Mit der Hand auf einem Männerhintern für die Rechte der Frauen


Zu einer Zeit als schlecht bezahlte Journalistin

Erzählt habe ich die Geschichte schon öfter. Besonders gern anderen Frauen. Denn irgendwie fühlte sie sich ein bisschen nach Triumpf an. Und sie spielte Mitte März, also durchaus in zeitlichem Bezug zum Weltfrauentag, und zu einer Zeit da ich als Freie Journalistin für die ortsansässige Redaktion einer Tageszeitung schrieb. Ich tat das nicht des Geldes wegen – deswegen nenne ich es auch nicht „arbeiten“. Eigentlich ließ ich mich ausbeuten.

Mein Augenmerk richtete ich jedoch auf anderes: Mir wurde bestätigt, dass mein ursprünglicher Berufswunsch – Journalistin – durchaus meinen Begabungen entsprochen hätte, das allein machte mich glücklich. Ich genoss die Anerkennung, die ich für meine – durchaus frechen – Texte bekam. Jeden Tag konnte ich meine Neugiersnase irgendwo reinstecken, sie rausziehen, darüber schreiben und weiter gings. Was habe ich viele interessante Menschen getroffen! Außerdem waren die festangestellten Redakteure in der Redaktion witzig und niemals sahen sie auf mich herab, auch wenn ich in Sachen Einkommen am untersten Ende stand. Ich habe die Zusammenarbeit genossen, viel gelernt und kam mit allen gut aus.

Pantoffelheld mit Allüren

Auch wenn Redakteur H. beispielsweise durchaus Macken hatte. Er stand zuhause unter dem Pantoffel von fünf Frauen: Seiner Ex, seinen drei Töchtern und seiner gegenwärtigen Ehefrau. In der Redaktion jedoch irritierte er bei jeder Gelegenheit die Volontärinnen mit Sprüchen, die so ganz haarscharf ans sexistische grenzten und die jungen Frauen in Verlegenheit stürzten.

Mich ließ er in Ruhe. Nicht von Anfang an. Aber ich hatte seine Versuche ein paar Mal so gekontert, dass er dann derjenige war, der mit hochrotem Kopf dem Gelächter der Kollegen ausgesetzt war. Also ließ er es bleiben.

Erst nach Kaffee schauen

Dieser Kerl, fragt mich doch eines Morgens, Mitte März, ob Kaffee da sei. „Oups“, dachte ich und antwortete: „Keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht, ich bin nämlich gleich wieder weg zum ersten Termin, ich wollte nur schnell den Schlüssel vom Redaktionsauto holen.“ Als ich den an mich genommen hatte, hielt ich inne und gab mich gnädig: „Aber weißt Du was, H., für Dich schaue ich nach.“ Ich öffnete die Tür zur Teeküche, schloss sie wieder und sagte: „Nein, kein Kaffee da!“ Damit wollte ich schon abzischen, aber H. stellte sich mir in den Weg, klimperte mit den Augendeckeln und fragte: „Machst Du welchen?“

Dann Kaffee kochen?

Das war starker Tobak. Denn ein ungeschriebenes Gesetz in der Redaktion lautete, dass niemand, egal welcher Stellung, zum Kaffeekochen verdammt und missbraucht werden dürfte. Das führte dazu, dass so gut wie jeder mal Kaffee kochte. Jeder, mit Ausnahme von H., der wirklich nie Kaffee kochte, aber als erster in der Teeküche erschien, wenn es nach frischem Kaffee duftete.

Meine Kurzschlussreaktion zum Weltfrauentag

Das konnte ich ihm nicht durchgehen lassen. Kurzerhand (ich weiß dann immer nicht, was mich antreibt, aber egal) trat ich neben ihn, legte meine – rechte – Hand auf seinen Hintern, sah ihm ins Gesicht und sagte: „Nö“. Dabei dachte ich mir: ‚Wenn Du den Macho raushängen kannst, kann ich das auch.‘ Alle im Raum hielten die Luft an. H. blieb äußerlich ungerührt, ließ aber durchaus kokett seine Gesäßmuskeln unter meiner Hand spielen. Endlich löste sich einer der Kollegen aus seiner Schockstarre. „Susanne“, stieß er hervor, „heute ist doch gar nicht Weltfrauentag!“ Und H. antwortete: „Die, die hat doch das ganze Jahr Weltfrauentag.“ Wieder Gelächter, wieder auf seine Kosten, aber immerhin hatte er mit seiner Bemerkung dazu beigetragen.

Wo liegt der Unterschied?

Das ist nun schon eine sehr lange Zeit her. Bestimmt zehn bis 15 Jahre. Heute ist Weltfrauentag und ich denke wieder daran. Es fühlt sich immer noch gut, es diesem Macho gezeigt zu haben. Und wer immer jemals Underdog war, lacht befreit auf, wenn ich davon erzähle.

Wobei es sehr viele Frauen (die mit guten Verdienst vor allem) gibt, die dann politisch total korrekt sein wollen und meinen, man dürfe nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Dabei schauen sie allerdings nicht tief genug: Ich konnte damals gar nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Erstens hätte H. sich nie getraut, mir an den Hintern zu fassen. Und: Ich habe gegen das Machtgefälle, von unten nach oben agiert, während Hardy Weinstein seine Macht von oben nach unten missbrauchte.

Vielleicht neiden sie mir auch nur meine bisweilen drastischen spontanen Einfälle ungeklärter Herkunft (als Christin mache ich dafür den Heiligen Geist verantwortlich. Und danke ihm.)

Wäre schön, wenn uns das weiter bringen würde

Was bei solchen Betrachtungen ganz in Vergessenheit gerät: Der Frauentag ist ein Kampftag. Und der Kampf um Gleichberechtigung und die Emanzipation von Arbeiterinnen ist noch lange nicht ausgekämpft. Auch wenn ich mich heute nicht mehr ausbeuten lasse. Wir müssen ihn jeden Tag kämpfen. Dass wir endlich die gleichen Chancen bekommen, wenigstens, wenn schon nicht dieselben.

Und es wäre so schön, wenn sich die Männer gegen meinen Anspruch genauso wenig wehren würden wie H. gegen meine Hand auf seinem Hintern.

© Susanne Böhling

Wenn Dir meine Geschichte gefallen hat – bitte teile sie, damit noch mehr Menschen daran Freude haben. Vielleicht möchtest Du etwas gedrucktes von mir in der Hand haben oder verschenken? Bestelle Dir mein Buch und unterstütze mich bei meiner unentgeltlichen Arbeit