Oper in der Jahrhunderthalle

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Glück mit Gluck – Alceste in der Jahrhunderthalle Im Rahmen der Ruhrtriennale wurde die Reformoper Alceste von Christoph Willibald Gluck nach dem Libretto von Ranieri de‘ Calzabigi aufgeführt. von Susanne Böhling Ein langgehegter Wunsch geht in Erfüllung: Eine Opernaufführung in … Weiterlesen

Die Schauspieler des Gemeinschaftstheaters Krefeld-Mönchengladbach werden in Zypern spielen

Traumkulisse fürs Theater

Im antiken Theater von Curium auf Zypern wird die Krefelder „Orestie“- Inszenierung gespielt © Cyprus Tourism Organisation

Die Schauspieler des Gemeinschaftstheaters Krefeld-Mönchengladbach werden in Zypern spielen

Von Susanne Böhling

Aufführungen am 5. und 7. Juli auf Zypern

Am „Festival of Ancient Greek Drama“ teilnehmen zu dürfen, ist ein große Ehre. Die Inszenierung der Orestie von Aischylos in der Regie von Matthias Gehrt ist eine der beiden nicht-griechischen Produktionen, die am 5. und 7. Juli in den antiken Theater von Curium und Nikosia aufgeführt werden.

Die Aufführungen des Theaterfestivals auf Zypern 2016

Poster vom diesjährigen Theaterfestival auf Zypern

Auf den dritten Teil wird verzichtet

23 Theaterleute werden nach Zypern reisen, nahezu das ganze Schauspielensemble, sowie Gehrt und die Ausstatterin Gabriele Trinczek. Sie hat in den vergangenen Wochen dafür gesorgt, dass ein mit Stoff behängtes Baugerüst die Rückwand der Inszenierung bilden wird. Auch der der Regieassistent und der Inspizient sind mit dabei. „Auf Kollegen aus Technik, Garderobe und Requisite verzichten wir“, sagt Gehrt. Die Kosten für die Teilnahme werden ohnehin von den Krefelder Theaterfreunden mitgetragen. Leider können nur die ersten beiden Teile der Trilogie aufgeführt werden, weil die Vorstellungen nur zwei Stunden dauern sollen.

Meine Eindruck von der Premiere

Diese Ehre hat sich die Inszenierung redlich verdient – das ist meine Meinung. Ich hatte Gelegenheit, mir die Premiere im Herbst 2015 in Krefeld anzusehen. Schon damals beeindruckte mich die archaische Wucht, zu der Text, Bühnenbild, Regie, Kostüme und das Spiel der Akteure verschmolzen.

Orestie-Aufführung in Krefeld

Eva Spott als mordende Klytaimestra mit Beil auf der Bühne

Kultische Erhabenheit der Inszenierung

Inzwischen habe ich mich mit Hilfe von Bernd Seidenstickers „Das antike Theater“ noch ein bisschen schlauer gemacht. Mir wurde bewusst, dass die antiken Tragödien immer in einem kultischen Zusammenhang aufgeführt wurden, sie waren Teil der religiösen Riten der damaligen Zeit und damit etwas Erhabenes, das ich bei der Inszenierung gespürt habe.

Die Aufführungen in Zypern würde ich mir gerne ansehen.

Kultur I – bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

von Susanne Böhling

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen waren der Aufhänger für den Ausflug

Ein Freund, Norbert Büchel, hat mir einen tollen Tag im Susi-Sorglos-Modus beschert. Im Ruhrgebiet haben wir an unterschiedlichen Stätten unterschiedliche Ausprägungen von Kultur erlebt. Im ersten Teil des Beitrags geht es um die Kultur des Theaters – bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Dort eine Aufführung zu besuchen war der Ausgangspunkt für den Ausflug.

Logo der Ruhrfestspiele Recklinghausen

Aus einer Vielzahl von Aufführungen der Ruhrfestspiele die richtige ausgewählt

Für das Stück WG.Deutschland hatte Norbert schon vor längerer Zeit Karten besorgt. Wobei es der Termin war, nach dem wir uns für die Aufführung mit Akteuren aus einer Bildungsmaßnahme entschieden, die von der Bundesagentur für Arbeit und dem Bildungszentrum des Handels e.V. gefördert wurde. Auf eine Produktion namhafter Bühnen, hochkarätiger Regisseure oder Schauspielstars, die fester Bestandteil der Ruhrfestspiele Recklinghausen sind, haben wir verzichtet.

WG.Deutschland – eine Aufführung mit Laiendarstellern

Die Darsteller des Stückes WG.Deutschland

Die Darsteller des Stückes WG.Deutschland © Joachim Bachmann

Wir haben es nicht bereut, uns das Laienensemble in dem Stück WG.Deutschland anzusehen: In der Geschichte geht es um eine WG, in der junge Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildung versuchen, sich zusammen zu leben und dabei über alle Probleme stolpern, die die Zuschauer aus eigener Erfahrung kennen. Die Schauspieler haben sich die Seele aus dem Leib gespielt und Unmengen von Text gelernt. Sie haben sich getraut in die Rolle unsympathischer WG-Bewohner zu schlüpfen, sind auch in den komischsten Situationen ernst geblieben und haben das Lachen den Zuschauern überlassen. Dabei hatte der Autor und Regisseur Franz-Josef Dieken anspruchsvolle politische Statements eingebaut – und sie ironisch brechen lassen. Es war sehr amüsant und der begeisterte Applaus redlich verdient.

Ruhrfestspiele Recklinghausen

Theater in der Halle König Ludwig 1/2 © Foto: Susanne Böhling

Aufführungsort Halle König Ludwig 1 / 2

Schon der Aufführungsort in Recklinghausen brachte mir neue Erkenntnisse: „1/2“ meint nicht „einhalb“ sondern „1 und 2“ – benannt nach den Schachtanlagen der ehemaligen Zeche, auf dessen Gelände sich die Bühne befindet. Norbert hat in Bochum studiert und kennt solche Hintergründe. Hier fand ich, was mich immer wieder begeistert: Wie eine Industrie-Anlage morbide Schönheit entfaltet, sobald sie nicht mehr in Nutzung ist.

Halle König Ludwig 1/2

Aufführung in der ehemaligen Lohnhalle der Schachtanlage. © Foto: Susanne Böhling

Ursprünge im Winter 1946 /47

Die ehemalige Zeche zu bespielen ist gewissermaßen Pflicht für die Ruhrfestspiele Recklinghausen, die als das älteste Theaterfestival Europas gelten. Den Ursprung haben im harten Winter 1946 / 47 die Bergleute der Zeche König Ludwig 4 / 5 gelegt, die Kohle als Heizmaterial für die Hamburger Theater an der Besatzungsmacht „vorbeigeschleusten“. Zum Dank kamen die 150 Schauspieler der Hamburger Staatsbühnen nach Recklinghausen und gastierten unter dem Motto „Kunst gegen Kohle“ im städtischen Saalbau. Der Hamburger Bürgermeister Max Brauer hielt eine Rede vor der Belegschaft und entwarf die Idee von einem „anderen“ Festival. Nicht für Literaten oder Auserwählte, sondern inmitten der Stätten harter Arbeit. „Im Kohlenpott vor den Kumpels . . . statt in Salzburg.“ Entsprechend sind auch heute noch die Eintrittspreise gestaltet. In der Lohnhalle von König Ludwig 1 / 2 besuchten damals die Bühnenprofis die Arbeiter zu Gesprächen und Grubenfahrten.

Warten auf die Aufführung WG.Deutschland

Treffpunkt der Besucher vor der Aufführung © Foto: Susanne Böhling

Aus Love-Story wurde Krieg der Welten

© Andi Herrmanns

© Andi Herrmanns

Viel Beifall erntete die Komödie „Küss langsam“ von Michael Ehnert

St. Tönis. Für einen knallharten Action-Schinken braucht man keine große Leinwand. Es genügen zwei – gute! – Schauspieler und ein Techniker, der 40 Einspieler und 80 Lichtwechsel rechtzeitig vornehmen kann.

Das reicht, um das Kino im Kopf der Besucher im Forum Corneliusfeld so in Schwung zu bringen, dass sie mitgerissen sind, von der Action-Komödie „Küss langsam“, die hier am Donnerstagabend über die Bühne ging. Wenn sich Jennifer und Michael Ehnert im Amtsgericht beim Warten auf den Scheidungsrichter vorstellen, wie die Action-Serie hätte weitergehen können, bei deren Dreharbeiten sich zwei Schauspieler drei Jahre zuvor auf den ersten Blick ineinander verliebt haben.

Wie die Journalistin an brisante Unterlagen kam

Hochdramatisch und lebensbedrohlich geht es da zu, wenn der „Bulle“ der Journalistin hilft, an hochbrisante Unterlagen zu einem Skandal zu kommen, in den es gleichermaßen um die Atom-, Bestechungs- und Bauthematik geht.

© Andi Hermanns

© Andi Hermanns

Das übertragen die beiden Schauspieler mit Hilfe des Technikers so authentisch auf die Zuschauer, dass sogar auf Requisiten und Kostüme verzichtet werden kann.

Der normale Wahnsinn im Verhältnis der Geschlechter

Andererseits ist das Stück aus der Feder von Michael Ehnert, der auch schon für das Kom(m)ödchen und die Lach- und Schießgesellschaft geschrieben hat und für seine kabarettistischen Leistungen ausgezeichnet wurde, durchaus zum Lachen. Es geht um den Wahnsinn im Verhältnis der Geschlechter, der heute noch frisch und heiß verliebte Paare morgen schon regelmäßig vor den Scheidungsrichter führt.

© Andi Hermanns

© Andi Hermanns

Die Kommunikationsprobleme werden vorgeführt, die Aggressionen, die man gegenseitig auslöst, die enttäuschten Erwartungen und die Angst, die Erwartungen des anderen zu enttäuschen, sowie die vergeblichen Versuche, die Befindlichkeiten des anderen irgendwie unauffällig in den Griff zu bekommen. Und das Material, das die Journalistin zufällig zum Verhältnis der Geschlechter birgt, ist noch wesentlich brisanter als das zum Bau- und Atomskandal.

Latexhandschuhe um den Fußboden zu wischen

Da lachen die Tönisvorster sogar Tränen. Auch an Stellen wie der, an der „sie“ sauer ist, wenn „er“, die für „Spielchen“ gekauften, schwarzen Latexhandschuhe beim Wischen des Schlafzimmerbodens nutzt. Ihr Lachen klingt nicht so, als ob sie das alles nicht kennen würden. Sie lachten auch, um Distanz zu bekommen. Leider war das Forum nicht ausverkauft. Als ob nicht mehr Beziehungen in Tönisvorst und Umgebung solcher Therapie bedürften.

» Nächste Vorstellung aus der Kabarettreihe des Stadtkulturbundes: 24. Mai 2013,/ 20 Uhr, Markus Krebs: Literatur unter Betäubung

 

Ein Loblied auf den Verfall der Sitten

© Matthias Stutte: Das Dorf wartet brav den Nachtwächter ab. Dann schleicht es zur Maskerade

© Matthias Stutte: Das Dorf wartet brav den Nachtwächter ab. Dann schleicht es zur Maskerade

Die komische Oper „Maskerade“ von Carl Nielsen hatte am Freitag in Rheydt Premiere

Es gibt viele Gründe, die „Maskerade“ aufzuführen, die am Freitagabend in Rheydt Premiere feierte. Die komische Oper von Carl Nielsen gilt als Rarität auf den Opernbühnen, dänische Nationaloper und bietet ausgezeichnete Unterhaltung. Die Geschichte beruht auf dem scheinbaren Konflikt der geplanten, zwangsweisen Verheiratung von Leander (Michael Siemon) und Leonora (Debra Hays). Die widersetzen sich – schließlich haben sie sich auf dem Maskenball verliebt, und auch wenn sie nicht wissen, in wen, will jeder von ihnen dem Gebot des Vaters trotzen. Der Konflikt löst sich auf, denn nach der Demaskierung sehen sie, dass sie freiwillig lieben, wen sie lieben sollen. Es geht auch um das Aufbegehren gegen eine genussfeindliche, pietistische Lebenshaltung, ein Stoff, den Nielsen den Librettisten Vilhelm Andersen bei Ludvig Holberg, dem Lieblingsdichter der Dänen, entleihen ließ, der sich bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für „unschuldigen Zeitvertreib“ aussprach, „der aus diesem sauren Leben herausreißt.“

Das Stück lässt die Sänger glänzen, die dabei wieder ihr hervorragendes schauspielerisch-komödiantisches Können entfalten können, hat wunderbare Chorstücke (Einstudierung: Maria Benyumova) und ist eine angemessene Aufgabe für die Niederrheinischen Sinfoniker (Leitung: Alexander Steinitz). In der witzigen, temporeichen Inszenierung von Aron Stiehl sieht man die Akteure bei Morgentoilette und beim Saunagang. Bühnenbildner Jürgen Kirner, verlagert den Konflikt in eine Ikea-Idylle. Kostümbildnerin Dietlind Konold kann besonders bei der Maskerade aus dem Vollen schöpfen. Der Haustyrann Jeronimus erscheint als aufgeplusterter Hahn, Miss Piggy und Kermit sind mit von der Partie, vor allem aber auch Adam und Eva inklusive aller funktionsfähiger Details unter den Feigenblättern, bringen die Zuschauer zum Lachen.

Gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der das doch konservative Theaterpublikum (meist in fortgeschrittenem Alter) diese Frivolitäten annimmt, lässt die Frage keimen, ob so ein Loblied auf den Hedonismus heute noch nötig ist, wird er doch  selbstverständlich gepflegt oder gar zur Maxime erhoben. Die Antwort liefert vielleicht das Ballett in der Choreographie von Robert North. Das steigert das wilde Treiben auf der Maskerade ins karikaturhafte und deutet so dezent an, dass allein der Verfall der Sitten keine Lösung aus der Enge der eigenen Seele darstellt.   

Weitere Termine: http://www.theater-kr-mg.de/spielplan/musiktheater/maskerade.htm

Friss oder stirb – schnell

© Foto Susanne Böhling

Der magersüchtige Jonas und die Krankenschwester Alina

Die freie Bühne Stückwerk aus Süddeutschland liefert ein Theaterstück zum Hunger in der Welt und für den fairen Handel

Weiter möchte ich von dem Theaterstück „Friss oder Stirb“ berichten. Das habe ich im Auftrag der Kirchenzeitung in St. Albertuskirche in Mönchengladbach gesehen. Ein Stück, das das Theater Stückwerk entwickelt hat, um Jugendliche zum Nachdenken über Hunger und Überfluss anzuregen – und das ein atemberaubendes Tempo vorlegte! Thomas Hoogen, Fachbereichsleiter für „Weltkirche“ entsprach mit dem Engagement des Theater Stückwerk dem Bedarf Fairtrade-Szene im Bistum.

Das Tempo entspricht den Bedürfnissen der Jugendlichen

„Verstehen die Schüler überhaupt, was Sie da aussagen“, fragt eine Zuschauerin in der Diskussion, die die Schauspieler Tine Hagemann und Dominik Burki im Anschluss an die Aufführungen anbieten. „Ja, das ist das Tempo der jungen Menschen heutzutage“, sagt Tine Hagemann. Sie erinnert an die Computerspiele, an die schnellen Schnitte in den Video-Clips, mit denen die Jugendlichen heutzutage auf Schritt und Tritt konfrontiert werden. Ein Tempo das sie suchen, weswegen sie sich schnell langweilen – und stören – wenn es ihnen nicht geboten wird.

© Fotos Susanne BöhlingK640_Als Multinationaler  K640_Hank

Roadmovie über den Hunger der Welt mit einem Magersüchtigen

Diese Herausforderung meistert die Inszenierung des Theater Stückwerks. In der Geschichte geht es um vier Personen: Alina, Krankenschwester in einer psychiatrischen Abteilung für Essgestörte hat einen Film gedreht und geschnitten, in dem es um kriminelle Machenschaften bei der Nahrungsmittelproduktion und die Ausbeutung von den dort beschäftigten Menschen in Schwellenländern geht. Der Privatdetektiv Hank soll ihr im Auftrag eines globalen Konzerns den Film abnehmen und die Veröffentlichung verhindern. Die notorische Diebin Sophie lernt beim Ableisten ihre Sozialstunden in der Klinik den magersüchtigen Jonas kennen, denkt, dass er bald sterben muss und überredet ihn zur Flucht ans Meer.

„Mit der Figur des Jonas ist der Hunger immer gegenwärtig auf der Bühne – obwohl das Stück hier in Europa spielt“, erklärt ihr Darsteller. Dafür klaut Sophie zufällig den Wagen von Alina, deren Handtasche und den Datenstick mit dem Film. So entwickelt sich ein spannendes Roadmovie aus unzähligen kurzen Sequenzen, bei denen die schlichte, aber raffiniert eingerichtete Bühne wunderbare Dienste leistet: Die Protagonisten können sowohl verträumt am Meer sitzen, als auch Auto fahren oder an einem Stehpult Vorträge halten.

Wenig Requisiten helfen bei der Verwandlung

Eine Wendeweste mit brauner Seite – für Sophie – und weißer – für Alina – verdeutlicht die Frauenfiguren, eine Sonnenbrille Hank, eine normale Brille Jonas, wobei die Schauspieler die Figuren durch Mimik, Gestik und Sprachduktus deutlich herausarbeiten.

Wichtige Infos werden ganz nebenbei geliefert

„Ganz nebenbei“ informieren sie über Fleischkonsum, Lebensbedingungen der Erntehelfer und stellen unsere Konsumbedingungen in Frage. „Besser, als mit erhobenem Zeigefinger zu mahnen, nicht so viel wegzuwerfen, ist beispielsweise diese Mülltonne neben der Bühne“, sagt Dominik Burki. Dahinein werfen die Schauspieler während des Stücks alle Requisiten, die sie anschließend nicht mehr benötigen, den abgelegten Schlips wie den angebissenen Apfel. „Dann kommt meist die Frage: „Warum werft ihr so viel weg.“ Das regt zum Nachdenken an nutzt mehr als der Zeigefinger.“

INFO:

Buchungen für das Theaterstück „Friss oder Stirb“ ist über die Homepage des Theater Stückwerks. www.theater-stueckwerk.de möglich.

Die Nibelungen – satirisch amüsant, statt kriegstreibend

© Matthias Stutte

© Matthias Stutte

Noch zweimal geht die burleque Operette „Die Lustigen Nibelungen“ über die Bühne des Theaters in Krefeld

Wer das versäumt, ist selbst schuld. Die Lustigen Nibelungen werden noch zwei Mal in Krefeld gespielt und wir sie noch nicht gesehen hat, sollte sich schleunigst Karten besorgen. Auch ich, die ich die burlesque Operette in der Inszenierung von Hinrich Horstkotte schon vier oder fünfmal gesehen habe (vor zwei Jahren lief sie in Gladbach) werde sie mir wahrscheinlich nocheinmal anschauen, denn sie wird selten gespielt auf deutschen Bühnen und wer weiß, wann es die nächste Gelegenheit gibt.

Der Wiener Jude Oscar Straus hat die Musik 1904 geschrieben, Fritz Oliven, in Berlin lebender Jude mit dem Pseudonym Rideamus (lasst uns lachen!) das Libretto, in dem es wirklich keinen ernst zu nehmenden Text gibt. Es nimmt das Nibelungenlied auf die Schippe. Wo andere es kriegstreibend hochstilisieren, reduzieren sie es auf menschliches Normalmaß und nehmen dabei auch die Verlogenheit der Oberschicht aufs Korn, in der es sich im Wesentlichen doch ums Geld dreht. „Wir wollen den Siegfried ermorden, dann sind wir mit Anstand ihn los“, singt die königliche Familie von Burgund, nachdem Attila um Krimhilds Hand angehalten hat und Brunhild dem Betrug um ihre Besiegung auf die Schliche gekommen ist. „Im Guten im Guten geht alles, im Guten geht alles famos.“ In dieser Version verzichtet der grimme Hagen darauf, Siegfried umzubringen, denn der hatte sein Rheingold in Aktien bei der Rheinischen Bank angelegt. Die kracht, und so „steht der Aufwand in keinerlei Relation zum Nutzen des Mordes.“

Ich freue mich, dass man diesen musikalischen Spaß auf der großen Bühne aufwändig inszeniert hat. Die Kostüme siedeln zwischen den Flintstone und der Gründerzeit, Vater Dankwart und Mutter Ute erinnern an die seligen Wagners, wie die Musik auch Wagner zitiert. Die Regie liefert zusätzlich einen Gag nach dem Anderen. Wie sich die Familie beispielsweise am Morgen nach der Hochzeit (im Stil des Berliner Originals Bolle, mit Riesen-Keilerei) mit Sonnenbrillen um den Frühstückstisch versammelt, ist zum piepen! Brunhilde als Domina und Gunther als Schlappschwanz im einteiligen Badeanzug der Jahrhundertwende. Einfach köstlich. In der Ahnengalerie in der guten Stube gibt es immer etwas zu entdecken. Da hängt  neben Karl Marx auch Guido Westerwelle, Sebastian Schweinsteiger und politisch völlig unkorrekt Adolf Hitler. Die Sänger sind darstellerisch aufs Höchste gefordert.

Weitere Aufführungen am 21. März und am 5. April, jeweils um 20 Uhr.

Karten unter 02166 / 51 61 100 oder im Internet: www.theater-kr-mg.de

Trailer: http://www.theater-kr-mg.de/spielplan/musiktheater/die-lustigen-nibelungen.htm

Wenn die anderen vom Ruhm träumen, ist es komisch

In der Inszenierung von „Pension Schoeller“ am Theater in Rheydtverschwimmen die Grenzen zwischen „normal“ und „verrückt“© Matthias Stutte - Philipp Klapproth (Daniel Minetti im Bademantel) träumt davon, an einer Abendgesellschaft einer privaten Irrenanstalt teilzunehmen

© Matthias Stutte – Philipp Klapproth (Daniel Minetti im Bademantel) träumt davon, an einer Abendgesellschaft einer privaten Irrenanstalt teilzunehmen

Einmal den Apotheker ausstechen! Den, der immer so viel zu erzählen und anzugeben hat. Das wünscht sich Philipp Klapproth, reicher Gutsbesitzer aus der Provinz. Er ist die Hauptperson in „Pension Schöller“. Der Schwank aus dem Jahr 1890 von Carl Laufs nach einer Idee von Wilhelm Jacoby hatte am Freitagabend am Theater in Rheydt.

Klapproth fährt dafür nach Berlin, trifft seinen Neffe Alfred und verspricht, diesen finanziell zu unterstützen, wenn der ihn einführt in ein „Irrenhaus“. Doch weil der das nicht kann, „verkauft“ er ihm kurzerhand die Pension Schöller als solches Etablissement und der Onkel darf an einer Abendgesellschaft dort teilnehmen.

© Matthias Stutte: Ester Keil als exaltierte Schriftstellerin

© Matthias Stutte:
Esther Keil als exaltierte Schriftstellerin

Klapproth amüsiert sich prächtig mit dem alten Major, dem weltreisenden Professor, der exaltierten Schriftstellerin, die ständig auf Jagd nach Geschichten ist und vor allem Schöllers Neffen Eugen. Der ist ein fanatischer Möchte-Gern-Schauspieler mit einem fürchterlichen Sprachfehler, kann kein „l“ aussprechen, sagt statt dessen „n“ und erntet die meisten Lacher, wenn der dem von „tonnen Ronnen“ erzählt und nicht einsieht, warum ihm sein Onkel Schöller die Bühne versagen will!

© Matthias Stutte

© Matthias Stutte: Joachim Henschke als Major fordert ständig jemanden zum Duell

Gut, dass er sie alle „in Sicherheit verwahrt“ weiß. Denn der Major will ihn ständig zum Duell fordern, der Professor will ihn zur Großwildjagd mitnehmen, die Schriftstellerin fragt ihn nach seiner Lebensgeschichte und Eugen spielt ihm so intensiv vor, dass er sich doch bedroht fühlt.

Der Regisseur Michael Gruner inszeniert das Stück als Albtraum eines Spießers, der eigentlich genauso geltungssüchtig ist wie die anderen Protagonisten des Stücks. Ein Alptraum, aus dem Klapproth nicht aufwachen kann, die Figuren besuchen Klapproth auf seinem Gut in der Provinz. Er hat alle Hände voll zu tun, sie in den verschiedenen Räumen einzusperren und auf ihren Abtransport durch Schöller zu hoffen.

© Matthias Stutte: Christoph Windgens als Professor

© Matthias Stutte: Christopher Wintgens als Professor

Gruner fokussiert die Inszenierung auf die Schauspieler. Die leere Bühne von Udo Hesse bietet ihnen den nötigen Raum, wartet mit den unvermeidbaren Türen auf, die klappen, hinter denen sich jemand verbirgt, aus denen jemand überraschend auftritt. Und das Ensemble spielt bewährt intensiv, zeigt die drängende Not nach Anerkennung der Personen beklemmend offen und so bekommt das Stück die traurige Tiefe, vor deren Hintergrund sich erst so richtig herrlich befreiend lachen lässt.

 

© Matthias Stutte: Paul Steinbach als Eugen zeigt Klapproth überzeugend, welch guter Schauspieler er ist

© Matthias Stutte: Paul Steinbach als Eugen zeigt Klapproth überzeugend, welch guter Schauspieler er ist

www.theater-kr-mg.de.

Typisch Pott: Mit wenigen Worten viele gute Gags

Der Comedy-Newcomer Markus Krebs aus Duisburg hat bereits seinen eigenen Stil gefunden – und der kam gut an im Roten Krokodil in Mönchengladbach.

Tourplakat Markus Krebs

Tourplakat Markus Krebs

Der Mann braucht nicht lange. Wenn Markus Krebs nur auf die Bühne kommt, mit diesem Gang, der irgendwie seinem Bauch geschuldet ist, mit den langen fisseligen Haaren unter der Wollmütze, mit der Sonnenbrille vor den Augen sich breit grinsend auf den Barhocker setzt und nach der Bierflasche auf dem Tischchen neben sich greift, erntet er bereits die ersten Lacher.

„Kommt ein Mann mit zwei linken Füßen in Schuhladen und verlangt Flipp-Flipps“, ist ein  verdammt kurzer, aber sehr typischer Gag. Die können, müssen aber nicht flach sein, und die langen Pausen, die er dazwischen lässt, in denen er sich gemeinsam mit dem Publikum über die blöden Sprüche amüsiert, sind durchaus berechtigt. Es dauert oft eine ganze Weile, bis es den Witz voll durchblickt. „Gladbach halt“, kommentiert er schon mal achselzuckend.

Mit diesem Konzept verkörpert der 42-Jährige Newcomer die Mentalität seiner Heimatstadt Duisburg. 2009 trat er zum ersten Mal beim Niederrheinischen Comedy-Preis auf – und gefiel dem Publikum auf Anhieb. Im vergangenen November gewann er den RTL Comedy Grand Prix, ist jetzt zum ersten Mal auf Tour und füllt das Rote Krokodil in Wickrath bis auf den letzten der 300 Plätze.

Meist zielen seine Pointen auf die Menschen seiner Region, als deren typischer Vertreter er sich versteht. Wenn er an seine WG zurück denkt – „das heißt normal Wohngemeinschaft. Bei uns: „Wir gammeln“ ­ dann glaubt ihm das jeder. Das Pfandgeld reichte meist für den Strom und die Reise nach Mallorca, aber die Miete, die blieben sie meist schuldig. „Markus, denk dran“, sagte Vermieter Fritz jedes Mal warnend, wenn sie sich sahen. Krebs habe immer noch nicht bezahlt, „obwohl ich mir das jetzt leisten könnte.“ Er denkt lieber dran, bleibt kurz, knapp und brutal direkt. „Die kann mittem Gesicht verhüten“, charakterisiert er das Aussehen einer Frau. Selbst bleibt er auch nicht davor verschont. Seine Frau habe seinen Bauch kommentiert: „Da hat ein Arbeitsloser wenigstens immer ein Dach über dem Kopf.“

Schade, dass Krebs sich noch keinen ganzen Abend zutraut. Der junge Malte Pieper (21 Jahre) dem er 20 Minuten seiner Zeit abtritt, langweilt eher. Und auch dass er zum Schluss minutenlang eine vermeintliche Unfallmeldung der Bauberufsgenossenschaft vorliest, kommt nicht so gut an. Erstens ist es alt, und zweitens einfach nicht sein Stil.

Musikdramen, die mitnehmen

Bei aller Tragik und allem Verständnis hat es mich zunächst fast amüsiert: Dass Beverly Blankenship, die Regisseurin des Doppelopernabends im Theater in Rheydt, die gleiche Symbolsprache benutzte wie Quentin Tarantino in „Django Unchained“. Den Film hatte ich mir am Freitagabend angesehen.

©746_Villi_AngelicaFotos: Stutte

So saß ich also Sonntagabend in der Premiere von Giacomo Puccinis „Le Villi / Suor Angelica“ und sah zu, wie sich Janet Bartolova als „Anna“ über und über mit Blut beschmierte. Es symbolisierte wie bei Tarantino die Rache. Sie war anfangs eine Frau, die ihren Geliebten frohen Mutes gehen ließ, im festen Glauben, dass er – ganz wie er es ständig versicherte – zu ihr zurück kehren würde. Später gelang es ihr immer weniger, ihn zu erreichen, zu berühren und schließlich musste sie einsehen, dass er sie verlassen hatte. Nun war sie jeder Perspektive beraubt und entwickelte Rachegelüste. Die gipfelten in der Vorstellung, sie würde ihn als „Willie“ zu einem tödlichen Tanz auffordern – und die sonst grau gehaltene Szenerie färbte sich eindrucksvoll rot.

Mir gefiel das Konzept, die Sage aus dem Schwarzwald näher an uns heran zu holen. Ich genoss die psychologisch einfühlsame Komposition, die tollen Solisten, den Chor, das Orchester (die Niederrheinischen Sinfoniker unter Mihkel Kütson) und applaudierte anschließend anerkennend.

©615_Villi_AngelicaDieser Einakter Puccinis wurde bei dieser Inszenierung erstmalig gepaart und verwoben mit „Suor Angelica“, einem weiteren Puccini-Einakter. Der erzählt die Geschichte der jungen Adeligen, die von nach der Geburt ihres unehelichen Kindes in ein Kloster verbannt wurde. Blankenship hatte schon „Annas“ Geschichte in dieses Heim verlegt, als vorübergehende Unterkunft für die Schwangere, während sie auf die Rückkunft ihres Verlobten wartete. Ein Magdalenenheim in dem irische Familien bis in dieses Jahrhundert hinein ihre Kinder ohne Nennung von Gründen abgeben konnten, wo sie Willkür und Missbrauch ausgesetzt waren.

Angelicas Sehnsucht nach ihrem Kind wird schon bei Annas Fehlgeburt deutlich. Sie nimmt das Kind, betrachtet es eindringlich, trägt es weg. Als nun die Zöglinge im Heim von ihren Wünschen sprechen, denkt die eine an Süßigkeiten, die andere, eine Hirtin, träumt davon, noch einmal ein Lämmchen streicheln zu wollen. Angelica schweigt. Wobei jeder spürt, welche Sehnsucht sie hegt, dass sie den Mut nicht findet, darüber zu reden, ja nicht einmal in der Lage ist, sich selbst diese Sehnsucht einzugestehen.

©300_Villi_Angelica_HP2

Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist man mitgenommen, man leidet mit Angelica, die von Dara Hobbs verkörpert wurde. Wie sie in Wut geriet, als die Tante, die sie nur besuchte um eine Unterschrift in einer Erbangelegenheit zu bekommen, ihr nebenbei mitteilte, dass das Kind schon seit zwei Jahren tot sei. Wenn Hobbs dann in Rage die Tische umwirft und die Tante mit deren Stock bedroht, dann ist das so verdammt echt und die Töne der dramatischen Sopranistin entspringen direkt ihrer Seele und nicht nur ihrer Kehle.

Es fiel schwer, nach den Schlussakkorden in die Realität zurückzufinden, die künstlerische Leistung  mit dem begeisterten Applaus zu würdigen, den sie verdient hatte. Es kostete Kraft, sich klar zu machen, dass unsere Situation weder der Annas noch Angelicas gleichen muss. Weil wir in einer Gegenwart leben, in der ein treuloser Bräutigam nicht den Verlust der Zukunft bedeutet, wir verhüten können und uneheliche Kinder fast schon normal sind.

Als Kulturoptimistin keimte in mir die Frage: „Haben solche Dramen wie Suor Angelica dazu beigetragen, unmenschliche Normen aufzuweichen und unsere Zeiten humaner werden zu lassen?“

www.theater-kr-mg.de