Gute Vorsätze sind wie kratzende Pullover

Meinung von Susanne Böhling
Ein Pullover aus kratziger irischer Wolle fotografiert von Susanne Böhling

Der kratzige Pullover. © Susanne Böhling

Sind Vorsätze, die wir nicht konsequent durchziehen, überhaupt nützlich?

So ist das immer um diese Zeit. Alle Medien kreisen um ein Thema: Die guten Vorsätze fürs neue Jahr. Das ist mir das so unangenehm wie ein kratziger Pullover. Trotzdem behalte ich ihn an. Schließlich tragen ihn zurzeit alle. Bereitwilligst räumen wir ein, dass wir behaftet sind mit einer Unzahl unakzeptabler Fehler und Marotten, die wir ausmerzen wollen mit den guten Vorsätzen. Allein das kratzt an meinem Selbstwertgefühl. Und: Was hat das bislang genutzt? Haben wir unsere guten Vorsätze durchgezogen? Der einzige Effekt war doch, dass sich mit jedem Abbruch die Selbstzweifel mehrten.

Zweifel am Nutzen von Verhaltensänderungen

Wobei: Wäre unser Leben erfolgreicher, unsere Lebern und Lungen gesünder, ja wären wir heute glücklicher, wenn wir nicht aufgegeben hätten? Wären wir bessere Menschen und das Himmelreich näher? Solche Gedanken legen sich wie eine Schicht Seide um meine Seele, mildern das Kratzen des Pullovers und den Drang zu guten Vorsätzen für 2016.

Ich habe nicht nur Fehler, sondern auch positive Eigenschaften

Im Übrigen hat mir das vergangene Jahr gezeigt, dass ich gar nicht so schlecht bin. Selbst wenn ich Ungesundes genossen und erneut Dinge vergessen oder verloren habe, von denen andere denken, dass das gar nicht möglich sei, wie damals, meine Eltern beim Turnbeutel „Susanne, wie kannst Du nur?“ Ich kann. Aber auch angenehme Sachen, wie andere zum Lachen bringen und kochen oder profitable Sachen, wie Businesspläne schreiben, effizient ein effektives Mahnwesen etablieren, Texte formulieren, Kunden gewinnen, mit Kollegen und dem Chef klar kommen.

Es gibt auch Fortschritte ohne „gute“ Vorsätze

Ich habe mich sogar gebessert  in 2015. Habe im Job neues gelernt, angewendet und mich privat nicht mehr aufgeregt, wenn ich wieder etwas vergessen oder verloren hatte. Hat man mir deswegen Vorwürfe gemacht oder mich verächtlich angesehen, habe ich nur mit den Schultern gezuckt. Schließlich stehe ich seit langem ganz allein für die Verluste gerade, nicht wie früher, beim Turnbeutel. So habe ich einiges bewältigt im vergangen Jahr – eine weitere Schicht Seide vor dem kratzigen Pullover.

Besser: Sich den aktuellen Anforderungen zu stellen

Außerdem wird sich schon zeigen, welche neuen Herausforderungen ich im neuen Jahr meistern muss. Dabei werden mir Selbstzweifel nichts nutzen, sondern eher das Vertrauen in meine Fähigkeiten, für das im Übrigen nicht nur die Erfahrungen aus 2015, sondern aus vielen weiteren Lebensjahren sprechen. Vielleicht kann ich den kratzigen Pullover des Zwangs zu guten Vorsätzen allmählich ablegen, auch wenn andere ihn tragen. Doch will ich mir das nicht vornehmen. Vielleicht brauche ich das auch gar nicht. Irgendwann vergesse ich sie – wie immer und den Turnbeutel. Die Medien sind mit dem Thema auch bald wieder durch.

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