Vorfreude auf die nächste Konzertsaison

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Mahlers 9. und ein Schlagzeugkonzert

Das Konzertprogramm der nächsten Saison wurde vorgestellt

Generalmusikdirektor Mikhel Kütson will die Waage halten: langjährigen Besuchern der Konzerte der Niederrheinischen Sinfonikern neue Klangerlebnisse bescheren und mit außergewöhnlichen Aufführungen auch solche Menschen anlocken, die bislang nicht den Weg in den Konzertsaal fanden. „Wir sind inzwischen zu 70 Prozent ausgelastet“, freut er sich über die Entwicklung  der Besucherstatistik.

International anerkannte Solisten erfreuen die Zuhörer und inspirieren die Orchestermusiker

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Wichtiger Fokus für Kütson: Komponisten aus dem Baltikum

Unbekannt dürfte das „Viatore“ von Pēteris Vasks im fünften Sinfoniekonzert sein. „In dieser Saison hatten wir den Esten Heino Eller im Programm“, begründet Kütson, der selbst aus dem estischen Tallinn stammt, die Hinwendung zu baltischen Komponisten, „in der nächsten dann den Letten Vasks.“Auch die Begegnung mit der Sinfonie Nr. 4 von Franz Adolf  Berwald dürfte neu sein. „Er ist hier unbekannt, gilt aber als Mozart Schwedens, mit einer ganz eigenen Tonsprache“, so Kütson.

Mahlers 9. Sinfonie als persönliche Herausforderung für den GMD

Die Saisoneröffnung am 12. September in Mönchengladbach und am 13. September in Krefeld mit der Sinfonie Nr. 9 von Gustav Mahler empfindet Kütson selbst als Herausforderung, allein von der Länge her. „Das Stück dauert 90 Minuten“, nennt er einen Grund. „Außerdem ist es für mich mit meiner unruhigen Art nicht so einfach, die Ruhe und Abgeklärtheit des reifen Mahlers zu transportieren.“ Weitere Höhepunkte bilden sicher die 3. Sinfonie von Ludwig van Beethoven im 2. Sinfoniekonzert. Im 6. Kommen die expressiven Werke „Nacht auf dem Kahlen Berge“ von Modest Mussorgskys zur Aufführung und die 10. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch. „In ihr verarbeitet er die Grauen der Stalin-Ära“, so Kütson.

INFO:

Es gibt in der nächsten Saison wieder zwei Chorkonzerte, das Neujahrskonzert in Krefeld und Mönchengladbach sowie das Konzert zum Tag der Deutschen Einheit in Krefeld.

Kinderkonzerte: Neben den fünf Konzerten der Kinderaboreihe wird wieder „Peter und der Wolf“ von Sergej Prokofjew aufgeführt. Als Schulkonzert wurde „Der Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns gewünscht. Für das Schlagzeugkonzert haben Schüler die Möglichkeit, eine Probe mit nachfolgendem Konzertbesuch zu erleben.

Kammermusik Die Orchestermusiker spielen in kleineren Besetzungen fünf Kammerkonzerte.

Alle Infos und Termine unter www.niederrheinische –sinfoniker.der

Vorfreude auf die Sommermusik Schloss Rheydt

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Wer bei den Konzerte zwischen dem 19. und dem 28. Juli noch dabei sein will, sollte sich schnell um Karten kümmern.

Für Roger Cicero gibt es noch ungefähr 200 Karten. Er ist zu Gast bei der diesjährigen Sommermusik Schloss Rheydt, genau wie Earth Wind & Fire, transportiert von Al McKay, der seit 1973 mit den Brüdern White unterwegs war. „Dafür gibt es noch etwas mehr Karten“, sagt Günter vom Dorp, der die Sommermusik in diesem Jahr zum siebten Mal veranstaltet.

Von Anfang an begleite ich diese Veranstaltung als Berichterstatterin. Sie hat mir im Laufe der Jahre unvergessliche Erlebnisse beschert.

„Insgesamt sind alle Konzerte bereits zu 60 Prozent ausverkauft“, sagt er. „Es ist eine große Erleichterung, wenn so viele Menschen das Wetter-Risiko mittragen. Es zeigt auch, dass sie die Veranstaltung wirklich schätzen.“ Legendär ist ein Konzert der Niederrheinischen Sinfoniker bei strömendem Regen im Jahr 2010. „Alle waren so beeindruckt, dass die Orchestermusiker ihre Instrumente überhaupt ausgepackt haben, und dann auch noch gespielt haben!“ erinnert er sich. Niemand ging, auch in der Pause nicht, die Atmosphäre war beeindruckend dicht. Denn alle lauschten andächtig, wie sich die Musik mit dem Prasseln des Regens paarte. Für das Programm hat Mikhel Kütson, Generalmusikdirektor des Theaters Krefeld Mönchengladbach, der selbst am Pult stehen wird, gängige Stücke beispielsweise aus „Figaros Hochzeit“ von Wolfgang Amadeus Mozart, aus „Romeo und Julia“ von Charles Gounod, der „Westside-Story“ von Leonard Bernstein oder „Kiss me Kate“ von Cole Porter zusammengestellt.

Die Idee: Das Schloss wieder als Bühne nutzen

Diesem Orchester ein Open-Air-Forum zu bieten, war die ursprüngliche Absicht vom Dorps. „Ich bin in Rheydt aufgewachsen und erinnere mich noch daran, dass damals das Rheydter Theater das Schloss im Sommer für Aufführungen nutzte.“ Weil für ein einzelnes Konzert die Kosten mit Bühnenaufbau und Technik zu groß wären, entstand die Idee zu dem Festival, bei dem Künstler verschiedener Stilrichtungen auftreten. Auch Choreograph Robert North ließ sich gern mit ins Boot holen. Aufführungen von „Romeo und Julia“ oder „Casanova“ vor der Kulisse des Renaissance-Schlosses bleiben mir ebenfalls unvergesslich.

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Bühne für internationale und regionale Musik-Größen

In diesem Jahr geht die Sommermusik zwischen dem 19. und dem 28. Juli über die Bühne. Den Anfang macht Fun & Friends. Die Beatles Revival Band Fun, bei der vom Dorp singt, tritt traditionell zusammen mit dem Jugendsinfonieorchester der Stadt auf. „Alle unsere Schüler sind sehr gern dabei“, sagt Christian Molescov, Leiter der Musikschule und Dirigent des Abends. Die Niederrheinischen Sinfoniker treten am Sonntag mit dem Programm „Love is in the Air“ auf. Eine andere regionale Kult-Band bildet den Abschluss: Die Black Brothers and the Bad Bones besteht aus hochkarätigen Rock- und Blues-Musikern. Größen wie die Gitarristen Dennis Hormes und Jens Filser sind dabei, die Afro-Amerikanische Opernsängerin Richetta Manager übernimmt den Part der Aretha Franklin. Sie ziehen regelmäßig im November eine Blues Brothers Show und Party ab, die inzwischen über 1000 Fans nach Willich lockt. Bei der Sommermusik bestreiten sie das Abschlusskonzert am 28. Juli.

Das Schloss als Dreh- und Angelpunkt der Aufführungen

Dass Musiker wie Roger Cicero (Auftritt am 21. Juli) gern nach Schloss Rheydt kommen, hat mehrere Gründe: „Das es hier gut ist, spricht sich herum“, sagt vom Dorp. Außerdem kommt er bei seiner Arbeit als Moderator beim WDR immer wieder mit interessanten Künstlern ins Gespräch. „Als ich Annett Louisan von der Sommermusik erzählte, wollte sie unbedingt dabei sein“, erinnert er sich. Sie bot einen der Höhepunkte im vergangenen Musiksommer. Außerdem bieten sowohl Turnierwiese wie auch der Arkadenhof dank der umgebenden Gebäude eine hervorragende Akkustik. „Das ist bei vielen Open-Air-Bühnen ganz anders“, sagt vom Dorp. „Da kann der Wind den Klang verwehen und bei den Zuhörern kommt womöglich nicht mehr viel an. Das ist dann ärgerlich.“

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Gladbachs Schokoladenseite musikalisch genießen

Die Qualität der hier gebotenen Konzerte spricht sich auch unter Besuchern herum. Obwohl vom Dorp nur regional für das Festival wirbt, kommen die Besucher auch aus den Niederlanden, Belgien, Niedersachsen oder Baden-Württemberg. „Viele buchen dann übers Internet mehrere Konzerte und machen sich eine schöne Woche in Mönchengladbach“, berichtet er aus den Rückmeldungen aus dem Internet-Verkauf. Die Sommermusik rückt eine der Schokoladenseiten der Stadt ins rechte Licht.

Inzwischen gibt es eine lange Reihe von Sponsoren, die die Sommermusik Schloss Rheydt unterstützen. Auch die Stadt ist mit der MGMG mit im Boot. „Sie übernimmt die Logistik mit Absperrgittern und Kassenhäuschen“, so vom Dorp.

 Termine

19. Juli: Fun & Friends mit dem Jugendsinfonieorchester der Musikschule

20. Juli: Klassik Open Air 2013 mit den Niederrheinischen Sinfonikern

21. Juli: Roger Ricero & Big Band

24. Juli: Lydie Auvray (Akkordeon) Trio im Arkadenhof – 3 Coleurs

25. Juli: Ulla Meinecke Crew im Arkadenhof – Songs und Stories

26. Juli: Soneros de Verdad – Buena Vista Cuba Night

27. Juli: Earth Wind & Fire

28. Juli: Black Brothers & the Bad Bones – Blues Brothers Show

Tickets unter www.sommermusik-mg.de

Aus Love-Story wurde Krieg der Welten

© Andi Herrmanns

© Andi Herrmanns

Viel Beifall erntete die Komödie „Küss langsam“ von Michael Ehnert

St. Tönis. Für einen knallharten Action-Schinken braucht man keine große Leinwand. Es genügen zwei – gute! – Schauspieler und ein Techniker, der 40 Einspieler und 80 Lichtwechsel rechtzeitig vornehmen kann.

Das reicht, um das Kino im Kopf der Besucher im Forum Corneliusfeld so in Schwung zu bringen, dass sie mitgerissen sind, von der Action-Komödie „Küss langsam“, die hier am Donnerstagabend über die Bühne ging. Wenn sich Jennifer und Michael Ehnert im Amtsgericht beim Warten auf den Scheidungsrichter vorstellen, wie die Action-Serie hätte weitergehen können, bei deren Dreharbeiten sich zwei Schauspieler drei Jahre zuvor auf den ersten Blick ineinander verliebt haben.

Wie die Journalistin an brisante Unterlagen kam

Hochdramatisch und lebensbedrohlich geht es da zu, wenn der „Bulle“ der Journalistin hilft, an hochbrisante Unterlagen zu einem Skandal zu kommen, in den es gleichermaßen um die Atom-, Bestechungs- und Bauthematik geht.

© Andi Hermanns

© Andi Hermanns

Das übertragen die beiden Schauspieler mit Hilfe des Technikers so authentisch auf die Zuschauer, dass sogar auf Requisiten und Kostüme verzichtet werden kann.

Der normale Wahnsinn im Verhältnis der Geschlechter

Andererseits ist das Stück aus der Feder von Michael Ehnert, der auch schon für das Kom(m)ödchen und die Lach- und Schießgesellschaft geschrieben hat und für seine kabarettistischen Leistungen ausgezeichnet wurde, durchaus zum Lachen. Es geht um den Wahnsinn im Verhältnis der Geschlechter, der heute noch frisch und heiß verliebte Paare morgen schon regelmäßig vor den Scheidungsrichter führt.

© Andi Hermanns

© Andi Hermanns

Die Kommunikationsprobleme werden vorgeführt, die Aggressionen, die man gegenseitig auslöst, die enttäuschten Erwartungen und die Angst, die Erwartungen des anderen zu enttäuschen, sowie die vergeblichen Versuche, die Befindlichkeiten des anderen irgendwie unauffällig in den Griff zu bekommen. Und das Material, das die Journalistin zufällig zum Verhältnis der Geschlechter birgt, ist noch wesentlich brisanter als das zum Bau- und Atomskandal.

Latexhandschuhe um den Fußboden zu wischen

Da lachen die Tönisvorster sogar Tränen. Auch an Stellen wie der, an der „sie“ sauer ist, wenn „er“, die für „Spielchen“ gekauften, schwarzen Latexhandschuhe beim Wischen des Schlafzimmerbodens nutzt. Ihr Lachen klingt nicht so, als ob sie das alles nicht kennen würden. Sie lachten auch, um Distanz zu bekommen. Leider war das Forum nicht ausverkauft. Als ob nicht mehr Beziehungen in Tönisvorst und Umgebung solcher Therapie bedürften.

» Nächste Vorstellung aus der Kabarettreihe des Stadtkulturbundes: 24. Mai 2013,/ 20 Uhr, Markus Krebs: Literatur unter Betäubung

 

Bluesfestival in Willich: Zum letzten Mal im Kaisersaal

Klaus Haselhoff und Jochen Contzen holten zum sechsten Mal Bluesbands in die Region

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Schon beim Auftritt der ersten Band gibt es nur strahlende Gesichter. Blues Deluxe traf mir ihren rocklastigen Stücken sofort den Nerv der Zuschauer beim diesjährigen Bluesfestival. Die fünfköpfige Gruppe um den Bassisten Vater Jochen Eminger, mit seinem Sohn Dennis (Gesang und Gitarre) und Georg Maar am Keyboard ist in Willich bereits von einem Konzert bei „Jochen & Friends“ bekannt. Diesmal kam sie mit einem neuen Gitarristen, Pierre Wrobbel und einem neuen Drummer, Frank Mellies und wirkten geschlossener und dynamischer. „Ihr seid für mich die beste Blues-Rockband Deutschlands“ bescheinigte ihnen Veranstalter Klaus Haselhoff anschließend mit strahlendem Gesicht. Gemeinsam mit Jochen Contzen stellt er seit 2003 alle zwei Jahre das Willicher Bluesfestival auf die Beine. Die beiden gelten als Blues-Liebhaber und Spezialisten, Contzen pflegt die Bluesgemeinde im Kreis Viersen und weiterem Umland als Jake Blues mit den Konzerten der Black Brothers and the Bad Bones im November im Kaisersaal. http://www.bluesdeluxeonline.de/

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Klaus Haselhoff, Veranstalter des Bluesfestival Willich

Ein bisschen Wehmut schwingt mit bei Haselhoff, der den ganzen Nachmittag im Kaisersaal für die Künstler und ihre Crews Kaffee gekocht hat. „Das ist das letzte Mal, dass wir hier veranstalten“, sagt er. Schließlich wird der Kaisersaal Ende 2014 geschlossen und steht dann zum nächsten Bluesfestival 2015 nicht mehr zur Verfügung. Ein Ausweichquartier ist noch nicht ausgemacht, zumal das Flair des Kaisersaals mit seinem vibrierenden und schwingenden Holzboden und seinem urigen Charme wie gemacht zu sein scheint für den Blues.

Genau wie Big Daddy Wilson. Der kommt mit seiner fünfköpfigen Truppe zwar wesentlich ruhiger daher, aber seine weiche Stimme hat genau den richtig wehmütigen Klang, der die Seele des Blues verkörpert. Seine Liebe zur Musik seiner Vorfahren entdeckte er übrigens erst während eines Army-Aufenthalts in Deutschland.

Da war es für die Ruf Records Blues Caravan 2013 nicht so einfach, daran heranzureichen. Schon ihren Opener, „Proud Mary“, bei dem die Solisten Jimmy Bowskill, Bart Walker und Joanne Shaw Taylor gemeinsam auftraten, hatte im Kaisersaal bei den Konzerten der Black Brothers mit Solistin Richetta Manager schon besser, mit wesentlich mehr Power gehört. Auch bei den anschließenden Soloauftritten der drei von jeweils einer halben Stunde (immer mit dem gleichen Schlagzeuger und dem gleichen Bassisten) konnten sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht so fesseln wie die Vorbands.

INFO: Das Bluesfestival Willich fand zum sechsten Mal statt, zum letzten Mal im Kaisersaal. Es wird frei finanziert, lediglich mit Unterstützung der Sparkasse, Volksbank und der Schreinerei Jörg Dattler aus Tönisvorst.

Nächster Termin: Auch in diesem Jahr wird es zwei Konzerte der Black Brothers and the Bad Bones im November im Kaisersaal geben. Sie treten außerdem am 28. Juli bei der Sommermusik Schloss Rheydt in Mönchengladbach auf. http://www.sommermusik-mg.com/programm-2013/

Ein Loblied auf den Verfall der Sitten

© Matthias Stutte: Das Dorf wartet brav den Nachtwächter ab. Dann schleicht es zur Maskerade

© Matthias Stutte: Das Dorf wartet brav den Nachtwächter ab. Dann schleicht es zur Maskerade

Die komische Oper „Maskerade“ von Carl Nielsen hatte am Freitag in Rheydt Premiere

Es gibt viele Gründe, die „Maskerade“ aufzuführen, die am Freitagabend in Rheydt Premiere feierte. Die komische Oper von Carl Nielsen gilt als Rarität auf den Opernbühnen, dänische Nationaloper und bietet ausgezeichnete Unterhaltung. Die Geschichte beruht auf dem scheinbaren Konflikt der geplanten, zwangsweisen Verheiratung von Leander (Michael Siemon) und Leonora (Debra Hays). Die widersetzen sich – schließlich haben sie sich auf dem Maskenball verliebt, und auch wenn sie nicht wissen, in wen, will jeder von ihnen dem Gebot des Vaters trotzen. Der Konflikt löst sich auf, denn nach der Demaskierung sehen sie, dass sie freiwillig lieben, wen sie lieben sollen. Es geht auch um das Aufbegehren gegen eine genussfeindliche, pietistische Lebenshaltung, ein Stoff, den Nielsen den Librettisten Vilhelm Andersen bei Ludvig Holberg, dem Lieblingsdichter der Dänen, entleihen ließ, der sich bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für „unschuldigen Zeitvertreib“ aussprach, „der aus diesem sauren Leben herausreißt.“

Das Stück lässt die Sänger glänzen, die dabei wieder ihr hervorragendes schauspielerisch-komödiantisches Können entfalten können, hat wunderbare Chorstücke (Einstudierung: Maria Benyumova) und ist eine angemessene Aufgabe für die Niederrheinischen Sinfoniker (Leitung: Alexander Steinitz). In der witzigen, temporeichen Inszenierung von Aron Stiehl sieht man die Akteure bei Morgentoilette und beim Saunagang. Bühnenbildner Jürgen Kirner, verlagert den Konflikt in eine Ikea-Idylle. Kostümbildnerin Dietlind Konold kann besonders bei der Maskerade aus dem Vollen schöpfen. Der Haustyrann Jeronimus erscheint als aufgeplusterter Hahn, Miss Piggy und Kermit sind mit von der Partie, vor allem aber auch Adam und Eva inklusive aller funktionsfähiger Details unter den Feigenblättern, bringen die Zuschauer zum Lachen.

Gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der das doch konservative Theaterpublikum (meist in fortgeschrittenem Alter) diese Frivolitäten annimmt, lässt die Frage keimen, ob so ein Loblied auf den Hedonismus heute noch nötig ist, wird er doch  selbstverständlich gepflegt oder gar zur Maxime erhoben. Die Antwort liefert vielleicht das Ballett in der Choreographie von Robert North. Das steigert das wilde Treiben auf der Maskerade ins karikaturhafte und deutet so dezent an, dass allein der Verfall der Sitten keine Lösung aus der Enge der eigenen Seele darstellt.   

Weitere Termine: http://www.theater-kr-mg.de/spielplan/musiktheater/maskerade.htm

Integration – provokant aufbereitet

Das Theaterstück „Verrücktes Blut“ unterhält auf höchstem Niveau

Atemberaubend radikal und brisant unterhielt das Theaterstück „Verrücktes Blut“ das Publikum im ausverkauften Forum Corneliusfeld in Tönisvorst. Das mehrfach und sogar als Theaterstück des Jahres ausgezeichnete Drama stieß in der Inszenierung der Konzertdirektion Landgraf auf breite, begeisterte Resonanz.

Das Stück platzte 2010 in eine Atmosphäre, die durch Thilo Sarazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, ziemlich aufgeheizt war. Es zeigt eine Klasse aus Migranten die sich – zu 100 Prozent dem Klischee entsprechend machohaft und respektlos – dem Projekt zu dem Sturm- und Drang-Dichter Friedrich Schiller verweigert. Erst als der Lehrerin die Pistole aus dem Rucksack eines Schülers in die Hand fällt, kann sie die Klasse zu Mitarbeit und Konzentration auf die Texte zwingen und ihnen eine Sprache und eine ästhetische Form für ihre eigenen Probleme offenbaren. Schließlich geht es in Schillers „Die Räuber“ um Mechanismen in einer Gruppe Ausgegrenzter, die auch heute noch genauso funktionieren. Außerdem geht es hier, wie auch in „Kabale und Liebe“, das ebenfalls behandelt wird, um zwei Frauen, die ermordet werden, weil es die Ehre erfordert.

Das Erleben im Klassenzimmer ist ein Akt der Befreiung für die Schüler, für das Publikum ein Beweis für den Wert und den Sinn von Kunst und Kultur. Doch die Geschichte steckt voller überraschender Wendungen, die vom ersten bis zum letzten Augenblick fesseln.

Johanna Kollet spielt die Lehrerin im strengen Kostüm, die zunächst ohnmächtig ist und dann, mit der Pistole in der einen und dem Reklamheft in der anderen Hand selbst Grenzen überschreitet, die Schüler bloßstellt, sie demütigt und die Regeln der Gewaltlosigkeit missachtet. Taneshia Abt, Sara-Hiruth Zewde, Marios Gavrilis, Moses Leo, Daniele Veterale, Serkan Durmus und Florian Lüdtke agieren in den Rollen der Schüler authentisch, jede Aktion in dem temporeichen Stück kommt auf den Punkt, eine herausragende, handwerklich künstlerische Leistung.

Bis ins Detail ist die Inszenierung durchgearbeitet und wartet auch mit Witz auf. Wenn beispielsweise die Lehrerin die Schüler mit der Pistole zu ordentlichem Deutsch zwingt, ein korrektes „CH“ zu sprechen, wie sie ihre Wut schließlich mit den gleichen Worten äußert, die zuvor aus dem Mund der Schüler das Publikum schockierten.

Weitere Aufführungen des Stadtkulturbundes Tönisvorst

http://www.stadtkulturbund-toenisvorst.de/Spielplan/spielplan.html

Friss oder stirb – schnell

© Foto Susanne Böhling

Der magersüchtige Jonas und die Krankenschwester Alina

Die freie Bühne Stückwerk aus Süddeutschland liefert ein Theaterstück zum Hunger in der Welt und für den fairen Handel

Weiter möchte ich von dem Theaterstück „Friss oder Stirb“ berichten. Das habe ich im Auftrag der Kirchenzeitung in St. Albertuskirche in Mönchengladbach gesehen. Ein Stück, das das Theater Stückwerk entwickelt hat, um Jugendliche zum Nachdenken über Hunger und Überfluss anzuregen – und das ein atemberaubendes Tempo vorlegte! Thomas Hoogen, Fachbereichsleiter für „Weltkirche“ entsprach mit dem Engagement des Theater Stückwerk dem Bedarf Fairtrade-Szene im Bistum.

Das Tempo entspricht den Bedürfnissen der Jugendlichen

„Verstehen die Schüler überhaupt, was Sie da aussagen“, fragt eine Zuschauerin in der Diskussion, die die Schauspieler Tine Hagemann und Dominik Burki im Anschluss an die Aufführungen anbieten. „Ja, das ist das Tempo der jungen Menschen heutzutage“, sagt Tine Hagemann. Sie erinnert an die Computerspiele, an die schnellen Schnitte in den Video-Clips, mit denen die Jugendlichen heutzutage auf Schritt und Tritt konfrontiert werden. Ein Tempo das sie suchen, weswegen sie sich schnell langweilen – und stören – wenn es ihnen nicht geboten wird.

© Fotos Susanne BöhlingK640_Als Multinationaler  K640_Hank

Roadmovie über den Hunger der Welt mit einem Magersüchtigen

Diese Herausforderung meistert die Inszenierung des Theater Stückwerks. In der Geschichte geht es um vier Personen: Alina, Krankenschwester in einer psychiatrischen Abteilung für Essgestörte hat einen Film gedreht und geschnitten, in dem es um kriminelle Machenschaften bei der Nahrungsmittelproduktion und die Ausbeutung von den dort beschäftigten Menschen in Schwellenländern geht. Der Privatdetektiv Hank soll ihr im Auftrag eines globalen Konzerns den Film abnehmen und die Veröffentlichung verhindern. Die notorische Diebin Sophie lernt beim Ableisten ihre Sozialstunden in der Klinik den magersüchtigen Jonas kennen, denkt, dass er bald sterben muss und überredet ihn zur Flucht ans Meer.

„Mit der Figur des Jonas ist der Hunger immer gegenwärtig auf der Bühne – obwohl das Stück hier in Europa spielt“, erklärt ihr Darsteller. Dafür klaut Sophie zufällig den Wagen von Alina, deren Handtasche und den Datenstick mit dem Film. So entwickelt sich ein spannendes Roadmovie aus unzähligen kurzen Sequenzen, bei denen die schlichte, aber raffiniert eingerichtete Bühne wunderbare Dienste leistet: Die Protagonisten können sowohl verträumt am Meer sitzen, als auch Auto fahren oder an einem Stehpult Vorträge halten.

Wenig Requisiten helfen bei der Verwandlung

Eine Wendeweste mit brauner Seite – für Sophie – und weißer – für Alina – verdeutlicht die Frauenfiguren, eine Sonnenbrille Hank, eine normale Brille Jonas, wobei die Schauspieler die Figuren durch Mimik, Gestik und Sprachduktus deutlich herausarbeiten.

Wichtige Infos werden ganz nebenbei geliefert

„Ganz nebenbei“ informieren sie über Fleischkonsum, Lebensbedingungen der Erntehelfer und stellen unsere Konsumbedingungen in Frage. „Besser, als mit erhobenem Zeigefinger zu mahnen, nicht so viel wegzuwerfen, ist beispielsweise diese Mülltonne neben der Bühne“, sagt Dominik Burki. Dahinein werfen die Schauspieler während des Stücks alle Requisiten, die sie anschließend nicht mehr benötigen, den abgelegten Schlips wie den angebissenen Apfel. „Dann kommt meist die Frage: „Warum werft ihr so viel weg.“ Das regt zum Nachdenken an nutzt mehr als der Zeigefinger.“

INFO:

Buchungen für das Theaterstück „Friss oder Stirb“ ist über die Homepage des Theater Stückwerks. www.theater-stueckwerk.de möglich.