Hundeerziehung

Theo war gut erzogen

Was war ich froh, dass Theo seine Grundausbildung bereits absolviert hatte! Keine geplünderten Mülleimer, keine Ansprüche auf einen Sofaplatz und auch keine von kleinen Hundezähnen zerstörten Pumps.

Das war Fakt, als er vor gut fünf Wochen zu meinem Mitbewohner wurde.

Zuerst mag Theo nichts was Menschen essen

Und er mochte auch nichts, was Menschen essen! Das erste Stück Käse, dass ich ihm anbot, quittierte er mit verwundertem Gesichtsausdruck: „So etwas isst Du?“ Schien er zu sagen und wandte sich angeekelt ab. Die erste Mandel – ein Hochgenuss für meine Irish-Terrier, die ich früher mal gezüchtet hatte – nahm er zwar, lutschte darauf herum und spukte sie mir anschließend vor die Füße. Einzig die Fleischwurst rief positive Reaktionen hervor. Sie ist nach wie vor das ultimative Argument sich freiwillig schwanzwedelnd in die Transportkiste zu begeben, in die er sich zurückziehen muss, wenn ich ohne ihn das Haus verlasse.

Hundeerziehung am Kochschinken

Doch dann erwischte ich ihn, wie er mir den Kochschinken von meinem Teller klaute, den ich mir fürs Frühstück auf dem Balkon zurechtgelegt hatte. Also gut, ich mache jetzt das Frühstück in der Küche fertig, bringe das komplett beladene Tablett auf den Balkon und fange sofort an zu essen – dann hat Theo keine Chance, mir etwas vom Teller zu klauen.

Hundeerziehung am Mülleimer

Inzwischen steht er sogar manchmal vor dem Mülleimer, seine Nase wandert höher und höher, über den Rand hinweg und senkt sich langsam ins Innere … leider verrät ihn dabei die knisternde Plastiktüte, mit der ich den Mülleimer auskleide … und dann unterbreche ich ihn auf seiner Forschungsreise mit einem scharfen, drohenden „Nein!“ Das natürlich nicht ein für alle Mal gilt. Aber ich kann ja die Küchentür zumachen.

Pantoffel – immerhin keine Pumps

Als er mal wieder durch die Wohnung schlenderte auf der Suche nach Abwechslung (die Chefin ist manchmal ätzend, sie sitzt an diesen Bildschirmen und ihre Finger klimpern auf so ein schwarzes Ding, anstatt sein Fell zu kraulen) müssen ihn wohl meine Pilzpantoffel in die Nase gestochen haben. Ich habe die Angewohnheit, sie bei vielen Gelegenheiten von den Füßen gleiten zu lassen, weil ich sie ungemütlich finde oder sie mir zu warm sind. Riechen tun sie daher sicher nicht …

Gegenargument Leckerli

Ein Beweis dafür: Theo musste seine Nase gaaanz tief reinstecken. So, dass seine lange Schnauze komplett darin verschwand und nur noch seine Augen und Ohren hervorlugten. Das sah unglaublich niedlich aus. Allerdings machte er sich anschließend mit seinen Zähnen an der Sohle zu schaffen. Was ich ihm natürlich nicht durchgehen lassen konnte. Doch bevor ich für einen Anpfiff Atem holte, besann ich mich darauf, ihn zu locken und ihm den Schuh dann abzunehmen. Also holte ich ein Leckerli und rief mit Zuckerstimmchen „Theo, Apport!“ Da der Hund unglaublich verfressen ist, reagierte er prompt, trabte er auf mich zu und ließ auf „Aus!“ den Latschen fallen. Logisch! Latsch und Leckerli passen nicht gleichzeitig ins Maul. Und weil das so gut lief, schnappte er sich jetzt den Zweiten …

Hundeerziehung braucht Ausdauer

Und so geht das immer mal wieder. Wenn ihm langweilig ist, ich ihn nicht ausreichend beachte oder er Lust auf ein Leckerli zwischendurch hat. Inzwischen hat er mich so weit erzogen, dass ich die Latschen möglichst nicht mehr stehen lasse, sondern immer sofort wegräume, wenn ich sie ausziehe. So wie ich die Pumps schon immer beim Betreten der Wohnung ins Schuhregal gestellt habe.

Hundeerziehung macht Spaß

Gestern kamen wir vom Spaziergang zurück, ich hatte die Sneakers gerade ausgezogen und war dabei die Leine aufzuräumen, da schnappte er sich den ersten Schuh … und dann den zweiten …, beide stopfte ich anschließend zu einem Haufen anderer Wäschestücke in die Waschmaschine, holte das Waschpulver und sah dann, dass Theo seinen Kopf in die Maschine gesteckt hatte.

Ja, diesmal schleckte er nicht das Wasser aus der Dichtung, sondern steckte bis über beide Ohren in der Trommel. Reckte sich, setzte eine Pfote in die Trommel, die zweite … gebannt beobachtete ich ihn. Und sah, wie er mit einem Sneaker im Maul wieder ans Licht kam. Den er natürlich sofort voller Stolz ins Wohnzimmer brachte, seine Beute ordentlich schüttelte und diesmal war es gar nicht so leicht, ihn zum Apport zu bewegen, so sehr wie ich lachen musste.

Der Hund muss aufs Sofa

Ja, und den Sofaplatz habe ich ihm freiwillig eingeräumt. Der Bezug ist durch eine Decke geschützt. Schließlich soll mein Hund beim Fernsehen neben mir liegen, damit ich ihn bequem streicheln kann.

Gemütlich © Susanne Böhling
Gemütlich © Susanne Böhling

Und fragen Sie bitte nicht, wer hier wen erzieht.

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© Susanne Böhling

Theo, Hund mit Vergangenheit

… und die holt ihn manchmal ein

Die Kinder sind groß und die Midlife-Crisis naht

Bis Theo zu mir kam, fristete er ein Leben als Deckrüde. (Erzähle ich das in traurigem Ton, bedauern ihn die meisten Menschen. Das „Ohhh“ scheint aus tiefster Seele zu kommen. Und nicht alle fangen nach einer kleinen Denkpause an zu kichern.) Aber dann waren die Kinder groß sprich: Alle Hündinnen im Zwinger waren seine Töchter, also hätte es für ihn nichts mehr zu tun gegeben und bevor er dann in die Midlife-Krise geriet und sich eine Harley kaufen wollte, durfte er bei mir auf dem Teppich ein neues Leben beginnen.

Doch bisweilen holt ihn seine Vergangenheit ein. Als Naturbursche vom Land brauchte er sich um seinen Fortpflanzungstrieb keine Sorgen zu machen, die Mädels kamen reihenweise zu ihm und er erfüllte seine Pflicht zuverlässig.

Tja.

Tempi passati.

Das Problem mit dem Grün

Um ihn daran zu gewöhnen, sich auf Grün und nicht nur auf Beton oder Asphalt zu lösen, führte ich ihn immer an einem Grünstreifen aus, der anscheinend auch von zahllosen Hundehaltern genutzt wird. Da kam er aus dem Schnüffeln gar nicht heraus. Er konnte sich da aufhalten! Und ich mir die Beine in den Bauch stehen! „Zeitung lesen“ habe ich mir zu Anfang gedacht. Das macht auch so mancher Mensch, um sich beim Toilettengang zu entspannen und ich habe ihm das Vergnügen 100 Meter oder 15 Minuten lang gegönnt. Manchmal hat er seine Nase ganz besonders tief in das eine oder andere Grasbüschel versenkt und ließ sich kaum weiter bewegen .

Seinen Haufen hat er trotzdem erst dann gemacht, wenn wir ein paar Meter auf Asphalt und Beton unterwegs waren. Das ist eigentlich nicht so schlimm, dann lässt es sich leichter mit der Plastiktüte aufheben, als wenn man es aus Grasbüscheln herausfriemeln müsste. Aber es ist peinlich.

Das Problem mit dem Häkelfuß

Später hatte ich dann den Salat. Denn der Grünstreifen scheint nicht bloß eine Zeitung zu sein. Er ist das Internet! Und Theo war da besonders gern auf Pornoseiten unterwegs. Zuhause angekommen leckte er mir erst ausdauernd und mit Hingabe die Beine bis hinauf zu den Knien. Anschließend verwandelte sich sein wirklich kerzengerader Vorderlauf in eine Art Häkelnadel, bemüht, mein Bein unter sich zu ziehen, den Rücken krumm zu machen … in eindeutiger Absicht. „Nein!!!!!“ herrschte ich ihn laut und streng an. Er sah mich mit seinen treuen dunklen Augen an und schien zu sagen: „Willst Du es nicht auch?“ Ihn vom Gegenteil zu überzeugen war nicht immer so einfach. Distanzieren sich Menschenmänner prompt und zuverlässig bei „Jetzt reicht’s“, musste ich Theo bisweilen in anderes Zimmer verbannen, bevor er sich beruhigen konnte. (Der Häkelfuß fährt im übrigen auch bei anderen Rüden aus, so sie in seine Nähe kommen.)

Was im Licht der frühen Sonne so idyllisch aussieht, hat es Theo-technisch in sich …

Das Problem in der Fußgängerzone

Jetzt lasse ich ihm am Grünstreifen nicht mehr so viel Zeit und wenn er wieder auf Pornoseiten stößt, ziehe ich ihn mehr oder weniger sanft weiter. Ich habe auch schon andere Wege ausprobiert oder den Grünstreifen ganz weggelassen. Er macht weiterhin auf Beton und Asphalt und es ist weiterhin peinlich, wenn das in der Fußgängerzone von vielen Menschen beobachtet wird. Oder sogar auf den Bahnsteig. Das ist dann besonders peinlich. Aber immer noch besser, als Theo ins Internet zu lassen.

Theo: Wasserhund – Schweinehund

Theos Macken bereiten mir Vergnügen

Inzwischen kennen wir uns schon ganz gut. Und neben der blendend glänzenden Oberfläche haben wir auch schon ein paar Kratzer im Lack des anderen bemerkt. Wobei Theo nicht darüber spricht. Ich hingegen muss zugeben, dass mir seine Macken durchaus Vergnügen bereiten. Jedenfalls zum Teil. Als Erstes: Theo liebt Wasser!

Gern kämpft er mit dem Wasserstrahl

Als ich ihn in unserer Anfangsphase mit auf den Balkon ließ, wenn ich die Blumen gegossen habe, drängte er sich energisch zwischen Brausekopf und Blumentopf, sperrte das Maul auf um etwas von dem Wasserstrahl zu erhaschen, wobei er vernehmbar Kampflaute von sich gab. Ihn zur Abschreckung abzuspritzen, brachte gar nichts, der Hund drehte noch mehr auf.

Wenn ich duschen gehe, stellt er seine Vorderpfoten auf den Badewannenrand und scheint zu überlegen, wie er jetzt wohl in die Wanne kommt. Die Höhe des Randes dürfte nicht das Problem sein, aber es ist eng und verwinkelt und ich glaube er hat eine Ahnung davon, dass die Oberfläche rutschig ist.

Egal ob sauber oder schlammig: Theo legt sich gern ins Wasser

Ist es ihm beim Spazierengehen warm, macht er es sich schon mal in der nächstgelegenen Flüssigkeit bequem. Ob es sich um den – ziemlich klaren – Rhein handelt oder eine – ziemlich schlammige ­ –Pfütze. Je tiefer je lieber. Ich mache nicht viel Aufhebens darum. Ich kann ihn zuhause auf dem Balkon ja abbrausen.

In einer Pfütze auf dem Egelsberg © Susanne Böhling
In einer Pfütze auf dem Egelsberg © Susanne Böhling
In den Springbrunnen hat er sich absichtlich plumpsen lassen © Susanne Böhling
In den Springbrunnen hat er sich absichtlich plumpsen lassen © Susanne Böhling

Wasserhund Theo panscht am liebsten mit Effekt

War er aufgedreht, stieg er mit seinen Vorderpfoten in seinen Wassernapf und patschte darin herum. Anschließend konnte ich das Wohnzimmer wischen. Überall Pfützen, alles eingesaut. Inzwischen liegt ein Aufnehmer unter seinen Napf, der das verhindert. Und irgendwie scheint ihm jetzt der Spaß daran vergangen zu sein. Ist ja langweilig, wenn die Chefin dann nicht in irgendeine Action verfällt.

Theo ist ein Vorbild

aber irgendwann reicht’s

Wer versteht das? Hunde sind auf dem Uerdinger Markt verboten! Egal, dann gehen wir eben nacheinander, und nicht miteinander. Erst versorgt sich Birgit mit Gemüse und Eiern und ich warte mit Theo auf sie. Danach umgekehrt.

Theo wartet gelassen mit Birgit Foto: © Susanne Böhling
Theo wartet gelassen mit Birgit Foto: © Susanne Böhling

In der Fugängerzone bleibt Theo cool

Anschließend gehen wir gemeinsam Kaffee trinken. Erst suchen wir uns einen der Tische im Außenbereich, der Uerdinger Fußgängerzone, stellen unsere Einkäufe auf die Stühle und machen Theo an einem fest, dann gehen wir gemeinsam ins Lokal, um Kuchen auszusuchen und alles an den Tisch zu tragen. Theo wartet derweil völlig gelassen, wobei ich schon beobachte, ob besondere Herausforderungen in Form von anderen Hunden nahen. Doch die bleiben aus. Als wir es uns am Tisch gemütlich gemacht haben, legt sich Theo mit dem Bauch auf den Asphalt und lässt Kinder, Hunde und Lieferwagen an sich vorüberziehen ohne auch nur einmal den Kopf zu drehen. Wieder bin ich beeindruckt. Auch zurück geht es mit dem Zug. In der Wartezeit macht sich Theo auf dem Bahnsteig breit.

In der Fußgängerzone bleibt Theo cool © Susanne Böhling
In der Fußgängerzone bleibt Theo cool © Susanne Böhling

Theo verordnet uns eine Ruhepause

Nachmittags verordne ich uns einen Spaziergang. Mit der U74 der Rheinbahn fahren wir nach Fischeln und laufen durch den parkähnlichen Grünstreifen an der Strecke entlang wieder zurück. Plötzlich steuert Theo einen Baum an, legt sich den Schatten lässt die Zunge weit raushängen und lässt sich nicht vom Fleck bewegen. Ich muss schmunzeln. Um ihm ausreichend Bewegung zu bieten, waren wir Freitag mehr als elf Kilometer gelaufen, heute am Samstag waren es auch schon mehr als sechs. Dazu die vielen Stufen. War wohl doch etwas viel. Mit Geld (Leckerli) und guten Worte locke ich ihn zu der zwei Meter entfernten Bank, dann kann ich auch Pause machen. Theo kratzt noch die Erde unter der Bank auf, dann ist sie feucht und der Kühleffekt größer. Ich gebe ihm von dem Wasser, das ich für ihn dabeihabe. Wir ruhen uns eine halbe Stunde lang aus. Und gehen dann gemütlich nach Hause.

Jetzt reicht's. Theo verordnet uns eine Pause. © Susanne Böhling
Jetzt reicht’s. Theo verordnet uns eine Pause. © Susanne Böhling

Kaum schließe ich die Haustür auf, legt sich Theo auf die kühlen Fliesen und ignoriert die Stufen. 72 führen uns zur Wohnung. Gestern noch ist er fröhlich hinunter und hinauf getrabt. „Der hat Muskelkater“, denke ich mir und nehme ihn auf den Arm.

Wenn Dir dieser Text gefällt magst Du vielleicht auch mein Buch lesen: https://www.boehling.de/2021/08/02/theo-ist-ein-vorbild/

Der erste Tag – Hund Theo macht Eindruck

Die Nacht verlief ohne Zwischenfälle. Am Abend hatte ich Theo eine Scheibe Fleischwurst in Aussicht gestellt, wenn er sich in die Transportbox begeben würde. Ein unschlagbares Argument, wie ich erfreut beobachtete. Morgens machten wir unsere erste Runde – ereignis- und ergebnislos. Er machte nichts. Weder legte er sich mit anderen Hunden an (es waren aber auch wenige unterwegs) noch hob er bei jeder Laterne sein Bein, an einen Haufen auf den nahegelegenen Grasstreifen war nicht zu denken. Also wieder nach oben. Insgesamt bin ich an dem Tag mit die die 72 Stufen sechsmal hoch und runter gestiegen, ich wollte ja unbedingt vermeiden, dass er sich bei dem Stress der Umstellung in meiner Wohnung entleert.

Gut zureden hilft – auch wenn er mich nicht versteht

Bei diesen vielen Gänge lernten wir uns natürlich besser kennen. Die Menschenmassen in der Fußgängerzone schien er gar nicht wahrzunehmen, völlig unbeeindruckt trabte er an locker durchhängender Leine munter wedelnd durch die Menge. Artgenossen stressten ihn nur zu Anfang, er zog bellend in ihre Richtung. Dann führte ich ihn so, dass ich zwischen ihm und dem anderen Hund ging und redete ihm gut zu: „Theo, Du musst Dich nicht aufregen, der tut Dir nichts, ich beschütze Dich.“ Ich glaube ja nicht, dass er es verstanden hat, aber gewirkt hat es trotzdem.

Zug fährt der Hund völlig selbstverständlich

Abends wollte ich Freundin Birgit besuchen, Theo durfte mit. Dafür musste ich den Zug Richtung Duisburg nehmen, Gleis 2 oder 3. Auch hier begleitete mich Theo ohne Widerrede und stieg in den Zug, als hätte er sein Leben lang kein anderes Fortbewegungsmittel genutzt.

Theo macht sich im Zug breit Foto: © Susanne Böhling
Ganz entspannt: Theo macht sich im Zug breit Foto: © Susanne Böhling

Als Birgit in die Küche ging um unser Abendessen zuzubereiten, wollte er ihr gerne folgen. Ein scharfes „nein“ aus meinem Mund reichte, um ihn auf der Schwelle halt machen zu lassen. Ups – so gut hört der Hund schon auf mich. Wir waren erstaunt. Nach ein paarmal „nein“ blieb er die nächsten Male von selbst auf der Schwelle stehen. Um anschließend wieder ein paar Ermahnungen zu brauchen. Aber bei Birgit und ihrem Mann Gerd machte er sich mit seiner sanften freundlichen Art sofort beliebt.

Auch als Gast bei Birgit und Gerd macht Theo eine gute Figur. Foto: © Susanne Böhling
Auch als Gast bei Birgit und Gerd macht Theo eine gute Figur. Foto: © Susanne Böhling

Busfahren – wo ist das Problem?

Nur auf dem Rückweg nach Hause, als er mit mir in den Bus steigen sollte, wollte er nicht so groß. Das lag wahrscheinlich an der hohen Schwelle. Ich glaube, Theo hatte da schon reichlich Muskelkater.

Welpe oder lieber Theo …

… das war keine Frage

Nach dem vergeblichen Abstecher nach Kiel habe ich weiter telefoniert. Mit allen greifbaren Züchtern, ob Border-, Cairn- oder Welsh-Terrier. Nix. Auch keine Welpen. Zumindest nicht vor 2022 oder sogar später. Besonders ergiebig war das Gespräch mit Frauke Petra Dreyssig, einer Welsh-Terrierzüchterin aus Heimpertsdorf, Nahe Aichach in Bayern. „Viel zu weit!“ hatte ich eingewendet, als meine Schwester mich auf den Zwinger aufmerksam gemacht hatte. Ich ließ mich für einen Welpen in 2022 oder 2023 vormerken und wir verbanden uns auf Facebook.

Okay für einen Hund

Tags drauf führte ich ein Gespräch mit meiner Teamleiterin. Ich bat darum viel Homeoffice machen zu dürfen, wenn so ein kleines Wesen in meinem Haushalt Einzug halten sollte. Sie steckte den Rahmen und die Bedingungen ab und gab grünes Licht. Trotzdem war noch kein kleiner Hund in Aussicht.

Lohnenswerte Verbindung

Wieder einen Tag später erhielt ich von Frauke Petra Dreyssig über Facebook eine Nachricht: „Welsh-Terrier-Rüde in Nettetal, also gleich vor der Haustür abzugeben!!!!“ Dort war auch der Link zur Website des Zwingers Vom Delissenhof   zu finden. Tatsächlich! Theo, Deckrüde, als Begleithund abzugeben. Ich habe keinen Augenblick gezögert, angerufen und für den Nachmittag einen Besuch vereinbart. Dann habe ich die Bahnverbindung gecheckt und konnte auch noch Chrissie, meinem besten Kumpel, bewegen, mich zu fahren. Da er ebenfalls hundebegeistert ist, war das nicht so schwer.

Sympathie auf den ersten Blick

Theo war mir auf den ersten Blick sympathisch. Agil und freundlich. Beim Probespaziergang zeigte er sich total zivilisiert, zog nicht und trabte munter neben uns her. Da gab es nichts mehr zu überlegen, auf der Stelle entschied ich mich ihn mitzunehmen. „Ich lebe aber total anders als Sie hier, auf dem Land“, gab ich Pia und Friedhelm Delißen zu bedenken. „Ich weiß noch nicht, wie er reagiert. Was, wenn er mit den vielen Menschen und Hunden bei mir nicht klarkommt?“

Vorbildlich souverän

Ohne zu zögern ging Theo anschließend mit mir mit. Er sagte den Menschen, die ihm so lange ein gutes Zuhause geboten hatten, nicht einmal Tschüss. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz, Theo stieg wieder ohne zu zögern in den Fußraum davor. Etwas, was er bis dato nicht erlebt hatte. Während der Fahrt blieb er total souverän. Genau wie in der Pizzeria auf dem Hülser Markt, wo Chris und ich den Tag feierlich beschließen wollten. Anschließend fuhr er ohne zu zögern mit mir in der Straßenbahn nach Hause und blieb ebenfalls total souverän.

Damit hatte Theo meine Erwartungen bereits weit übertroffen.

Meine Suche nach einem Hund

Ich war nicht die Einzige. Die in der Pandemie auf die Idee kam, dass ein Haustier ihr Leben weniger einsam machen würde. Und dass ein Hund mich zu dem Spaziergang zwingen würde, der meine Laune hebt. Aber ich war nicht die Erste. Sondern mehr so die Letzte. Was eigentlich für mich spricht: Ich treffe so eine Entscheidung nicht leichtfertig. Endgültig sicher war ich, nachdem mir meine Tochter ihren Welsh-Terrier Johnny über ein Wochenende in Pension gegeben hatte: „Der Hund braucht dringend Urlaub“, begründete sie augenzwinkernd und fuhr mit Freunden auf einen Campingplatz, auf dem keine Hunde erlaubt waren.

Ein älterer Hund hat Vorzüge

Am liebsten hätte ich einen älteren Hund. Einen der stubenrein ist und keine Pumps mehr zernagt. Einer der die Nacht durchschläft und nicht alle drei Stunden zum Pipimachen raus muss. Ich wohne doch im vierten Stock ohne Aufzug.  Aber die Suche gestaltete sich schwierig. „Mir haben sie meine alten Hunde aus den Händen gerissen“, sagte eine Züchterin, die ich von früher kannte, als ich selbst noch Hundezüchterin war. Das hörte ich auch von anderen Züchtern, die ich nicht kannte. Ich wühlte mich durch die Seiten der Tierheime, eine Freundin schickte mir Links von Tiervermittlungsseiten … nix, was ich sich in mein Leben hätte einigermaßen integrieren lassen. Also nix, für das ich guten Gewissens die Verantwortung übernehmen könnte für die nächsten Jahre, in denen sich das Leben wieder anfühlen würde wie vor der Pandemie.

Die eigenen Grenzen bei der Hundehaltung erkennen

Die Suche zog sich. Mindestens drei Wochen. Zuletzt sah ich mir einen Rüden in Schleswig-Holstein an. Der war zwar für meine Bedürfnisse ungeeignet und die Besitzer hätten ihn mir auch nicht überlassen. Aber ich habe sehr nette Menschen kennengelernt und ein wunderbares Wochenende an der Ostsee verbracht.

Diese Fotos von Jutta Toschke zeigen ihren wunderschönen Welsh-Terrier Sammy. Als Antwort auf mein Büchlein “Jeder Monat hat 24 Tage” will sie mir 24 Collagen schicken. © Jutta Toschke

Barsbek südlich von Kiel

Ein tolles Wochenende bei und mit tollen Menschen: Jutta und Peter Toschke aus BArsbek bei kiel kennengelernt – wegen des Terriers – sympathisch befunden um ihrer selbst Willen.

Der Weg als Ziel für einen Menschen mit Hang zum Nervenkitzel

Es schien so einfach: Krefeld – Duisburg, Duisburg – Hannover, Hannover – Hamburg, Hamburg – Kiel. Umsteigezeiten relativ entspannt. Und von der Meldung “Teilstreckenticket” habe ich mich nicht irritieren lassen. Kaum saß ich jedoch im Flixtrain FLX nach Hannover, habe ich es kapiert. “Mein Platz ist besetzt”, beklagte sich eine andere Mitfahrerin beim Schaffner. Und ich hakte sofort ein: “Steht hier ja auch nirgendwo dran, welche Plätze besetzt sind.” Ich hatte nämlich nicht reserviert, das war mir bewusst. Der Schaffner sah mich hinter seiner süßen runden Brille mit Kulleraugen an und sagte: “Hier hat jeder Fahrgast eine Reservierung.” Pause. Zweimal klimperte er mit seinen herrlich dunklen nach oben geschwungenen Wimpern. “Haben Sie etwa kein Ticket?” Ich zeigte ihm meines – und tatsächlich! Ich hatte für diesen Teil der Strecke nicht bezahlt. Okay, jetzt war mir das mit dem Teilstreckenticket klar. Und ich begann zu schwitzen.

Wird erhöhtes Beförderungsentgelt fällig?

Fieberhaft versuchte ich per Google herauszufinden, ob man im Flixtrain ein Ticket nachbuchen kann …. “besser Du meldest Dich sofort beim Schaffner …” stand es da, denn würde ich erwischt, wäre sofort ein “erhöhtes Beförderungsentgelt” fällig. Na in diese Falle war ich wenigstens nicht getappt. Aber auf einen niedrigen Preis, wie er die Reise mit Flixtrain sonst so attraktiv macht, dürfe ich nicht mehr hoffen. So checkte ich mein Bargeld, meine diversen Karten und harrte des Schaffners …

Eine freundliche junge Frau lenkt mich ab

Zwischenzeitlich hatte sich eine junge Frau neben mich gesetzt, die regulär gebucht hatte. Mit der entspann sich eine anregende Unterhaltung, die mich wunderbar ablenkte. Einmal passierte er unsere Plätze, ein zweites Mal. Beim dritten Mal kontrollierte er und sagte: “Gleich komme ich zum Kassieren.” Wir passierten Hamm, wir passierten Bielefeldt. “Ich glaube, der kommt nicht mehr”, sagte die junge Frau.

Ein freundlicher junger Mann ist gnädig

Beim Aussteigen raunte er mir zu, dass ich beim nächsten Mal bitte bezahlen solle. Ich bedankte mich auf meine Art und schüttelte ihm zum Abschied die Hand. So wechselte ein Zehner unauffällig den Besitzer.

Ab Kiel geht es entspannt mit norddeutscher Gelassenheit

Der Rest der Fahrt lief problemlos, ich kam pünktlich in Kiel an und wurde pünktlich von Peter abgeholt.

Abends fuhren wir an den Ostseestrand, Jutta und ich gingen eine Runde schwimmen und am anderen Morgen fand ich eine wunderschöne Collage in ihrem Status.

Ostseeabend
Am Abend mit Jutta und Peter Toschke an der Ostsee. Fotos: © Jutta Toschke

Nix dazu gelernt

Es ist noch nicht lange her, dass ich mich als ziemlich fehlerhaft geoutet habe. Keine vier Monate später stelle ich fest, dass sich daran nichts geändert hat. Und das schlimme: Dieselben Fehler!

Ende Januar habe ich mich geoutet: Ich mache Fehler, über die andere nur den Kopf schütteln: “Wie kann man nur!” sagen sie dann. Und das ist keine Frage, sondern Ausdruck der Verachtung. Die sich dann meist nicht nur auf den Fehler bezieht, sondern auf den ganzen Menschen.

Ich mache ziemlich viel Blödsinn

Und so war es mir sehr peinlich zuzugeben, dass ich einmal so lange auf dem Klo Sudoku gespielt habe, bis mir die Beine eingeschlafen waren und mir beim Aufstehen den Dienst versagten. Oder: Ganz in Gedanken versunken stellte ich die Espressokanne auf den Herd, schnibbelte den Apfel für mein Müsli, irgendwann durchzuckte ein Gedanke mein Gehirn: “Müsste jetzt nicht eigentlich der Kaffee fertig sein und zischen?” Aber ich verdrängte ihn. Statt dessen nahm ich die Banane zur Hand, schnibbelte weiter und wunderte mich etwas später über ein “Pling”.

Ein Pling irritiert mich

Ratlos schaute ich mich um: “Woher kam das?” Vergeblich suchten meine Augen, bis mir die Nase den Weg wies: Kaffee, aber irgendwie anders. Da entdeckte ich den Griff der Espressokanne, der auf dem Kocher lag – wo er nicht auffiel. Damit war klar, warum ich ihn zunächst übersehen hatte und woher dieser seltsame Geruch kam: Er war aus Plastik. Ich schaute mir die Kanne genauer an und bemerkte, dass sich rund um den Plastiknöppel, den ich anfasse, um den Deckel zu öffnen, schwarze Schlieren bildeten, wie bei schmelzender Schokolade. Alles klar, das Ding war irgendwie überhitzt.

Geschmolzenes Plastik und ein komischer Geruch

Wenigstens dachte ich noch daran die dicken Handschuhe mit der Teflonseite anzuziehen, bevor ich das Ding vom Kocher hob und in die Spüle stellte. So verbrannte ich mir wenigstens nicht die Finger. Ich ließ Wasser drüber laufen. Das zischte, die Brille beschlug! Bis sie soweit abgekühlt war, dass ich sie vorsichtig – mit den Teflonhandschuhen an den Händen -aufschrauben konnte, dauerte es ganz schön lange. Na klar, die Dichtung zwischen Bauch und Kopf der Kanne war auch kaputt, zu heiß geworden. Der Kaffee noch trocken, roch verbrannt. Wie vor den Kopf geschlagen erkannte ich jetzt die Ursache des Malheurs: Ich hatte vergessen, Wasser in den Bauch der Espressokanne zu füllen! Das macht Kaffee – und sorgt dafür, dass die Kanne nicht überhitzt!

Wenigstens nicht die Finger verbrannt

Natürlich habe ich mich darüber geärgert. Klar. Aber so teuer sind die Dinger nicht, der Verlust verschmerzbar. Wobei ich ein paar Tage auf Kaffee verzichten musste. Das war natürlich unangenehm. Aber auch das habe ich überlebt.

Ziemlich unscheinbar, der Griff

Das Geräusch und den Geruch kenne ich doch irgendwoher

Und nun heute, knapp drei Monate später … Als ich dieses Pling hörte, wusste ich sofort Bescheid! Den Geruch erkannte ich ebenfalls wieder. Die Espressokanne! Tatsächlich lag der Griff wie gehabt daneben. Die Topfhandschuhe überstülpen, die Kanne in die Spüle heben, Wasser drüber laufen lassen war schon fast Routine.

Verräterisch, der Rand des Nöppels, wie geschmolzene Schokolade

Kurz kochte Ärger hoch! Du hast nichts dazu gelernt! Wie blamabel! Schande über Dich! Doch dann siegte der Hunger, ich wich getränketechnisch auf Tee aus und besah mir nach dem Frühstück den Schaden: Auf dem Deckel zeigte sich um den Nöppel herum wieder geschmolzenes Plastik, er saß nicht mehr fest auf dem Deckel, aber er hielt! Die Dichtung war noch ziemlich elastisch. Im Inneren der Kanne Spuren von Ruß – von dem verbrannten Kaffee – der sich aber bei Spülen entfernen ließ. Okay, wo ich Ersatz bestellen kann, weiß ich ja inzwischen, ich bekomme von der Firma regelmäßig Newsletter. Vielleicht sollte ich direkt zwei bestellen. Und bis die Neue geliefert wird, lässt sich die Alte ja vielleicht noch gebrauchen.

Kein Beinbruch und auch keine Bänderdehnung

Und so ärgerlich das alles ist: ich danke Gott dafür, dass mir nicht erneut die Beine auf dem Klo eingeschlafen sind … Sudoku spiele ich da nämlich immer noch.

© Susanne Böhling

Ich erzähle von einer Wanderung durch Mönchengladbach

Ein weiterer ausflug mit susi und edo führt mich in meine Vergangenheit. aber ich will mich nicht lange damit aufhalten

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, einen Blogbeitrag zu schreiben. Aber Susi war neugierig, wie ich ihn aufziehen würde. Sie und ihr Mann Edo, beides Kollegen, hatten mich Ende Februar zu einem Ausflug an die Ruhr und nach Wuppertal eingeladen. Nun wollte ich mich revanchieren und wählte Mönchengladbach als Ziel. Über die Stadt kann ich ein bisschen was erzählen. Während meiner Zeit als Journalistin hatte ich viel zu schreiben von dort, eine Menge besonderer Orte kennengelernt und vieles über die Historie. So viel, dass ich bei der Planung der Tour vor allem überlegte, was ich weglassen kann. Damit wir es bei 17 Kilometern belassen können. Und nicht 50 unterwegs sind. Oder 100. Weglassen, eine Aufgabe, die ich als Journalistin eigentlich ständig bewältigen musste.

Die geplante Tour für Mönchengladbach und Rheydt

Damals achtete ich strikt darauf, dass die Termine nicht länger als eine Stunde dauerten. So gelang es mir, ich mich relativ entspannt auf die maximal erlaubten 100 Zeilen beschränken. Sonst hatte ich zu viel Input und dann war das furchtbar schwierig. Nun, damit würde ich aber diesmal nicht auskommen, schließlich waren wir sechs Stunden unterwegs.

Mönchengladbach wurde am Abteiberg gegründet

Wir starteten am Hauptbahnhof und zogen hinauf zum Abteiberg. Ich erzählte etwas zur Gründung der Stadt, deswegen sie die einzige ist, die am Niederrhein eine Topographie hat. Dass sie ihren Namen von den Mönchen hat und von dem Gladbach, dem goldenen Bach, der heutzutage vor allem unter der Erde fließt. Wir stromerten durch den Garten des Abteibergmuseums. Ich vermisste einige Skulpturen, aber vielleicht werden sie ja nur im Sommer aufgebaut, der Brunnen sprudelte auch nicht. Dafür entdeckte Susi das Baumhaus, das ich noch nicht kannte. Es gibt immer etwas, das ihre Neugierde weckt und dadurch eröffnet sie auch mir, die ich schon alles zu kennen glaube, neue Perspektiven. Wir zwängten uns durch die Öffnung auf die Pllattform und sahen den Garten von oben, aber von einem anderen oben wie sonst, nämlich von der Seite und nicht zentral vom Museum aus.

Blick vom Baumhaus im Garten des Museum Abteiberg
Blick vom Baumhaus im Garten des Museum Abteiberg

Der höchste Punkt: Der Alte Markt

Ich zeigte den Beiden die vielen Gassen und Straßen die auf den Höhepunkt, den Alten Markt zulaufen, tischte ihnen noch die Geschichte von dem Richtplatz auf, an diesem Tag vollgestellt von Marktwagen. Wie oft hier unter meinem kritisch wohlwollenden Blick der Hoppeditz zum Leben erweckt und die Karnevals-Session eröffnet wurde oder oder oder – ich spreche nicht davon, sonst würde unser Ausflug frühestens nach 60 Stunden enden.

Blick in die Waldhausener Straße und eine freundliche Vergangenheit

Blick auf die frühere Curry 27 in der Waldhausener Straße

Dann warf ich noch einen Blick in die Waldhausener Straße. Hier gab es die Curry 27, ein Schnellrestaurant, das man nicht als Imbiss bezeichnen darf, denn Petra frittierte selbstgeschnitzte Pommes und die waren eine Delikatesse, wie ich sie nach ihrem Weggang aus der Stadt nicht mehr genossen habe. Dazu servierte sie mir einen Bauernsalat und rettete mir ein ums andere Mal das Leben, wenn ich zwischen Terminen und Schreiberei kaum zum Atmen kam. Doch weil ich diese Erinnerungen nicht mit Susi und Edo teile, verweilte ich auch nicht darin, sondern wir zogen weiter.

Am Hospiz blitzt ein trauriger Verlust wieder ins Bewusstsein

Am Hospiz vorbei, wo ich den Kollegen Jürgen kurz vor seinem Tod besucht hatte. Ein Erlebnis, dass mir seitdem nicht mehr präsent war, aber jetzt schossen mir augenblicklich die Tränen in die Augen. Gut, dass es sonnig war und die Brille dunkel. Wir blickten durch das schmiedeeiserne Tor in den Hof der Abtei und ich erlaubte mir einen Hinweis auf die vielen Sitzungen, an denen ich hier als Vertreterin der Öffentlichkeit teilgenommen hatte. Details zum Presseschießen verkniff ich mir. Auch wenn ich mich noch heute über die frechen Antworten freue, mit denen ich bisweilen Volksvertreter oder Amtsinhaber verblüffte.

Das Museum Abteiberg in Mönchengladbach gehört zu den bedeutendsten Bauten der Nachkriegszeit in NRW

Yves Klein Blau

Einen Besuch im Museum Abteiberg konnte ich ihnen dann zwar nicht ersparen, wohl aber die ganzen Geschichten, über die vielen Ausstellungen, die begleiten durfte (seitdem kann ich mich für moderne Kunst begeistern. Das Foto zeigt übrigens eine Arbeit von Yves Klein. Sein berühmtes Blau ist nur ganz schlecht wiedergegeben). So konnten sich Susi und Edo unbeschwert der aktuellen Ausstellung zuwenden. Ein Video von einer Straßenszene arabische Schriftzeichen an den Tafeln über den Geschäften.

Zwei Männer, einer mit Mundharmonika, einer mit Gitarre ziehen durch die dicht gedrängten Straßen, und intonieren das Intro aus „Spiel mir das Lied vom Tod“.Mit einer Handykamera gefilmt sieht man Mengen von Männern, Blut, die Stimmung ist aufgewühlt und feindlich. Leider konnte ich nicht – wie früher -­ mit den Informationen aus dem Pressevorgespräch dienen. Aber Susi erkannte sofort, dass die Szenen auf im kurdischen Irak aufgenommen wurden, ihr erster Mann, Vater ihres Kindes, ist dorthin zurückgekehrt. „Solche Szenen sieht man im westlichen Fernsehen nicht“, sagte sie. Und vermutete dahinter Schutzmechanismen. Sie weiß von Exilanten, die sich so etwas immer wieder in den Sendern aus der Heimat ansehen, was sie furchtbar runter zieht. Susi erzählte also von sich. Und irgendwie doch auch von mir, selbst wenn ich so etwas nie erlebt habe und hoffentlich auch nicht erleben werde.

Mit dem Bus von Mönchengladbach zum Rheydter Markt

Mit dem Bus fahren wir anschließend nach Rheydt, gehen am Marktplatz vorbei. Dort berichte ich nicht von den Grillmeisterschaften, bei denen ich immer wieder in der Jury saß und dort den Dieter Bohlen oder den Joachim Llambi gab, also das Mitglied, dass ein ehrliches Urteil abgab und treffende Worte fand, egal ob es sich um einflussreiche Karnevalistenverbände oder unbedeutende Metzgereifachverkäuferinnen handelte. Gleichzeitig lieferte ich einen bunten Punkt, gab also gleichzeitig den Jorge González. Und als einzige Frau die Motsi Mabuse. Haha

Jurorin bei der Rheydter Grillmeisterschaft im Jahr 2012
Als bunter Punkt in der Jury der Rheydter Grillmeisterschaften

Die meisten Geschichten erzähle ich nicht – vor allem nicht die peinlichen

Auch die endlosen Bezirksvertreterversammlungen im Rheydter Rathaus, erwähnte ich nur im Nebensatz. Aber einer der Höhepunkt kam mir wieder in den Sinn: Aus dem Kännchen kam nur tropfenweise Milch für den Kaffee, der mich wachhalten sollte. Dennoch hörte ich mit einem Ohr den Ausführungen des Vertreters der Opposition zu, ich war also unkonzentriert, wollte schneller mehr Milch, hielt das Kännchen steiler …. und flatsch, landete der Deckel des Kännchens in meinem Kaffee und der verteilte sich – nun mit wesentlich mehr Milch als nötig vermischt – mit einem kleinen Tsunami über mindestens zwei Presseplätze. Peinlichst berührt starrte ich wie gebannt auf den See, an dem sich eine kleine Ausbuchtung bildete, gleich würde es einen Abfluss Richtung Tischkante geben. Doch die Kollegen aus dem Presseamt und vom Konkurrenzblatt waren schon losgespurtet um Papiertücher zu besorgen und verhinderten so, dass auf dem Teppich eine unschöne Erinnerung an meine Zeit als Journalistin bleiben würde. Grausam, so eine Schmach, auch wenn sie typisch für mich wäre.

Eine von den schönen Geschichten – die Rheydter Kirmes und kein Ende

Im Stil der 80er Jahre zur Silberhochzeit bei Doris und Paul

Auch die Kirmes erwähnte ich nur kurz: dass ich dabei Paul kennenlernte und dank der Frotzeleien mit ihm eine ziemlich locker flockige Reportage über den Rundgang schreiben konnte. Von wegen 100 Zeilen (Das Maximum, siehe oben)! Ich lieferte 140 (der Rundgang hatte mehr als eine Stunde gedauert) – und keine einzige wurde herausgekürzt. Ich verkneife mir eine Nacherzählung! In der Folgezeit entwickelte sich zu Paul und seiner Familie eine schöne Freundschaft.

Ich war dort sogar zur Silberhochzeit eingeladen, es galt sich im Stil der 80er Jahre zu kleiden.

Dauergast im Theater Mönchengladbach – Rheydt

Eine typische Kritik einer Aufführung in Theater Mönchengladbach - Rheydt

Das Theater durften wir auch nicht auslassen. Immerhin war ich dort über ein paar Jahre mindestens einmal in der Woche bei einer Pressevorbesprechung oder bei einer Premiere. Eine tolle Zeit. Wir passierten es ohne Stopp.

Neuen Wege mit neuen Geschichten

Dann gingen wir uns Richtung Osten. Auf Höhe von Schloss Zoppenbroich wandten wir uns nach Norden, immer an der Niers entlang. Ein schöner Weg, den ich bis dato nicht kannte. Wir plauderten über unseren Job, die Firma, die möglichen Entwicklungen in der Zukunft. Da beide dort schon eine halbe Ewigkeit arbeiten, sind ihre Ansichten und Beobachtungen interessant – und vielleicht sogar wichtig.

Schloss Rheydt – nicht weit entfernt vom Hauptbahnhof Mönchengladbach

Angekommen auf Schloss Rheydt beschränkte ich mich weiterhin auf das nötigste, auch wenn das ein wirklich geschichtsträchtiger Ort ist und einer der wenigen (oder der einzige) Renaissance-Bauten am Niederrhein. Susi und Edo konnten also ungestört die Pfauen bewundern, die heutzutage die Herren abgeben.

Vom Volksbad Mönchengladbach

Dass es von hier aus nur ein Klacks ist bis zum Volksbad, war mir bis dato ebenfalls nicht bewusst. Mit dem Auto muss man nämlich einen weiten Bogen fahren. Zu Fuß sind es nur ein paar Kilometer. Auch hier erzähle ich nur, was nicht bei Wikipedia nachzulesen ist: Dass der Bau in der Zeit zwischen den Weltkriegen eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für arbeitslose Weber war.

Und dann ist es auch nicht mehr weit bis zum Bahnhof. Ein schöner Tag, eine gute Mischung. Unsere Beine melden zwar zuverlässig, dass sie 17 Kilometer gelaufen sind, aber der Geist ist erfrischt.

Fazit: Will man die Gegenwart genießen und gelassen in die Zukunft schauen, ist es gut, sich nicht zu lange mit alten Geschichten aufzuhalten. Wenn ich allerdings mal Langeweile habe, kann ich mir diese unerzählten Geschichten ins Gedächtnis rufen und schöne und schreckliche Gefühle erneut durchleben.

Unerzählte Geschichten – untold stories – könnte auch ein guter Titel einer Ausstellung im Museum Abteiberg sein. Moderne Kunst mag solche englischen Titel. Aber für meine Geschichten aus Mönchengladbach wäre sogar dieses schöne große Museum zu klein. Ich bin mal gespannt, was Susi dazu sagt, dass ich den Blogbeitrag über unseren Ausflug so aufgezogen habe.

Text: © Susanne Böhling
Fotos: Von der Rheydter Grillmeisterschaft © rimapress, Markus Ricken
Schloss Rheydt: Maren Walla-Kaufmann,
restliche Fotos © Susanne Böhling