Fällig – der Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan

L“The answer my friend is blowing in the wind …“ kennen Millionen Menschen auswendig. So viel Beachtung erfahren Gedichte selten, es sei denn, sie sind ein Songtext von Bob Dylan. Dann dienen sie auch unzähligen Musikern als Inspirationsquelle.

von Susanne Böhling

Gedichte leben am besten als Songtexte

„Endlich ein Lyriker!“ habe ich gedacht als ich die Nachricht gehört hatte. Mit einer Melodie unterlegt, vorgesungen hatten Gedichte schon immer die besten Chancen, viele Anhänger zu finden.  Sie leben am besten von, mit und für die Musik. Trocken zwischen Buchdeckel gepresst gelingt ihnen das meist nicht. Das wusste schon Kollege Johann Wolfgang von Goethe, der nichts dagegen hatte, wenn wer seine Gedichte vertonte. Allerdings hat der schon mal rumgezickt. Hat der Komponist nicht die Musik konsequent dem Text untergeordnet, sondern genutzt um die Aussage des Texte zu verstärken, hat er versucht, das zu verbieten. Eine Stück, wie es Jimi Hendrix aus Dylans „All Along the Watchtower“  gemacht hat, hätte Goethe nicht akzeptiert. Dylan hat sich bei späteren Konzerten an dieser Version orientiert. Dafür hat er meine Anerkennung.

Aus gegebenem Anlass – ein Abend mit Bob Dylan

Natürlich ist Dylan das Thema beim gestrigen Abendessen mit Frank Hänschen, von dem ich regelmäßig Nachhilfe in Sachen Pop-Musik bekomme.

Bob Dylan als Original

Der allerdings zuerst einen Sampler mit Coverversionen von Bob Dylan Songs einlegt.

Bob Dylan Sampler

Cover des Bob Dylan Songbooks

Die gefallen ihm musikalisch besser als die Originale, die er erst auf meinen ausdrücklichen Wunsch spielt. In der Anfangszeit ist die Stimme Dylans nasal und dünn, als wäre sie belegt, und nicht sonderlich ausdrucksstark. „Da muss man wirklich absoluter Dylan-Fan sein“, sagt Frank, „um das zu mögen.“ Das ändert sich später – ich hätte sie nicht wiedererkannt.

Erfolge der Coverversionen

Was mir Frank an diesem Abend an Coverversionen serviert, die auf Dylans Texten fußen, lässt mich schwindelig werden. Die Zahl der Dylan-Songs zu der Anzahl der Coverversionen steht wahrscheinlich im Verhältnis eins zu zehn.

Der Nobelpreisträger Bob Dylan hat viele Kollegen inspiriert

Bob Dylan hat unzählige Musiker inspiriert

Riesige Hits wurden aus seinen Texten gemacht, die sicher ihren Anteil an dem Erfolg hatten. Nicht nur als Inspirationsquelle für schöne Musik, sondern weil guter Inhalt immer förderlich. ist. (Das erkennen inzwischen sogar die Internet-Suchmaschinen, sie nennen es nur „Content“). Die Byrds (The Birds Play Dylan) und die Hollies haben ganze Alben mit Dylan-Coverversionen herausgebracht.

Album der Hollies

Album der Hollies mit Coverversionen von Bob Dylan Songs

Das neue und preiswürdige an Dylans Texten

„Dylan war der erste, der mit seinen Texten Stellung zu aktuellen Entwicklungen bezogen hat“, urteilt Frank über dessen Bedeutung. „Bis dahin gab es immer nur „Boy meets Girl Texte“. (Ich würde sie Herz-Schmerz-Texte nennen). Er hat sich eindrücklich wie wenige beispielsweise gegen den Krieg ausgesprochen. Und alle kennen „Blowin‘ in the Wind“. Da Nobel  die Jury im Testament ausdrücklich verpflichtete, den Idealismus des Autors beziehungsweise seines Werkes als Maßstab zu verwenden, hat Dylan ihn längst verdient.

Akkordeon-Spielerin von Herzen

Lydie Auvray

Bei der Sommermusik Schloss Rheydt zeige Lydie Auvray, dass es das volkstümliche Instrument in sich hat.

Wenn ich das gewusst hätte! Dass man aus einem Akkordeon das herausholen kann, was Lydie Auvray aus ihm herausholt. Mit dem Instrument, das ihrem Herzen so nahe ist, spricht sie unmittelbar zu dem ihrer Zuhörer. Ruft in ihnen Wehmut und Leidenschaft, Sehnsucht und Freude wach, sie spricht von Sinnlichkeit und Übermut und das alles so leicht, wie die Feder des Pfaus auf der Blutbuche vor dem Schloss, die zu Beginn der Vorstellung auf den voll besetzten Arkadenhof hinunter schwebt.

„Ich habe sie schon vor 30 Jahren in einer Halle in Eicken gehört“, sagt Gerda Kox aus dem Publikumn. Ihre Begeisterung für die Französin aus dem Departement Calvados, die seit 36 auf der Bühne steht, ist leicht nachvollziehbar. Stets ist sie elegant und geistreich, ihre Moderationen erhellend und zeugen von einem wunderbaren Humor.

Auvray bekennt sich zu den volkstümlichen Wurzeln ihres Instruments. Dazu, dass der Akkordeon-Spieler Alleinunterhalter auf den Dorffesten war, die man gern erleben würde, so prickelnd lustvoll wie Auvray die Lieder aus dieser Zeit spielt. Nichts, aber auch gar nichts erinnert an die „Quetschkomode“ oder das „Schifferklavier“. Das hatten ich immer so grob volkstümelnd wahrgenommen, dass ein Erlernen des Instruments nie in Frage gekommen wäre und ein entsprechendes Ansinnen meiner Eltern als Zumutung zurück gewiesen werden musste, die das von mir gewünschte Klavier weder kaufen noch in den zweiten Stock hochtragen wollten.

Auvray nutzt Elemente der Volksmusik vieler verschiedener Länder und des Jazz. Gerade im Spiel mit ihrem „Pianeur“ Eckes Malz wird tritt dann auch die Überlegenheit des Akkordeons zutage: Es ist nie kühl, immer schwingt das Gefühl mit, das vom Herzen kommt. Wenn ich das gewusst hätte!

http://www.youtube.com/watch?v=PsidONsOyCo

Lydie Auvray lebt seit 1974 in Deutschland und hat das Akkordeon wieder populär gemacht. Sie gehört unter anderem zum Klangbild von Hannes Wader und Peter Maffay und hat inzwischen 20 CDs eingespielt. In Rheydt spielte sie mit Eckes Malz und Wolfgang Tiedemann im Trio

Vorfreude auf die nächste Konzertsaison

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Mahlers 9. und ein Schlagzeugkonzert

Das Konzertprogramm der nächsten Saison wurde vorgestellt

Generalmusikdirektor Mikhel Kütson will die Waage halten: langjährigen Besuchern der Konzerte der Niederrheinischen Sinfonikern neue Klangerlebnisse bescheren und mit außergewöhnlichen Aufführungen auch solche Menschen anlocken, die bislang nicht den Weg in den Konzertsaal fanden. „Wir sind inzwischen zu 70 Prozent ausgelastet“, freut er sich über die Entwicklung  der Besucherstatistik.

International anerkannte Solisten erfreuen die Zuhörer und inspirieren die Orchestermusiker

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Wichtiger Fokus für Kütson: Komponisten aus dem Baltikum

Unbekannt dürfte das „Viatore“ von Pēteris Vasks im fünften Sinfoniekonzert sein. „In dieser Saison hatten wir den Esten Heino Eller im Programm“, begründet Kütson, der selbst aus dem estischen Tallinn stammt, die Hinwendung zu baltischen Komponisten, „in der nächsten dann den Letten Vasks.“Auch die Begegnung mit der Sinfonie Nr. 4 von Franz Adolf  Berwald dürfte neu sein. „Er ist hier unbekannt, gilt aber als Mozart Schwedens, mit einer ganz eigenen Tonsprache“, so Kütson.

Mahlers 9. Sinfonie als persönliche Herausforderung für den GMD

Die Saisoneröffnung am 12. September in Mönchengladbach und am 13. September in Krefeld mit der Sinfonie Nr. 9 von Gustav Mahler empfindet Kütson selbst als Herausforderung, allein von der Länge her. „Das Stück dauert 90 Minuten“, nennt er einen Grund. „Außerdem ist es für mich mit meiner unruhigen Art nicht so einfach, die Ruhe und Abgeklärtheit des reifen Mahlers zu transportieren.“ Weitere Höhepunkte bilden sicher die 3. Sinfonie von Ludwig van Beethoven im 2. Sinfoniekonzert. Im 6. Kommen die expressiven Werke „Nacht auf dem Kahlen Berge“ von Modest Mussorgskys zur Aufführung und die 10. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch. „In ihr verarbeitet er die Grauen der Stalin-Ära“, so Kütson.

INFO:

Es gibt in der nächsten Saison wieder zwei Chorkonzerte, das Neujahrskonzert in Krefeld und Mönchengladbach sowie das Konzert zum Tag der Deutschen Einheit in Krefeld.

Kinderkonzerte: Neben den fünf Konzerten der Kinderaboreihe wird wieder „Peter und der Wolf“ von Sergej Prokofjew aufgeführt. Als Schulkonzert wurde „Der Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns gewünscht. Für das Schlagzeugkonzert haben Schüler die Möglichkeit, eine Probe mit nachfolgendem Konzertbesuch zu erleben.

Kammermusik Die Orchestermusiker spielen in kleineren Besetzungen fünf Kammerkonzerte.

Alle Infos und Termine unter www.niederrheinische –sinfoniker.der

Vorfreude auf die Sommermusik Schloss Rheydt

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Wer bei den Konzerte zwischen dem 19. und dem 28. Juli noch dabei sein will, sollte sich schnell um Karten kümmern.

Für Roger Cicero gibt es noch ungefähr 200 Karten. Er ist zu Gast bei der diesjährigen Sommermusik Schloss Rheydt, genau wie Earth Wind & Fire, transportiert von Al McKay, der seit 1973 mit den Brüdern White unterwegs war. „Dafür gibt es noch etwas mehr Karten“, sagt Günter vom Dorp, der die Sommermusik in diesem Jahr zum siebten Mal veranstaltet.

Von Anfang an begleite ich diese Veranstaltung als Berichterstatterin. Sie hat mir im Laufe der Jahre unvergessliche Erlebnisse beschert.

„Insgesamt sind alle Konzerte bereits zu 60 Prozent ausverkauft“, sagt er. „Es ist eine große Erleichterung, wenn so viele Menschen das Wetter-Risiko mittragen. Es zeigt auch, dass sie die Veranstaltung wirklich schätzen.“ Legendär ist ein Konzert der Niederrheinischen Sinfoniker bei strömendem Regen im Jahr 2010. „Alle waren so beeindruckt, dass die Orchestermusiker ihre Instrumente überhaupt ausgepackt haben, und dann auch noch gespielt haben!“ erinnert er sich. Niemand ging, auch in der Pause nicht, die Atmosphäre war beeindruckend dicht. Denn alle lauschten andächtig, wie sich die Musik mit dem Prasseln des Regens paarte. Für das Programm hat Mikhel Kütson, Generalmusikdirektor des Theaters Krefeld Mönchengladbach, der selbst am Pult stehen wird, gängige Stücke beispielsweise aus „Figaros Hochzeit“ von Wolfgang Amadeus Mozart, aus „Romeo und Julia“ von Charles Gounod, der „Westside-Story“ von Leonard Bernstein oder „Kiss me Kate“ von Cole Porter zusammengestellt.

Die Idee: Das Schloss wieder als Bühne nutzen

Diesem Orchester ein Open-Air-Forum zu bieten, war die ursprüngliche Absicht vom Dorps. „Ich bin in Rheydt aufgewachsen und erinnere mich noch daran, dass damals das Rheydter Theater das Schloss im Sommer für Aufführungen nutzte.“ Weil für ein einzelnes Konzert die Kosten mit Bühnenaufbau und Technik zu groß wären, entstand die Idee zu dem Festival, bei dem Künstler verschiedener Stilrichtungen auftreten. Auch Choreograph Robert North ließ sich gern mit ins Boot holen. Aufführungen von „Romeo und Julia“ oder „Casanova“ vor der Kulisse des Renaissance-Schlosses bleiben mir ebenfalls unvergesslich.

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Bühne für internationale und regionale Musik-Größen

In diesem Jahr geht die Sommermusik zwischen dem 19. und dem 28. Juli über die Bühne. Den Anfang macht Fun & Friends. Die Beatles Revival Band Fun, bei der vom Dorp singt, tritt traditionell zusammen mit dem Jugendsinfonieorchester der Stadt auf. „Alle unsere Schüler sind sehr gern dabei“, sagt Christian Molescov, Leiter der Musikschule und Dirigent des Abends. Die Niederrheinischen Sinfoniker treten am Sonntag mit dem Programm „Love is in the Air“ auf. Eine andere regionale Kult-Band bildet den Abschluss: Die Black Brothers and the Bad Bones besteht aus hochkarätigen Rock- und Blues-Musikern. Größen wie die Gitarristen Dennis Hormes und Jens Filser sind dabei, die Afro-Amerikanische Opernsängerin Richetta Manager übernimmt den Part der Aretha Franklin. Sie ziehen regelmäßig im November eine Blues Brothers Show und Party ab, die inzwischen über 1000 Fans nach Willich lockt. Bei der Sommermusik bestreiten sie das Abschlusskonzert am 28. Juli.

Das Schloss als Dreh- und Angelpunkt der Aufführungen

Dass Musiker wie Roger Cicero (Auftritt am 21. Juli) gern nach Schloss Rheydt kommen, hat mehrere Gründe: „Das es hier gut ist, spricht sich herum“, sagt vom Dorp. Außerdem kommt er bei seiner Arbeit als Moderator beim WDR immer wieder mit interessanten Künstlern ins Gespräch. „Als ich Annett Louisan von der Sommermusik erzählte, wollte sie unbedingt dabei sein“, erinnert er sich. Sie bot einen der Höhepunkte im vergangenen Musiksommer. Außerdem bieten sowohl Turnierwiese wie auch der Arkadenhof dank der umgebenden Gebäude eine hervorragende Akkustik. „Das ist bei vielen Open-Air-Bühnen ganz anders“, sagt vom Dorp. „Da kann der Wind den Klang verwehen und bei den Zuhörern kommt womöglich nicht mehr viel an. Das ist dann ärgerlich.“

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Gladbachs Schokoladenseite musikalisch genießen

Die Qualität der hier gebotenen Konzerte spricht sich auch unter Besuchern herum. Obwohl vom Dorp nur regional für das Festival wirbt, kommen die Besucher auch aus den Niederlanden, Belgien, Niedersachsen oder Baden-Württemberg. „Viele buchen dann übers Internet mehrere Konzerte und machen sich eine schöne Woche in Mönchengladbach“, berichtet er aus den Rückmeldungen aus dem Internet-Verkauf. Die Sommermusik rückt eine der Schokoladenseiten der Stadt ins rechte Licht.

Inzwischen gibt es eine lange Reihe von Sponsoren, die die Sommermusik Schloss Rheydt unterstützen. Auch die Stadt ist mit der MGMG mit im Boot. „Sie übernimmt die Logistik mit Absperrgittern und Kassenhäuschen“, so vom Dorp.

 Termine

19. Juli: Fun & Friends mit dem Jugendsinfonieorchester der Musikschule

20. Juli: Klassik Open Air 2013 mit den Niederrheinischen Sinfonikern

21. Juli: Roger Ricero & Big Band

24. Juli: Lydie Auvray (Akkordeon) Trio im Arkadenhof – 3 Coleurs

25. Juli: Ulla Meinecke Crew im Arkadenhof – Songs und Stories

26. Juli: Soneros de Verdad – Buena Vista Cuba Night

27. Juli: Earth Wind & Fire

28. Juli: Black Brothers & the Bad Bones – Blues Brothers Show

Tickets unter www.sommermusik-mg.de

Bluesfestival in Willich: Zum letzten Mal im Kaisersaal

Klaus Haselhoff und Jochen Contzen holten zum sechsten Mal Bluesbands in die Region

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Schon beim Auftritt der ersten Band gibt es nur strahlende Gesichter. Blues Deluxe traf mir ihren rocklastigen Stücken sofort den Nerv der Zuschauer beim diesjährigen Bluesfestival. Die fünfköpfige Gruppe um den Bassisten Vater Jochen Eminger, mit seinem Sohn Dennis (Gesang und Gitarre) und Georg Maar am Keyboard ist in Willich bereits von einem Konzert bei „Jochen & Friends“ bekannt. Diesmal kam sie mit einem neuen Gitarristen, Pierre Wrobbel und einem neuen Drummer, Frank Mellies und wirkten geschlossener und dynamischer. „Ihr seid für mich die beste Blues-Rockband Deutschlands“ bescheinigte ihnen Veranstalter Klaus Haselhoff anschließend mit strahlendem Gesicht. Gemeinsam mit Jochen Contzen stellt er seit 2003 alle zwei Jahre das Willicher Bluesfestival auf die Beine. Die beiden gelten als Blues-Liebhaber und Spezialisten, Contzen pflegt die Bluesgemeinde im Kreis Viersen und weiterem Umland als Jake Blues mit den Konzerten der Black Brothers and the Bad Bones im November im Kaisersaal. http://www.bluesdeluxeonline.de/

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Klaus Haselhoff, Veranstalter des Bluesfestival Willich

Ein bisschen Wehmut schwingt mit bei Haselhoff, der den ganzen Nachmittag im Kaisersaal für die Künstler und ihre Crews Kaffee gekocht hat. „Das ist das letzte Mal, dass wir hier veranstalten“, sagt er. Schließlich wird der Kaisersaal Ende 2014 geschlossen und steht dann zum nächsten Bluesfestival 2015 nicht mehr zur Verfügung. Ein Ausweichquartier ist noch nicht ausgemacht, zumal das Flair des Kaisersaals mit seinem vibrierenden und schwingenden Holzboden und seinem urigen Charme wie gemacht zu sein scheint für den Blues.

Genau wie Big Daddy Wilson. Der kommt mit seiner fünfköpfigen Truppe zwar wesentlich ruhiger daher, aber seine weiche Stimme hat genau den richtig wehmütigen Klang, der die Seele des Blues verkörpert. Seine Liebe zur Musik seiner Vorfahren entdeckte er übrigens erst während eines Army-Aufenthalts in Deutschland.

Da war es für die Ruf Records Blues Caravan 2013 nicht so einfach, daran heranzureichen. Schon ihren Opener, „Proud Mary“, bei dem die Solisten Jimmy Bowskill, Bart Walker und Joanne Shaw Taylor gemeinsam auftraten, hatte im Kaisersaal bei den Konzerten der Black Brothers mit Solistin Richetta Manager schon besser, mit wesentlich mehr Power gehört. Auch bei den anschließenden Soloauftritten der drei von jeweils einer halben Stunde (immer mit dem gleichen Schlagzeuger und dem gleichen Bassisten) konnten sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht so fesseln wie die Vorbands.

INFO: Das Bluesfestival Willich fand zum sechsten Mal statt, zum letzten Mal im Kaisersaal. Es wird frei finanziert, lediglich mit Unterstützung der Sparkasse, Volksbank und der Schreinerei Jörg Dattler aus Tönisvorst.

Nächster Termin: Auch in diesem Jahr wird es zwei Konzerte der Black Brothers and the Bad Bones im November im Kaisersaal geben. Sie treten außerdem am 28. Juli bei der Sommermusik Schloss Rheydt in Mönchengladbach auf. http://www.sommermusik-mg.com/programm-2013/

Ein Loblied auf den Verfall der Sitten

© Matthias Stutte: Das Dorf wartet brav den Nachtwächter ab. Dann schleicht es zur Maskerade

© Matthias Stutte: Das Dorf wartet brav den Nachtwächter ab. Dann schleicht es zur Maskerade

Die komische Oper „Maskerade“ von Carl Nielsen hatte am Freitag in Rheydt Premiere

Es gibt viele Gründe, die „Maskerade“ aufzuführen, die am Freitagabend in Rheydt Premiere feierte. Die komische Oper von Carl Nielsen gilt als Rarität auf den Opernbühnen, dänische Nationaloper und bietet ausgezeichnete Unterhaltung. Die Geschichte beruht auf dem scheinbaren Konflikt der geplanten, zwangsweisen Verheiratung von Leander (Michael Siemon) und Leonora (Debra Hays). Die widersetzen sich – schließlich haben sie sich auf dem Maskenball verliebt, und auch wenn sie nicht wissen, in wen, will jeder von ihnen dem Gebot des Vaters trotzen. Der Konflikt löst sich auf, denn nach der Demaskierung sehen sie, dass sie freiwillig lieben, wen sie lieben sollen. Es geht auch um das Aufbegehren gegen eine genussfeindliche, pietistische Lebenshaltung, ein Stoff, den Nielsen den Librettisten Vilhelm Andersen bei Ludvig Holberg, dem Lieblingsdichter der Dänen, entleihen ließ, der sich bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für „unschuldigen Zeitvertreib“ aussprach, „der aus diesem sauren Leben herausreißt.“

Das Stück lässt die Sänger glänzen, die dabei wieder ihr hervorragendes schauspielerisch-komödiantisches Können entfalten können, hat wunderbare Chorstücke (Einstudierung: Maria Benyumova) und ist eine angemessene Aufgabe für die Niederrheinischen Sinfoniker (Leitung: Alexander Steinitz). In der witzigen, temporeichen Inszenierung von Aron Stiehl sieht man die Akteure bei Morgentoilette und beim Saunagang. Bühnenbildner Jürgen Kirner, verlagert den Konflikt in eine Ikea-Idylle. Kostümbildnerin Dietlind Konold kann besonders bei der Maskerade aus dem Vollen schöpfen. Der Haustyrann Jeronimus erscheint als aufgeplusterter Hahn, Miss Piggy und Kermit sind mit von der Partie, vor allem aber auch Adam und Eva inklusive aller funktionsfähiger Details unter den Feigenblättern, bringen die Zuschauer zum Lachen.

Gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der das doch konservative Theaterpublikum (meist in fortgeschrittenem Alter) diese Frivolitäten annimmt, lässt die Frage keimen, ob so ein Loblied auf den Hedonismus heute noch nötig ist, wird er doch  selbstverständlich gepflegt oder gar zur Maxime erhoben. Die Antwort liefert vielleicht das Ballett in der Choreographie von Robert North. Das steigert das wilde Treiben auf der Maskerade ins karikaturhafte und deutet so dezent an, dass allein der Verfall der Sitten keine Lösung aus der Enge der eigenen Seele darstellt.   

Weitere Termine: http://www.theater-kr-mg.de/spielplan/musiktheater/maskerade.htm

Tango – präzise aber leidenschaftslos

Copyright WolfTek

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In der Reihe 440 hz gab es ein Konzert mit Stücken von Astor Piazolla..

Konzertant soll er sein, der Tango Nuevo. Das wollte Astor Piazolla so, das kann man auch nicht anders erwarten. Diesem Argentinischen Komponisten widmete sich das März-Konzert der Reihe „440hz“ mit dem Titel „Klassik & Tango“ im wesentlichen. Im Robert-Schumann-Saal des Museum Kunstpalast spielte am 9. März die Schumann Camerata unter Leitung ihres Gründers Alexander Shelley. Und da saß ich nun mit meiner Freundin, einer begeisterten Tango-Tänzerin, und wir wussten, was Astor Piazzolla komponiert hat, das ist nicht tanzbar.

Präzises Orchester unter einem ausgezeichneten Dirigenten

Wir hörten die jungen Musiker der Camerata unter der Leitung von Alexander Shelley präzise und engagiert spielen. Der 33-jährige Chefdirigent der Nürnberger Sinfoniker hat schon viele bedeutende Preise gewonnen und erreichte mühelos das erklärte Ziel der von ihm gegründeten Reihe: Menschen in den Robert-Schumann-Saal zu locken, die sonst nicht in Konzertsälen zuhause sind. Es war wirklich schön, so viele junge Menschen zu sehen!

Ein Stück für eine Schülerin

So weit, so gut. Doch meiner Freundin, einer begeisterten Tango-Tänzerin, und mir fehlte etwas. Es war die Leidenschaft! Dazu konnten auch die Solisten nicht wesentlich beitragen. Vergleicht man beispielsweise die Interpretation des wirklich begnadeten Sologeigers Eric Schumanns von „Oblivion“ mit der von Milva, dann war er durchaus präzise, sehr elegant und melancholisch. Aber wo war die Leidenschaft? Lediglich Ramon Jaffé am Violoncello ließ in José Bragatos „Graciela y Buenos Aires“ echtes Tango-Feeling aufkommen. Jene Mischung aus Leidenschaft, Sehnsucht und dem Schmerz der Vergeblichkeit. „Er hat das Stück wahrscheinlich für eine Schülerin geschrieben, in die er verliebt war“, erzählte Jaffé über die Entstehung.

Tango erzählt von der unvernünftigen Liebe

Alexander Shelley ergänzte: „Nun, man kann streiten, ob das vernünftig ist, sich in eine Schülerin zu verlieben.“ Nein, darüber braucht man nicht streiten. Jeder weiß, dass es nicht vernünftig ist. Aber genau davon erzählt der Tango! Von der Amour fou, von der unvernünftigen Liebe, die einen erfasst wie ein Feuer, die einen verbrennt und der man sich dennoch nicht entziehen kann. Wer das einmal erlebt hat, wird sich immer wieder danach sehnen, selbst wenn das Häuflein Asche, das von ihm übrig blieb, inzwischen vom Wind verweht worden ist.

Aber wenn jemand das nicht anerkennt, dann braucht man sich auch nicht wundern, wenn der Tango so kühl bleibt. Kühl. Und leider auch langweilig.

Die Nibelungen – satirisch amüsant, statt kriegstreibend

© Matthias Stutte

© Matthias Stutte

Noch zweimal geht die burleque Operette „Die Lustigen Nibelungen“ über die Bühne des Theaters in Krefeld

Wer das versäumt, ist selbst schuld. Die Lustigen Nibelungen werden noch zwei Mal in Krefeld gespielt und wir sie noch nicht gesehen hat, sollte sich schleunigst Karten besorgen. Auch ich, die ich die burlesque Operette in der Inszenierung von Hinrich Horstkotte schon vier oder fünfmal gesehen habe (vor zwei Jahren lief sie in Gladbach) werde sie mir wahrscheinlich nocheinmal anschauen, denn sie wird selten gespielt auf deutschen Bühnen und wer weiß, wann es die nächste Gelegenheit gibt.

Der Wiener Jude Oscar Straus hat die Musik 1904 geschrieben, Fritz Oliven, in Berlin lebender Jude mit dem Pseudonym Rideamus (lasst uns lachen!) das Libretto, in dem es wirklich keinen ernst zu nehmenden Text gibt. Es nimmt das Nibelungenlied auf die Schippe. Wo andere es kriegstreibend hochstilisieren, reduzieren sie es auf menschliches Normalmaß und nehmen dabei auch die Verlogenheit der Oberschicht aufs Korn, in der es sich im Wesentlichen doch ums Geld dreht. „Wir wollen den Siegfried ermorden, dann sind wir mit Anstand ihn los“, singt die königliche Familie von Burgund, nachdem Attila um Krimhilds Hand angehalten hat und Brunhild dem Betrug um ihre Besiegung auf die Schliche gekommen ist. „Im Guten im Guten geht alles, im Guten geht alles famos.“ In dieser Version verzichtet der grimme Hagen darauf, Siegfried umzubringen, denn der hatte sein Rheingold in Aktien bei der Rheinischen Bank angelegt. Die kracht, und so „steht der Aufwand in keinerlei Relation zum Nutzen des Mordes.“

Ich freue mich, dass man diesen musikalischen Spaß auf der großen Bühne aufwändig inszeniert hat. Die Kostüme siedeln zwischen den Flintstone und der Gründerzeit, Vater Dankwart und Mutter Ute erinnern an die seligen Wagners, wie die Musik auch Wagner zitiert. Die Regie liefert zusätzlich einen Gag nach dem Anderen. Wie sich die Familie beispielsweise am Morgen nach der Hochzeit (im Stil des Berliner Originals Bolle, mit Riesen-Keilerei) mit Sonnenbrillen um den Frühstückstisch versammelt, ist zum piepen! Brunhilde als Domina und Gunther als Schlappschwanz im einteiligen Badeanzug der Jahrhundertwende. Einfach köstlich. In der Ahnengalerie in der guten Stube gibt es immer etwas zu entdecken. Da hängt  neben Karl Marx auch Guido Westerwelle, Sebastian Schweinsteiger und politisch völlig unkorrekt Adolf Hitler. Die Sänger sind darstellerisch aufs Höchste gefordert.

Weitere Aufführungen am 21. März und am 5. April, jeweils um 20 Uhr.

Karten unter 02166 / 51 61 100 oder im Internet: www.theater-kr-mg.de

Trailer: http://www.theater-kr-mg.de/spielplan/musiktheater/die-lustigen-nibelungen.htm

Musikdramen, die mitnehmen

Bei aller Tragik und allem Verständnis hat es mich zunächst fast amüsiert: Dass Beverly Blankenship, die Regisseurin des Doppelopernabends im Theater in Rheydt, die gleiche Symbolsprache benutzte wie Quentin Tarantino in „Django Unchained“. Den Film hatte ich mir am Freitagabend angesehen.

©746_Villi_AngelicaFotos: Stutte

So saß ich also Sonntagabend in der Premiere von Giacomo Puccinis „Le Villi / Suor Angelica“ und sah zu, wie sich Janet Bartolova als „Anna“ über und über mit Blut beschmierte. Es symbolisierte wie bei Tarantino die Rache. Sie war anfangs eine Frau, die ihren Geliebten frohen Mutes gehen ließ, im festen Glauben, dass er – ganz wie er es ständig versicherte – zu ihr zurück kehren würde. Später gelang es ihr immer weniger, ihn zu erreichen, zu berühren und schließlich musste sie einsehen, dass er sie verlassen hatte. Nun war sie jeder Perspektive beraubt und entwickelte Rachegelüste. Die gipfelten in der Vorstellung, sie würde ihn als „Willie“ zu einem tödlichen Tanz auffordern – und die sonst grau gehaltene Szenerie färbte sich eindrucksvoll rot.

Mir gefiel das Konzept, die Sage aus dem Schwarzwald näher an uns heran zu holen. Ich genoss die psychologisch einfühlsame Komposition, die tollen Solisten, den Chor, das Orchester (die Niederrheinischen Sinfoniker unter Mihkel Kütson) und applaudierte anschließend anerkennend.

©615_Villi_AngelicaDieser Einakter Puccinis wurde bei dieser Inszenierung erstmalig gepaart und verwoben mit „Suor Angelica“, einem weiteren Puccini-Einakter. Der erzählt die Geschichte der jungen Adeligen, die von nach der Geburt ihres unehelichen Kindes in ein Kloster verbannt wurde. Blankenship hatte schon „Annas“ Geschichte in dieses Heim verlegt, als vorübergehende Unterkunft für die Schwangere, während sie auf die Rückkunft ihres Verlobten wartete. Ein Magdalenenheim in dem irische Familien bis in dieses Jahrhundert hinein ihre Kinder ohne Nennung von Gründen abgeben konnten, wo sie Willkür und Missbrauch ausgesetzt waren.

Angelicas Sehnsucht nach ihrem Kind wird schon bei Annas Fehlgeburt deutlich. Sie nimmt das Kind, betrachtet es eindringlich, trägt es weg. Als nun die Zöglinge im Heim von ihren Wünschen sprechen, denkt die eine an Süßigkeiten, die andere, eine Hirtin, träumt davon, noch einmal ein Lämmchen streicheln zu wollen. Angelica schweigt. Wobei jeder spürt, welche Sehnsucht sie hegt, dass sie den Mut nicht findet, darüber zu reden, ja nicht einmal in der Lage ist, sich selbst diese Sehnsucht einzugestehen.

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Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist man mitgenommen, man leidet mit Angelica, die von Dara Hobbs verkörpert wurde. Wie sie in Wut geriet, als die Tante, die sie nur besuchte um eine Unterschrift in einer Erbangelegenheit zu bekommen, ihr nebenbei mitteilte, dass das Kind schon seit zwei Jahren tot sei. Wenn Hobbs dann in Rage die Tische umwirft und die Tante mit deren Stock bedroht, dann ist das so verdammt echt und die Töne der dramatischen Sopranistin entspringen direkt ihrer Seele und nicht nur ihrer Kehle.

Es fiel schwer, nach den Schlussakkorden in die Realität zurückzufinden, die künstlerische Leistung  mit dem begeisterten Applaus zu würdigen, den sie verdient hatte. Es kostete Kraft, sich klar zu machen, dass unsere Situation weder der Annas noch Angelicas gleichen muss. Weil wir in einer Gegenwart leben, in der ein treuloser Bräutigam nicht den Verlust der Zukunft bedeutet, wir verhüten können und uneheliche Kinder fast schon normal sind.

Als Kulturoptimistin keimte in mir die Frage: „Haben solche Dramen wie Suor Angelica dazu beigetragen, unmenschliche Normen aufzuweichen und unsere Zeiten humaner werden zu lassen?“

www.theater-kr-mg.de