Gott“, sagt der 55-Jährige Sufi. Die Sufis sind eine mystisch orientierte Untergruppe der sunnitischen Mehrheit im Islam. Zu der gehören beispielsweise auch die Derwishe. Diese asketische Ordensgemeinschaft erlangte Berühmtheit durch die Mitglieder, die sich drehend in Trance versetzen, um Allah nahe zu kommen. „Und wir Sufis müssen Gott suchen“, erklärt Achmadow. So ist es für ihn naheliegend, sich der Pilgerwege der Christen zu bedienen. Ende Mai wird er sich anstatt nach Osten gen Westen wenden und sich auf den Jakobsweg machen, ganz offiziell mit dem in Aachen ausgestellten Pilgerpass. „Ich habe mich erkundigt, sie haben mir am Telefon gesagt, dass meine Religionszugehörigkeit zum Islam kein Hinderungsgrund ist“, sagt er und freut sich. Er wird den gesamten Weg von Beginn an zu Fuß machen, rechnet mit zwei bis drei Monaten für den Weg, hat im Rucksack nur das nötigste, Schlafsack, ein kleines Zelt, etwas Wäsche zum Wechseln, Kochgeschirr, Besteck, nicht zu vergessen das Tagebuch und den Skizzenblock.

Portraitmalen für die Reisekasse

Den wird er brauchen, denn er will sich seine Reise unterwegs mit Malen finanzieren: Sich auf die Marktplätze setzen und die Menschen in einer Kohlezeichnung portraitieren, so, wie er es in Vorst (Tönisvorst, Kreis Viersen) immer tut, wenn ihn seine ehemalige Schülerin Erika van der Sandt zur Teilnahme am Markt „Kunst, Kultur und Kulinarisches“ bittet. Schnell erkennt er die wesentlichen Züge in den Gesichtern der Modelle und bringt sie in kurzer Zeit so exakt und naturgetreu zu Papier, dass die Portraitierten begeistert sind.

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 Der ewige Kampf zwischen Licht und Dunkel

Andererseits erwartet er sich Anregungen für seine Kunst. Augenblicke in der Natur, die er an seinem Wohnort Mönchengladbach vermisst, von denen seine Bilder jedoch sprechen. Auch wenn Formen und Strukturen nur wenig gegenständlich sind, so drängt sich beispielsweise unweigerlich der Eindruck einer Schlucht auf, in die sich ein Wasserfall stürzt –  in dem sich das Licht sammelt. Oder das Licht bricht durch das dunkle Dickicht des Waldes und zeichnet schwarz und scharf den Umriss eines Baumes.  „Gott ist Licht“, sagt Achmadow. Eine Labsal im Dunkel, dass sonst herrscht und das in seinen Bildern ebenfalls den entsprechenden Raum hat. Das erklärt die spirituelle Dimension seiner Werke, deren mystische Tiefe die Betrachter in den Bann zieht. „Mit einem Bild darf der Betrachter nicht fertig werden“, sagt er über den eigenen Anspruch an seine Kunst. „Man muss auch nach Wochen, Monaten und Jahren etwas Neues darin entdecken und fasziniert sein. Dabei hat Achmadow noch zur Zeiten des Kommunismus Bildhauerei und Malerei studiert hat. Zu diesere Zeit hatte die Kunst den Maximen des sozialistischen Realismus zu genügen, in der Religion keinen Platz hatte. „Aber wir wurden perfekt in Technik ausgebildet“, sagt er. „Das ist eine sehr gute Grundlage für gute Bilder.“ Günter Kreitz, der bereits vor zehn Jahren ein erstes Bild von Achmadow gekauft hat, beschreibt die Faszination folgendermaßen. „Die Farben sind so weich, und dann dieses Licht! Darin kommt für mich „Es werde Licht!“ zum Ausdruck“, jener Ausspruch aus Buch Genesis, mit dem alles begann.

Sponsor ermöglicht die Reise

Kreitz ist es auch, der Achmadows Pilgerreise nun endlich möglich macht. Der Unternehmer ist Geschäftsführer der Kreilac GmbH, die innovative Hallenheizungssysteme plant, liefert und montiert. Er stellt dem Künstler ungenutzte Räume auf dem Firmengelände an der Bozener Straße 67 kostenlos zur Verfügung. „Wenn ich, wie früher, monatlich die Pacht für ein Atelier aufbringen müsste, ginge das nicht“, sagt Achmadow.

Exlibris: Kleine Grafik gegen das Vergessen von Buchbesitzern

Durch eine 170000 Exemplare umfassende private Schenkung wird Mönchengladbach zum ersten Zentrum der Exlibris-Kunst in Deutschland

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„Ich hatte mir vorgenommen, eine Weltsammlung anzulegen“
Gernot Blum, Sammler

Schuld ist der Onkel. Der hat im Jahr 1954 dem damals 15-jährigen Gernot Blum eine 15-bändige Ausgabe der Werke Friedrich Nietzsches vererbt. „Damit konnte ich noch nichts anfangen“, sagt der Neffe. Aber alle diese Bücher waren innen mit Exlibris auf den Namen Kurt Blum ausgestattet. „Und die haben mich sofort fasziniert!“ erinnert er sich an den Beginn einer Leidenschaft, die ihn bis auf den Tag nicht losgelassen hat und ihn letztendlich in den Besitz einer 170000 Exemplare umfassenden Sammlung brachte. Die hat Blum vor kurzem als Schenkung der Stadt Mönchengladbach übergeben. Die Stadt wird damit zum ersten Zentrum der Exlibris-Kunst in Deutschland.

Exlibris – das bedeutet „aus den Büchern“

Diese kleinen, künstlerisch gestalteten Druckgrafiken gibt es fast so lange wie gedruckte Bücher. Sie enthalten den Namen des Buch-Besitzers und dienten von Anfang an als Erinnerungshilfe, damit der dem er das Buch leiht, nicht vergisst, woher er das Buch hat und es womöglich deshalb nicht zurückgeben kann. Sofort nach dem Antritt des Erbes entwarf Blum sein erstes Exlibris, das von nun an als individueller Schmuck in jedes seiner neuen Bücher geklebt wurde.

Das erste Exlibris gestaltete Blum selbst

Erst 1978 ließ sich Blum das erste Exlibris – wie üblich – von einem professionellen Künstler gestalten, inzwischen hat er 529 in seiner Opus-Liste. Gefertigt werden sie in allen erdenklichen Drucktechniken vom Kupferstich bis zur Computergrafik. Viele bekannte Künstler widmeten sich dieser Kunst. „Die 19 von Albrecht Dürer sind so groß, dass man sie nur in Folianten kleben konnte“, sagt Blum. Er selbst besitzt ein Exlibris von Lucas Cranach dem Älteren. „Mein wertvollstes Stück aus dem Jahr 1480“, sagt er, ausnahmsweise erworben bei einem Auktionshaus.

Tausch auf Börsen oder per Post

Ansonsten werden Exlibris nicht gehandelt, sondern getauscht. So schickte er 1978 sein erstes Exlibris an einen Sammler in Dänemark. „Dafür bekam ich einen Umschlag mit 30 Stück zurück“, erinnert er sich an den Grundstock seiner Sammlung. Auch heute noch geht es per Post – auf der Grundlage von den im Internet veröffentlichten Opus-Listen. „Oder auf Tauschtreffen“, sagt Blum, der vom letzten Jahrestreffen mit 300 neuen Exemplaren zurück kam. Das nächste findet am 13. Juli in der Stadtbibliothek in Mönchengladbach Rheydt statt.

Blum, der jahrelang Vorsitzender der Deutschen Exlibris Gesellschaft war und viel publiziert hat, hat seine Sammlung sehr systematisch aufgebaut „Ich habe es darauf angelegt, eine „Weltexlibris-Sammlung anzulegen“, sagt er zufrieden. Jedes Land ist vertreten und möglichst auch jeder Exlibris-Künstler. „Andere sammeln zu einem Thema oder nach persönlichem Geschmack.“

INFO:

Gernot Blum war wie sein Onkel Kurt Nervenarzt und lebt seit seiner Kindheit in Mönchengladbach. www.exlibris-blum.de

Exlibris-Sammlungen: Die größte ordentlich erfasste Sammlung besteht in Dänemark mit rund 300000 Exemplaren. Gladbach hat mit Blums Schenkung die größte Deutsche Sammlung (mehr als 190000 Exemplare), noch vor dem Gutenbergmuseum in Mainz (maximal 120000 Exemplare). In London lagert die größte Sammlung der Welt, allerdings nicht erfasst und katalogisiert, genau wie in Nürnberg, wo nach Blums Vermutung die ältesten und wertvollsten Exemplare lagern.

Die Stadt Mönchengladbach hat sich im Zuge der Schenkung verpflichtet, die Sammlung zu katalogisieren und zu pflegen.

Die zweite Haut auf dem eigenen Körper

Wolf Tekook lädt Frauen ein, ihm Begriffe zu ihrem eigenen Rollenverständnis zu übermitteln. Er projiziert sie über Frauenkörper, auf Wunsch über den eigenen. Inwieweit die Frauen zu den einzelnen Werken ihren Namen oder ihr Alter angeben, können sie selbst entscheiden.

Wolf Tekook lädt Frauen ein, ihm Begriffe zu ihrem eigenen Rollenverständnis zu übermitteln. Er projiziert sie über Frauenkörper, auf Wunsch über den eigenen. Inwieweit die Frauen zu den einzelnen Werken ihren Namen oder ihr Alter angeben, können sie selbst entscheiden.

Der Fotograf Wolf Tekook sucht für sein neues Projekt noch Frauen, die sich zu ihrem Rollenverständnis äußern

Inspiriert hat ihn ein Kleidercontainer des Deutschen Roten Kreuzes. „Ich habe die Beschriftung fotografiert“, erinnert sich Wolf Tekook. Zuhause sah er sich die Worte an: „Die entstammten natürlich dem wohltätigen Bereich“, sagt der Fotokünstler, der für seine Arbeiten gern Worte und Bilder verbindet. „Pflege, Erziehung, Kind, Besuche . . .“, erinnert er sich. Worte, die nach seiner Erfahrung gut zum Rollenverständnis von Frauen passen. Mit Hilfe der digitalen Bildbearbeitung projizierte er sie auf den Körper einer Frau. „Multitasking“ heißt das Bild, das er auf seiner Homepage zeigt.

Mit Fotografie beschäftigt sich Tekook seit seiner Jugend, mit der digitalen Bearbeitung von Bildern hat er bereits 1982 begonnen. „Da gehörte ich zu den ersten“, sagt er. Seine Werke finden inzwischen internationale Beachtung. 2012 hat er in New York ausgestellt und auf der Biennale in Beijing, 2013 ist eine Ausstellung in Paris geplant, in Israel ist er seit Jahren ein gern gesehener Gast.

„Jetzt wollte ich wissen, was Frauen selbst über ihr Rollenverständnis sagen“, erzählt er über die Entwicklung der Projektidee. Viele Frauen waren spontan bereit, ihm solche Begriffe zu liefern. „Die meisten von ihnen wollten sie auf ihren eigenen Körper projiziert haben“, erzählt er über die weitere Entwicklung des Projekts. Das habe ihn zwar einerseits überrascht, aber andererseits gefreut und er fand die Idee auch naheliegend. „Die Rolle liegt dann über ihrem Körper wie eine zweite Haut.“ Weil Tekook von dem Frauenbild nur den Torso verwendet, Beine und Kopf nicht zu sehen sind, bleibt die Anonymität gewahrt.

Inzwischen hat Tekook genügend Bilder zusammen, um damit die  Ausstellung im April in der artClub-Galerie in Köln zu bestreiten. Doch die Fülle und Vielfalt der Einsendungen lassen ihn nicht ruhen. „Jetzt schwebt mir ein Buchprojekt vor“, sagt er. Es wäre das vierte, nach „Philemon und Baucis: Baum – Mensch“, „HAUTkontakt: Schatten von Träumen“ und „LEBENSkontakte“, die  schon erfolgreich laufen. Die beiden letzteren entstanden in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Johanna Renate Wöhlke.

Kontakt über: www.wolftek.de

Den Menschen immer im Blick

Beim Besuch der Andreas-Gursky-Ausstellung in Düsseldorf musste ich an einen Vers von Bertold Brecht denken.

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Auf den ersten Blick sind es die riesigen Formate, die mich beeindrucken bei der Ausstellung von Andreas Gurskys Werken, die noch bis zum kommenden Sonntag im Museum Kunstpalast in Düsseldorf hängen.

Dann ist es die Weigerung, Klischees zu bedienen. Das einzige Foto aus dem industriell geprägten Ruhrgebiet ist das von der Ruhr in Mülheim, idyllisch bewaldet, mit Anglern unauffällig am Ufer. Das Foto aus Paris zeigt nicht die prunkvollen Schokoladenseiten, sondern einen öden Plattenbau in Montparnasse, der genauso gut in Ostberlin hätte stehen können. Doch auch der ist farbig und lebendig. Dank des großen Formates kann man auf den Balkonen die Menschen entdecken, ihr alltägliches Treiben, die Spuren, die das hinterlassen hat und das versöhnt mit der scheinbar unentrinnbaren Eintönigkeit der Architektur. Ein Spagat, der die riesigen Formate fordert.

Mit dieser Sichtweise setzt sich Andreas Gursky von seinen Lehrern ab. Bernd und Hilla Becher, die Begründer der berühmten Düsseldorfer Photoschule zeigten skulptural unbelebte Architektur.

Die Menschen hinterlassen auch ihre Spuren vor der Eiger Nordwand. Wie eine stark befahrene Autobahn ziehen sich die Ski-Langlauf-Loipen durch das Tal vor der sonst so grandios einsamen  Berglandschaft.

Dass es ihm um „den Menschen“ geht, zeigt sich meiner Meinung nach schon im Bild „Gasherd“. Es stammt aus dem Jahr 1980, das früheste seiner hier ausgestellten Werke. Der Herd steht das schlicht und neutral, weißemailliert vor weißer Wand. Auffällig nur, dass die Herdflammen brennen – ohne dass ein Topf darauf stünde. Brecht kommt mir unweigerlich in den Sinn:

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Ein Foto aus dem Jahr 2008 zeigt die Waschkaue im Bergwerk Ost in Hamm. Jeder Bergmann legt die Sachen, die er momentan nicht benötigt, in einen Eisenkorb und zieht den an einer Eisenkette an die Decke des Umkleideraumes. Aus der Ferne verschmelzen sie zu einem Muster, einer Geometrie, aus der Nähe betrachtet erkennt man jedes kleinste Detail als Zeugnis der Individualität seines Besitzers. So verfährt Gursky mit Müllbergen, dem Strand in Rimini, der Spargelernte in Beelitz (bei Berlin), dem Flughafen in Frankfurt und der Börse in Tokio.

Spuren des menschlichen Eingreifens in die Landschaft reduzieren sich bei ihm bisweilen zum Ornament, wie die Formel-1-Rennstrecke in Bahrain oder sie verschwinden – bei der Ocean-Serie, Blicken auf Meer und Inseln aus großer Höhe. Auch wenn einen auf dem Bild „Katar“ der golden glänzende Raum gefangen nimmt: Mittelpunkt ist nach meinem Empfinden der Mensch, der darauf winzig klein unter einem milchigen Zelt seine Arbeit tut.

Die neuesten Werke, Bangkok, zeigen Licht auf schwarzem Wasser, kleine Ausschnitte, riesig vergrößert, entsprechend der Wirkung, die solche Reflexe in der Natur auf den Betrachter haben. Bei näherer Betrachtung sieht man Moose und Pflanzenteile, Müll und erkennt: „Das Wasser ist dreckig. Aber das Licht bleibt grandios.“

Ich bin mir sicher, dass Gurskys Triebfeder das Staunen ist, das er bei allem Erfolg noch nicht verlernt hat. Er teilt es mit uns.

Eine Schale kehrt nach Hause zurück

Eine alte Kompottschale aus Kristallglas

Die Kristallschale aus der Wohnungsauflösung einer alten Dame. Foto: © Susanne Böhling

Bei der Finissage von Norbert Krauses Ausstellung „para_dies“ in der Pförtnerloge der Fabrik Heeder holte ich das von mir beigesteuerte Objekt wieder ab

Das Ausstellungskonzept von Norbert Krause

Nun ist sie wieder zuhause. Die Kristallschale, die bei der Wohnungsauflösung einer alten Dame an mir hängen geblieben ist. Lange fristete sie ein unbeachtetes Dasein im Vitrinenaufsatz meines Biedermeier-Schrankes. Bis ich Norbert Krauses Aufruf folgen wollte. Der Gladbacher Aktionskünstler richtete auf Einladung des BBK Krefeld in der Pförtnerloge der Fabrik Heeder eine Ausstellung zum Thema „para_dies“ ein, die die Krefelder Bürger bestücken konnten. Sie sollten ihm bringen, was für sie an ihrer Stadt paradiesisch sei. Er katalogisierte die Bilder, Texte und Objekte und stellte sie in eigens dafür aufgebaute Regale.

Auch ich lieferte einen Beitrag zu Norbert Krauses Ausstellung

Mein Beitrag sollte vom Rudern handeln, ein Text über das glitzernde gleißende Licht, wie ich es auf dem Wasser wahrnehme und über das Gefühl des Schwebens, wie ich es bisweilen im Einer erreiche. Dazu sollte eine Portion Rheinwasser gehören, das ich in einer leeren Plastikwasserflasche an der Hafeneinfahrt auf dem Steg des Uerdinger Ruderclubs schöpfte. Auf der Suche nach einem angemessenen Ausstellungsgefäß fiel mir die Kristallschale ins Auge.

Das Rheinwasser war sauberer als vermutet

So dargeboten entwickelte das Objekt in der Pförtnerloge eine gewisse Poesie. Wobei Norbert Krause mir nicht glauben wollte, dass es sich wirklich um Rheinwasser handelte. Es schien ihm zu sauber. Im Laufe der Zeit verdunstete das Wasser, als ich sie am Samstagabend abholte, war die Schale von einer feinen weißen Kalkschicht überzogen. Eine andere Besucherin gab mir den Tipp, sie mit einem Corega Tap zu säubern und klärte auch auf, wofür die Schale ursprünglich genutzt wurde. „Eine Kompottschale“, sagte Evelyn Larisika, zu der noch eine entsprechender Löffel gehört hätte. „Pass gut auf, auf das wertvolle Schätzchen“, sagte sie. Und versprach, mir irgendwann mal zu offenbaren, woher sie vom Wert der Schale weiß.