Wenn die bösen Buben nicht locken …

… bleib’ ich zuhaus’ und stricke socken

Okay. Jetzt kommt das nächste Outing. Ich stricke. Handarbeiten mochte ich eigentlich nicht so gern. Von meiner Mutter bekam ich nämlich immer den Satz zu hören: „Wenn die bösen Buben locken, bleib zuhaus‘ und stopfe Socken – was sich mühelos umwandeln ließ zu „… stricke Socken.“ Ich wollte lieber was erleben. Und nicht zuhause rumhocken, um mir womöglich von meiner Oma „gute Ratschläge“ geben zu lassen. Die hatte nämlich das Monopol aufs Socken stricken und ihre Monopole verteidigte sie immer mit Klauen und Zähnen. Sprich: mit Spott und Häme. Den bekam ich ab, wenn ich etwas nicht auf Anhieb schaffte. Heute, wo man zuhause bleiben muss und soll, bin ich natürlich unglaublich froh um dieses Hobby.

Geduld mit den Kunden

Angefangen habe ich es vor zirka drei Jahren, seit ich am Telefon arbeite, im technischen Support. Grob gesagt: Ich erkläre den Kunden, wie sie eine Software bedienen müssen. „Jetzt klicken Sie bitte dahin.“ – Kann ich nicht. Gibt es nicht.“ – „Schauen Sie bitte mal oben am Rand. Was sehen Sie da?“ – „Das und das und das.“ – „Also, und eine Zeile drüber?“ – „Ja, tatsächlich“ … „Ach wunderbar, jetzt funktioniert es wieder, vielen Dank.“

So laufen diese Gespräche meist. Aber das, was ich da mit den drei Punkten angedeutet habe, das kann sich ziehen. Und auch bis „Ja, tatsächlich“, dauert es bisweilen. Da heißt es Geduld bewahren, ruhig bleiben, wo ich den Kunden bisweilen am liebsten mit der Nase hin stupsen würde! Eine echte Herausforderung, denn erschwerend kommt hinzu, dass wir uns nicht bewegen können. Wir sind ja mit unserem Headset am Arbeitsplatz festgekettet, die Leine ist sehr kurz und ich habe notorischen Bewegungsdrang.

Irgendwann sah ich eine Kollegin mit einem Häkelzeug …

… und machte mich ans Stricken. Dann können sich auch meine Hände bewegen und nicht nur mein Mund. Natürlich nur einfache Sachen, bei denen man nicht denken muss, sonst mache ich zu viele Fehler, meine Aufmerksamkeit ist ja bei den Kunden. Anfangs war ich sogar bei französischem Patent überfordert, aber man bekommt Routine. Inzwischen kann ich sogar Socken stricken bei der Arbeit. Anfangs habe ich Ferse und Spitze in der Freizeit gestrickt, inzwischen geht das so von der Hand. Omas Aversionen sind mir egal, für Socken finde ich immer dankbare Abnehmer. Und die Geduld mit meinen Kunden wächst wirklich stetig. Schließlich mache ich auch für jedes Paar Socken mindestens 16000 Mal die gleiche Bewegung und bin mir sicher, dass ich irgendwann fertig werde.

Die Freude beim Aufribbeln

Aber nicht nur die Geduld mit meinen Kunden wächst. Auch mit mir. Dabei neige ich eigentlich zu cholerischen Anfällen. Zumindest verschiebe ich die Vollendung von Projekten, die nicht sofort klappen, gern auf den Sankt-Nimmerleins-Tag, den man in keinem Heiligen-Kalender findet. Inzwischen ribble ich sogar. Ohne auf die Idee zu kommen, dass das verschwendete Zeit sei. Daran ist meine Teamleiterin schuld. Sie hatte nichts gegen meine Nebentätigkeit, weil sie in der Zeit, als noch selbst telefonierte, auch gestrickt hat. Jetzt kommt sie immer mal wieder mit neuen, wunderschönen Pullovern in die Arbeit, die sie natürlich in der Freizeit fertigen muss.

Ich habe inzwischen auch mehr Geduld mit mir

Von ihr stammte der Hinweis auf einen Blog, auf dem die Strickerin dafür plädiert, mit Freude aufzuribbeln. Davon wollte ich anfangs nichts hören. Ich war davon überzeugt, dass ich alle Projekte auf Anhieb zu meiner vollsten Zufriedenheit durchziehe. Tja, war dann nicht so. Und ist noch immer nicht so. Aber sogar aus der ersten Wolle, die ich mir billig im Internet gekauft hatte, weil ich ja nicht wusste, ob ich überhaupt Spaß dran finde, habe ich inzwischen einen ganz passablem Schal gestrickt. Zweimal habe ich geribbelt und der Flauschanteil der Wolle ging allmählich gegen Null. Bis zum zweiten und dritten Anlauf habe ich mir auch Zeit gelassen, zwischendurch etwas anderes gestrickt und die dort gesammelten Erfahrungen mit eingebracht.

Wichtige Erfahrungen sammelte ich beim Stricken

Und diese Erfahrung, die ist wichtig:
dass ich nicht sofort verzagen muss, etwas nicht auf Anhieb klappt – denn eigentlich bin ich verzagt, auch wenn sich das in wenn einen cholerischen Anfall äußert.
dass auch keiner deswegen lästert.
Und diese Erfahrung, die ist gut. Die übertrage ich auch auf andere Projekte. Putzen beispielsweise. Steuererklärung. Ich bin mir sicher, dass ich das rechtzeitig hinbekomme ohne in Hektik zu verfallen. Ehrlich, das ist toll. Und ich weiß nicht. Ob ich diese Erfahrung mit den bösen Buben auch hätte machen können. Abgesehen davon, dass sie momentan auch nicht draußen unterwegs sind.

Wie kann man nur!

Ja, der Aufschrei „Wie kann man nur!“ ist lange Zeit auch aus meinem Mund gekommen. Wie aus so vielen anderen. Und auch heute kann ich mich nicht immer beherrschen.

Es gibt immer einen Grund auf andere herabzusehen

Zunächst mal: „Wie kann man nur!“ ist ein Aufschrei. Das „Wie“ ist Tarnung. So tun als ob es eine Frage wäre. Ist es aber nicht. Keiner von uns „Wie kann man nur“-Schreiern hat jemals wirklich gefragt. Eigentlich wollen wir damit sagen, dass der, dem dieser Ausruf gilt, selten doof ist. Im Gegensatz zu mir, die ich schlau, vernünftig, einsichtig, diszipliniert und in der Lage bin, mich anständig zu benehmen.

Peinlich und zum Lachen

Aber dann ist mir im vergangenen Jahr etwas sehr Peinliches passiert: Ich bin mit dem Fuß umgeknickt und hatte eine Bänderdehnung im Sprunggelenk. In wenigen Sekunden schwoll der Knöchel an und es hat höllisch weh getan. Das ist ja jetzt eigentlich nicht peinlich. Sondern bedauernswert. Aber: Wie mir das passiert ist! „Wie kann man nur! So blöd sein!“

Dann habe ich einer Freundin erzählt, wie es passiert ist. Eigentlich, um sie aufzuheitern, weil es ist ja schon auch lustig, wenn man so lange am Klo mit dem Handy Sudoku spielt, bis einem die Beine derart eingeschlafen sind, dass sie beim Aufstehen komplett versagen und ich von Glück reden kann, dass mein Bad so groß ist, dass ich mich nicht schlimmer verletzt habe. Vor allem, weil es da niemanden gibt, vor dem ich mich aufs Örtchen zurückziehen müsste, um meine Ruhe zu haben. „Warum spielst Du nicht auf dem Sofa?“ wäre eine denkbare Reaktion gewesen. Und dann? Sie hat nicht gelacht. Sie hat nur die Schultern gezuckt und gesagt: „Ist mir auch schon passiert.“ Da war ich baff. Ich begann zu ahnen, dass solche Missgeschicke nicht nur mir passieren.

Die Badezimmerdecke von unten – als ich am Boden lag und Gott-Lob nicht ganz zerstört war

Wer seine Fehler zugibt provoziert Verachtung

Inzwischen bin ich sicher: Jeder hat schon mal etwas gemacht, das den Aufschrei „Wie kann man nur!“ provoziert, nur outet man sich selten. Weil man „Wie kann man nur“ nicht hören will. Wenn Du noch nie zu lange Sudoku gespielt hast auf dem Klo, dann hast Du irgendetwas anderes gemacht, das peinlich ist. In den falschen Klamotten ins Theater gegangen, den Ketchup auf Revers der Jacke gekleckert vor dem Business-Essen mit wichtigen Kunden, die Espressokanne ohne Wasser auf die Herdplatte gestellt – meine letzte Heldentat – jetzt ist sie kaputt. Das Portemonnaie beim Tanken aufs Autodach gelegt und dann losgefahren ohne es einzustecken – das war ich nicht, ich habe es mal im Zug vergessen.

Nur scheinbar unkaputtbar. Ich kriege alles hin

Es gibt mehr als einen Blickwinkel

Oder Du hast eine Ansicht, von der Du felsenfest überzeugt bist: Der eine brüllt „Wie kann man nur“ wenn ein anderer Leder trägt: „Die armen Tiere!“ Der andere brüllt „Wie kann man nur!“ wenn man statt Leder Plastik trägt, denn wie bitte, wird das schlussendlich entsorgt? Wieder in Malaysia? „Wie kann man nur!“ … Fleisch/Milch zu sich nehmen – sagen die Veganer. Anhänger der Ökobewegung denken eher in Kreisläufen und haben die Menge und die Produktionsbedingungen im Auge. Sie sagen: „Wie kann man nur“, wenn jemand darauf verzichtet. Und so hat man ständig etwas, worüber man mit „Wie kann man nur!“ verächtlich die Augen verdrehen kann.

Und es gibt Gründe, die man sich selbst nicht eingesteht

Ich habe in meinem Bekanntenkreis Menschen, die Corona-Regeln in Frage stellen und solche, die sich tierisch aufregen über die, die sie in Frage stellen. Jeder ruft dem anderen entgegen „Wie kann man nur!“ Und will damit sagen, dass der andere selten dämlich ist. Aber er fragt nicht: „Wieso? – Wieso vertrittst Du diese Meinung?“ Da ich alle diese Menschen gern mag und weiß, dass sie keine Monster sind (auch wenn sie sich auf Facebook schon mal aggressiv äußern oder einen mit ihrer Traurigkeit bis in die Tiefen des Marianengraben (11035 Meter) ziehen, habe ich mal gefragt. Und dann kamen Argumente. Die ich nicht nachvollziehen wollte. Oder konnte. Und die auch keinen Ausweg bieten. Was ich bei diesen Gelegenheiten aber gespürt habe: Alle haben Angst! Fürchterliche Angst! Und das ist verständlich. Und sie fühlen sich allein gelassen. Und ohnmächtig.

Eine Weisheit aus meinem Poesiealbum von meinem lieben Onkel Erwin

Deswegen sind sie aggressiv. Oder traurig. So traurig, dass in ihrem Leben keine Sonne mehr scheint. Beides macht das Zusammensein mit ihnen nicht gerade erquicklich. Womöglich werden sie isoliert bleiben, wenn die Krise vorbei ist.

Und davor habe ich Angst. Fürchterliche Angst. (Nicht auszudenken, wenn sie sich bei mir zufällig begegnen). Aber ich kann nicht brüllen „Wie kann man nur“, weil ich zufällig weiß, wie schnell das geht. Und selbst nicht davor gefeit bin. Ich sage „Wie kann man nur!“ bei unerzogenen Hunden und unerzogenen Kindern. Da bin ich nämlich der Ansicht, ich hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen. Aber bitte frag nicht bei meinen Kindern nach, wie sie über ihre Erziehung denken.

Immerhin hatte ich mit der Bänderdehnung sehr viel Zeit Sodoku zu spielen. Auf dem Sofa.

Der Schnee von heute

Manchmal ist allein sein gar nicht das Schlimmste. Sonntag Morgen zum Beispiel. Da war ich mir schon kompliziert genug

Irgendwann, als ich beschloss aufzustehen, sah ich, dass von dem Schnee, der Samstag am späten Abend gefallen war, immer noch etwas zu sehen war! Das hat Seltenheitswert am Niederrhein! Also … irgendwas muss ich damit doch anfangen … vielleicht sollte ich mit dem Zug nach Kleve fahren, dort auf den weiten Flächen müsste seine bezaubernde Wirkung um ein Vielfaches höher sein als auf dem Dach, auf das ich von meinem Fenster aus schaue. Rapp zapp, „9:36 Uhr“ sagt die App, würde die nächste Bahn fahren.

Was jetzt? Ja, nein, vielleicht?

Ich begann mir Brot zu schmieren und Tee zu kochen für den Thermobecher und suchte die passende Kleidung aus, während Gedanken durch meinen Kopf schossen. Zweifel, wie „Ob sich das lohnt?“ oder „Ob ich dann noch rechtzeitig zur Kirche komme? Oder vielleicht zur Abendmesse gehen soll?“ wechselten sich ab mit Euphorie: „Wie gut, dass ich so nahe am Bahnhof wohne“, und „mit dem Zug bin ich jetzt viel lieber unterwegs als mit dem Auto, da stört der Schnee auf den Straßen weniger.“ Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Entschluss änderte. Mag sein, dass die Frequenz in „Hz – Hertz – Schwingung pro Sekunde“ messbar gewesen wäre. Und gut, dass es nur 40 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges waren. – Ich auf Wechselstromfrequenz? Mit der Energie könnte man ein Atomkraftwerk einsparen.

Das Hin und Her der Entscheidungen: Wechselstrom oder doch schon Drehstrom?

Wenn ich mir jetzt vorstelle, da wäre ein Kerl gewesen! Dass er sich mit mir auf dieser Frequenz hätte einschwingen können, das kann – und das will – ich lieber nicht erwarten. Stell dir vor, diese Sinuskurven laufen nicht synchron? Schrecklich!

Kurzzeitig (als ich nach meiner Rückkehr die Situation mit Bewusstsein durchleuchtete) konnte ich mir vorstellen, dass er mich auf den Schoß nimmt, mir übers Köpfchen streichelt um mich zu beruhigen. Aber dann hätte ich womöglich den Zug verpasst – und das hätte ich ihm nie verziehen, denn dass mit jeder Minute der Schnee schmolz und das Grau das Weiß aus der Landschaft verdrängen würde, war ja wohl klar.

Oder er will mitkommen. Dann hätte ich es womöglich nicht geschafft, genügend Butterbrote für zwei zu schmieren und für seinen Kaffee hätte mir der Thermobecher gefehlt. Oder er will mitkommen und ist nicht spontan genug. Vielleicht hätte er mich einfach in Ruhe machen lassen sollen und wäre bei seinem Plan für den Tag geblieben. Aber dann hätte ich womöglich eine dritte Alternative gehabt. Das wäre ja dann schon Drehstrom gewesen und bestimmt hätte es mir dann die Sicherung rausgehauen.

Nachmittags ohne Schnee, aber mit Begleitung

So sitze ich ganz entspannt an meinem Tisch, lese Zeitung und mache mir meine Gedanken. Und weil ich so früh zurück war von meiner Zugfahrt, kann ich sogar noch mit einer Freundin zu einer Wanderung aufbrechen. Es war nämlich wirklich so viel weniger Schnee als erwartet, dass ich die Fahrt schon in Nieukerk (ein Drittel des Weges nach Kleve) abgebrochen habe. Da brauchte ich nur zehn Minuten auf den Zug in Gegenrichtung zu warten, der mich wieder nach Hause gebracht hat. Konnte ich auch ganz allein entscheiden, keine Diskussion! In diesen zehn Minuten – aber auch schon auf den wenigen Metern zum Bahnhof – wurde mir klar, dass sich die frische Luft auf jeden Fall lohnt. Da waren meine Nase und meine Lungen sofort einer Meinung und von der sind sie nicht mehr abgewichen.

Bei der Wanderung am Nachmittag haben wir sogar ein bisschen Sonne

Ganz entspannt habe ich den Weg mit einer Freundin gemacht. Sie hatte von dem ewigen Hin- und Her am Morgen nichts mitbekommen

Ommm – auf türkisch

Nur nicht aufregen. Auch in scheinbar aussichtslosen Situationen gibt es Grund zur entspannung. bei mir übernehmen das die nachbarn.

Zugegeben: Ich war aufgeregt! Seit 9:30 Uhr saß ich auf meinem Koffer. Oder besser: Auf meinen Koffern! Es war bei weitem nicht nur einer! Ich sollte für mindestens vier Wochen in Reha … Dort sollte mein gebrochenes Bein wieder fit werden. Das durfte ich nicht belasten, musste mich bei jedem Schritt auf zwei „Unterarmgehilfen“ stützen, konnte also nichts selbst tragen. Wie sollte mein Gepäck in den Wagen? Vier Stockwerke ohne Aufzug und meine Wohnung liegt mitten in der Fußgängerzone. Ein unlösbares Problem. Furchtbar.

Hilfsbereitschaft aus der ersten Etage

Den Nachbarn aus der ersten Etage, ein Familienvater mit türkischem Hintergrund, rief ich um 9:50 Uhr an und bat ihn, mir das Gepäck schon mal herunterzutragen. Er hatte mir schon zu Beginn meiner Behinderung seine Hilfe angeboten und mir seine Karte gegeben. Jetzt war es 10 Uhr, die Koffer standen ordentlich aufgereiht unter den Briefkästen im Hauseingang, und ich – auf einem Bein – vor der Tür. Es war jetzt 10:10 Uhr. Noch immer kein Anruf vom Fahrer, der sollte sich doch 20 Minuten vor Ankunft bei mir melden. Seit 10 Uhr darf man nicht mehr in die Fußgängerzone fahren.

Yoga ist diesmal keine Lösung

Es würde schwierig werden. Ich war also immer noch aufgeregt. Oder sogar etwas aufgeregter. Die Atemzüge (habe ich überhaupt geatmet) wurden kürzer, die Sauerstoffzufuhr für mein Gehirn (Gehirn, was ist das?) schlechter … „Und jetzt machen wir alle Ommm“ hätte mein Yogalehrer gesagt. Aber er war nicht da und mir selbst kam diese Empfehlung einfach nicht in den Sinn, aufgeregt wie ich war und mit meinen Gedanken um den Fahrer und um das Gepäck … „ich habe doch hoffentlich nichts vergessen?“

Rettung aus der Änderungsschneiderei

Da ging die Tür der Änderungsschneiderei auf. Die Nachbarin aus der ersten Etage, die hier den Leuten die Hosen kürzer und die Röcke weiter macht, und deren Ehemann mir die Koffer geschleppt hatte, stellte mir augenzwinkernd einen Stuhl vor die Tür. Mit einem dankbaren Blick ließ ich mich darauf plumpsen und holte das erste Mal wieder Luft. Die Nachbarin verschwand in ihrer Änderungsschneiderei.

Kaffee wirkt wunder

Kurz darauf ging die Tür ein zweites Mal auf, sie kam heraus und drückte mir eine frische Tasse Kaffee in die Hand. Der Kaffee duftete, gierig und tief sog ich den Dampf in meine Lungen. Mein Atem beruhigte sich, ich nahm einen kleinen Schluck und lächelte sie an. Mit jedem weiteren Schluck beruhigte ich mich etwas mehr und irgendwann fing mein gesundes Bein an zu baumeln, ein sicheres Zeichen für komplette Entspannung. Der Transportdienst war eine dreiviertel Stunde zu spät, er hatte mich nicht 20 Minuten vor seiner Ankunft angerufen. Es hatte einen Stau gegeben, das hätte ich mir ja denken können.

Ich kann mir nicht immer selbst helfen

Und jedem Menschen, dem „Ommm“ in solchen Situationen nicht einfällt, was umso wahrscheinlicher ist, je größer die Aufregung, wünsche ich freundliche Nachbarn wie die meinen.

Heiliger im Hauptbahnhof

Krefeld Hauptbahnhof
Auch hier kann man sich vom Märtyrer St. Stephanus inspirieren lassen

Auch wenn der Tag des Heiligen Stephanus bereits am 26. Dezember gefeiert wurde: Es gibt viele Gelegenheiten, sich von ihm inspirieren zu lassen. Es lohnt sich. Auch im Krefelder Hauptbahnhof und an allen Tagen des Jahres.

Wie großzügig bin ich? Wie nachtragend? Und was macht das mit mir?

Einmal habe ich es schon geschafft. Ein einziges Mal. Wobei die Situation auch nicht ganz vergleichbar war. Also gar nicht vergleichbar. Eher lächerlich im Vergleich zu dem, was Stephanus geleistet hat. Der erste Märtyrer in der Nachfolge Christi, der noch bei seiner Steinigung seinen Mördern verziehen hat: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ waren seine letzten Worte.

Ausgangspunkt: Ein belangloses Gespräch unter Kolleginnen

Bemerkenswert an Rande vielleicht, dass es eine muslimische Kollegin und Freundin war, die mich kurz zuvor an ihn denken ließ: „Wir sind manchmal so nachtragend“, sagte sie. „Dabei ist es lächerlich, worüber wir uns aufregen. Wenn wir uns erinnern, was unsere Propheten alles ausgehalten haben.“

Anstoß: Hilfssheriff im Krefeld Hauptbahnhof

Ein paar Tage später fuhr ich mit meinem Rädchen rüber zum Bahnhof, ich wollte den Zug nach Uerdingen nehmen, wo ich ein paar Besorgungen zu machen hatte. Ich stieg auch im Bahnhofsgebäude nicht ab, denn ich liebe es, über den glatten Steinboden zu fahren. Ein Schwall von Reisenden bremste mich, Menschen die aus einem Zug die Treppen herunter zum Vorplatz strömten. Ich hielt an, balancierte auf der Stelle stehend, um sie nicht zu gefährden. Eine entgegenkommende Frau sah das anders: „Sie wissen ganz genau, dass das verboten ist“, wetterte sie. „Okay“, seufzte ich innerlich, „die Deutschen sind ein Volk von Hilfssheriffs“, hielt weiterhin die Balance und ließ sie unkommentiert ziehen. Als ich endlich auf den Anzeiger am Bahnsteig schauen konnte, sah ich, dass mein Zug ausfallen würde.

Blick auf die Anzeigetafeln
mein Zug würde ausfallen

Also schnell Kehrt machen und zur Straßenbahn, natürlich radelnd, schließlich hatte ich es jetzt auch noch eilig. In der Tür des Bahnhofs sah ich wieder die Frau, die so wenig Verständnis gezeigt hatte für meinen Fahrspaß.

Die Ausgangstür
Und da versperrt sie mir den Weg, die unfreundliche Frau

Ich stürze – war der Hilfssheriff vielleicht eine Hexe?

Ich entschied mich für eine andere Tür, legte mich die die dafür notwendige Kurve und – lag da. War auf dem wunderbar glatten Steinboden ausgeglitten. Seltsamerweise hatte auch die Frau ihre Richtung gewechselt, sie ging an mir vorüber, und höhnisch schallte es durch den ganzen Bahnhof: „Ja, das freut mich ja jetzt richtig, denn das darf man ja nicht.“ Also da hätte ich jetzt doch gern etwas entgegnet, denn das ging eindeutig über die Kompetenzen eines Hilfssheriffs hinaus. Ich ordnete sie schon in die Kategorie Hexe ein. Aber mir fiel im besten Willen kein Konter ein. Das Einzige, was mein Hirn durchzuckte war: „Herr, rechne ihr diese Sünde nicht an!“ denn jemandem eine Verletzung zu gönnen, ja, das halte ich für eine Sünde.

ausgerutscht in der Kurve

Es gibt sehr viele hilfsbereite Menschen

Im gleichen Augenblick war ein junges Paar an meiner Seite, sie fragten, ob ich mich verletzt hätte und ob sie mir helfen könnten. Also das naheliegendste. Dann schüttelten auch sie die Köpfe über die Bemerkung der Frau. Ich berappelte mich derweil, fühlte, dass noch alles dran war und bedankte mich. Ich erreichte sogar noch die Straßenbahn und bekam einen Sitzplatz direkt neben dem Abstellplatz für mein Rädchen.

Die wunderbare Wirkung guter Gedanken

Schnell komme ich runter

Mein Puls beruhigte sich allmählich. Dann bemerkte ich den Frieden in meinem Herzen. Seltsamerweise hegte ich keinen Groll mehr gegen die Frau. Wo es mir doch sonst immer fürchterlich stinkt, wenn mir keine effektvolle Antwort einfällt, auf so eine Unverschämtheit, und ich dann schon mal wochenlang darüber nachdenke, was ich ihr hätte nachrufen können. Das nagt dann bisweilen wochenlang an mir, die Gedanken kreisen um die vermeintliche Schmach und ich habe nicht eher Ruhe bis mir ein Konter einfällt – für den es dann längt zu spät ist. Ich blieb friedlich, freute mich, dass ich mich nicht verletzt hatte und war dankbar: für die Hilfsbereitschaft des jungen Paares, für das Beispiel des Heiligen Stephanus und das Gespräch mit der Freundin und Kollegin. Wer hätte das gedacht.

Der Kampf verliert seinen Reiz

Leider kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich seitdem noch einmal so großzügig verziehen habe. Das mag daran liegen, dass mir auf Unverschämtheiten meistens eine Antwort einfällt. Es kann aber auch sein, dass mir Konter nicht mehr so wichtig sind. Der Frieden in meinem Herzen war so viel angenehmer als der wochenlange Kampf um eine passende Antwort.

verständnis für die andere Seite

Ich habe auch noch einmal über die Frau nachgedacht: Sie war jünger, hatte es aber schwer, mit ihrem Koffer, mit ihrem Gewicht, vielleicht war der Aufzug im Bahnhof belegt, sie hatte es eilig und hatte gerade mit Mühe und Not die Treppen bewältigt. Und dann kommt da Eine und fährt einfach Fahrrad im Bahnhof. Ich kann mir gut vorstellen, dass das auch in mir Aggressionen auslösen könnte, die mit der Radfahrerin eigentlich nichts zu tun haben.

Die Grenze

Ob ich mir allerdings zukünftig solche Fahrten verkneife, das glaube ich nicht. Ihre Lust am Leben wird nicht größer, wenn ich auf meine Lust am Leben verzichte.

© Susanne Böhling, 2021