Geiz ist Krefeld!

Die Liebe der Krefelder zu ihrer Stadt ist nicht sonderlich ausgeprägt. Am vergangenen Samstag konnte ich diesen Umstand mal wieder beobachten – diesmal in der krefelder Mediothek

Samstag war ich ganz früh in der Mediothek. Also erst mal AN der Mediothek, denn ich war so früh, dass ich noch fünf Minuten auf ihre Öffnung warten musste. Da war die Bankreihe in der Nähe der Zeitungen noch leer. Schnell nahm ich mir einen der Plätze, die mir den von mir bevorzugten Blick in den Raum bieten. Ich hoffte schon, die Herren Zeitungsleser hätten am Samstag besseres zu tun als hier zu diskutieren.

Mein Lieblingsplatz in der Mediothek Krefeld

„Denkste!“ sagte ich mir, als das Gemurmel lauter und lauter wurde. Was heute außerdem störend dazu kam: Es zog durch die offenen Fenster. „Sind die zentral gesteuert?“ fragte ich den Mann rechts neben mir. „Nein, da müssen sie dem Personal Bescheid sagen, aber die …“ ein Kopfschütteln mit hochgezogenen Augenbrauen vollendete seinen Satz.

Wenn es in der Krefelder Mediothek zieht, kann man Abhilfe erbitten

Unverdrossen machte ich mich auf zum nächsten Rondell. Dort war die Mitarbeiterin damit beschäftigt, einem Paar ihre neuen Leseausweise auszustellen. Ich wandte mich an eine andere Mitarbeiterin, die gerade über die Schräge nach unten lief. „Ich werde das veranlassen“, versicherte sie mir zuvorkommend freundlich.

An diesem Rondell können sich Leser ihren Ausweis für die  Krefelder Mediothek ausstellen lassen

„Das haben Sie gut gemacht“, lobte mich mein Nachbar als sich wenige Minuten die Fenster sanft schlossen. Aber er hatte auch eine Vermutung: „Bei mir sind die da anders, denn ich habe keinen Leseausweis, die Zeitungen hier kann ich auch ohne nutzen“, sagte er stolz. Ich schaue ihn mit großen Augen an. „Die 20 Euro im Jahr sind Ihnen zu viel??!?!?“ fragte ich entgeistert. „Für Krefeld?“ erwiderte er und zog die Augenbrauen erneut nach oben, in vollendeter Verachtung. Ich ziehe jetzt ebenfalls die Augenbrauen nach oben.

Die  Krefelder Mediothek ist ein heller, freundlicher Raum

Staunend. „Immerhin ist das die Stadt, die uns diesen tollen Raum zur Verfügung stellt.“ Wieder die verächtlichen Augenbrauen. Diesmal mit einem leichten Schlenker des Kopfes. „Also ich mochte die alte Bibliothek viel lieber“, ereiferte er sich, „da gab es kleinere, abgeschlossene Räume.“ Er hielt inne, denn ich widmete mich wieder dem Text, den ich hier schreiben wollte. „Kannten Sie die alte Bibliothek?“ Er versuchte mit einer Frage meine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.

Die Krefelder Mediothek bietet Wissen in angenehmer Atmosphäre

Immer wieder gibt es schöne Perspektiven in der Krefelder Mediothek

„Nein!“ sagte ich knapp und vielleicht kühl, vielleicht auch barsch, ich weiß es nicht. Jedenfalls schwang genug in diesem Wort, vielleicht so etwas wie „und warum wohnen Sie noch hier?“ oder „Sie jedenfalls machen die Stadt nicht lebenswerter“ so dass er mich in Ruhe ließ und mir die Gegenfrage ersparte, ob er denn damals den Bibliotheksausweis bezahlt habe. Als er mit seinem abgerissenen Rucksack auf dem Rücken den Raum verließ, keimte in mir noch ein anderer Verdacht. „Er ist wohl knapp bei Kasse und sucht eine Ausrede.“ Andererseits gibt das niemand gerne zu.

Oper in der Jahrhunderthalle

Galerie

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Glück mit Gluck – Alceste in der Jahrhunderthalle Im Rahmen der Ruhrtriennale wurde die Reformoper Alceste von Christoph Willibald Gluck nach dem Libretto von Ranieri de‘ Calzabigi aufgeführt. von Susanne Böhling Ein langgehegter Wunsch geht in Erfüllung: Eine Opernaufführung in … Weiterlesen

Spektakulär auf dem Netz „in Orbit“

Einen Besuch von „in Orbit“ von Tomás Saraceno in der K21 war lange geplant. Nun kenne ich das Kunstwerk und seine spektakuläre Wirkung auf mich – und andere Menschen mit Höhenangst?

von Susanne Boehling

Langsam zum Ständehaus

Die Kunstsammlung von außen

Es war mal wieder so: Da gehe ich in ein Museum und schon das Gebäude gefällt mir, die Umgebung. So wie die K21, das ehemalige Parlamentsgebäude der Rheinprovinz, in dem bis 1988 auch der Landtag Nordrhein-Westfalens tagte. Ich mag diesen historistischen Stil, in dem das Gebäude errichtet ist. Aber es gibt Steigerungen, die die vorigen Eindrücke wieder verblassen lassen.

Von Süden kommend sieht man das Ständehaus durch die alten Bäume eines Parks

Durch den Park auf das Ständehaus, die K21 Foto: © Susanne Boehling

Angenehme Geräusche

Der neobarocke Brunnen „Vater Rhein und seine Töchter“, ist mir zu überladen, lediglich an den Fischen bleibt mein Blick hängen, denn das Wasser, das ihrem Maul entströmt, plätschert angenehm in die darunter liegende Muschelschale.

Seitlich an der Plastik "Vater Rhein und seine Töchter" gibt es wasserspeiende Fische

Angenehm plätschert das Wasser, das die Fische des Brunnens speien. Foto: © Susanne Boehling

Macht über die Waffen

Doch dann liegt da eine Pistole auf dem Boden. Einerseits überdimensional, andererseits völlig harmlos. Es spielt keine Rolle, ob es die Abbildung einer echten oder einer Spielzeugpistole ist. Ich kann meinen Fuß darauf stellen und das ist so angenehm. „In den Dreck mit den Waffen!“ denke ich mir und freue mich, dass mein Kopf durch dieses Kunstwerk zu solchen Gedanken angeregt wird.

Eine riesig große Metallpistole liegt von dem Eingang der K21 auf dem Pflaster

In den Staub mit den Waffen – Kunstwerk vor der K21. Foto: © Susanne Boehling

Das Netz von unten

Innen der helle hohe Raum ebenfalls sehr angenehm und die Architektur ist Kunstwerk genug, ich vermisse keine Bilder an den Wänden. Von oben aus der Kuppel klingen helle Stimmen und ziehen meinen Blick nach oben. Da ist es, das Netz – in orbit, das Tomás Saraceno in der Kuppel gespannt hat. Ich wusste, dass es hoch ist. Aber so? Die Menschen, die das Netz im Augenblick begehen, erscheinen wie Fliegen an den Glasscheiben.

in Orbit – das Erlebnis

Es mutet schon ein bisschen seltsam an, wenn man sich für die Betrachtung eines Kunstwerkes einen Overall anziehen muss und das Museumspersonal die Schuhe überprüft – ob sie auch ausreichend Profil haben. Andernfalls bieten sie einem leihweise Trekkingschuhe an. Die braucht man wirklich! Die Netze haben bisweilen starke Neigung, die man nur bewältigt, wenn sich die Seile in das Profil der Sohlen haken können.

schon von unten sieht "in Orbit" von Tomás Saraceno atemberaubend aus. Die Menschen auf dem Stahlnetz erscheinen klein wie Fliegen

Das Kunstwerk von Tomás Saraceno ist noch bis Ende Juni zu sehen. Foto: © Susanne Boehling

Die schlimmste Schaukel

Schlimmer als die Höhe erscheinen mir die Schwingungen in die andere Museumsbesucher das Netz versetzen. Ihnen fehlt der Rhythmus der Brandung – der mir die Wellen im Meer so angenehm macht. Jeden Augenblick muss ich mich um Balance bemühen und das stresst mich ganz schön.

Ein bedeutender Schritt für mich

Teile der Netze hängen über der Empore des Gebäudes. Zu deren Fußboden sind es dann nur geschätzte ein bis fünf Meter. Doch dann hebe ich mein Bein scheinbar über das Geländer der Empore – und nun sind es mehr als 20 Meter bis unten. Auch wenn ich weiß, dass mich das Netz halten wird, ist es ein bedeutender Schritt für mich – und ich tue ihn!!!

Die Hängematte zwischen Himmel und Erde

Dann erreiche ich den Platz, an dem sich einige Kissen sammeln. Gesehen habe ich sie sofort. Aber der Weg dorthin war weit! Sehr weit. Ich lasse mich fallen. Schnell stellt sich ein wunderbarer Entspannungseffekt ein. Ich sehe den Himmel über der Kuppel, ich sehe die riesigen Luftballons, die Saraceno in die Skulptur integriert hat. Ihre silbrige Außenhaut spiegelt mich, die anderen Besucher und der Anblick bezaubert mich: Wie wir so zwischen Himmel und Erde schweben, das ist wunderschön!

Tomás Saraceno - in orbit, Installationsansicht K21 Ständehaus, Photography by Studio Tomás Saraceno © 2013

Tomás Saraceno – in orbit, Installationsansicht K21 Ständehaus, Photography by Studio Tomás Saraceno © 2013

Mit der Zeit gewöhne ich mich

Weil nicht mehr viel los ist, können wir länger als die 10 Minuten verweilen, die den Besuchern bei Hochbetrieb zugebilligt werden. Dennoch zieht es uns nach 20 Minuten weiter. Schade eigentlich, ich glaube, nach einer Stunde hätte ich mich an die seltsamen Schwingungen gewöhnt. Unvorstellbar hingegen, dass die maximal erlaubte Anzahl von 10 Besuchern das Netz in Bewegung setzen. Ich glaube, ich hätte gestreikt.

Spinnen

Ein Künstlerraum ohne Angst vor Spinnen

Ein Stockwerk tiefer zeigt ein dunkler Raum die Kunst der Spinnen. Effektvoll beleuchtete Netzarchitektur, die einen staunen lassen für die Wunder der Natur. Spinnennetze beschäftigen Tomás Saraceno seit Jahren, sie sind ihm Vorbild an Stabilität und Feinheit. Eine Herausforderung für Menschen mit Spinnenangst: In einem der beiden in den Raum hin offenen Drahtquader leben nach wie vor Spinnen und arbeiten unverdrossen weiter an ihrem Werk.

Nur die Kanten der Quader mit den Spinnennetzen sind durch Draht begrenzt

Nur die Kanten der Quader mit den Spinnennetzen sind durch Draht begrenzt. Foto und ©: Studio Saraceno

Im Kokon der Chirharu Shiota

Noch ein Stockwerk tiefer zieht mich wieder ein Gespinnst in seinen Bann. „A long day“ heißt ihr Kunstwerk aus dem Jahr 2015. Wollfäden durchziehen einen abgedunkelten Raum wie ein Spinnennetz. Zunächst fällt mir nicht auf, dass tief darunter ein Tisch und ein Stuhl stehen und viele Bögen weißen Papiers auf den Ebenen des Netzes lagern. Vielmehr fühle ich mich geborgen wie in einem Kokon.

A Long Day ist ein Kunstwerk der Japanerin Chiharu Shiota. Wollfäden sind kreuz und quer durch einen Raum gespannt. Sie tragen Papierbögen und verbergen einen Tisch und einen Stuhl. Susanne Böhling fühlte sich in dem Raum geborgen

A Long Day von Chiharu Shiota. Foto: Sunhi Mang © Künstlerin, mit freundlicher Genehmigung der K21

 

Resümee

Vielleicht hätte ich doch eine umgekehrte Reihenfolge wählen sollen: Erst den Kokon aus Wolle, dann die feinen Netze der lebenden Spinnen und dann den Schritt in den Raum „in Orbit“. Jedenfalls bin ich so beeindruckt, dass ich auf weitere Kunsterlebnisse verzichte. Nicht einmal der Pistole vor dem Eingang kann ich noch Beachtung schenken. Aber vergessen werde ich sie dennoch nicht.

Blick vom Ständehaus Richtung Graf-Adolf-Platz

Blick vom Ständehaus Richtung Graf-Adolf-Platz. Foto: © Susanne Boehling

Das Copyright auf dem Text liegt bei Susanne Boehling. Wollen Sie ihn oder Teile davon kopieren, benötigen Sie die Zustimmung der Autorin. Bei Verlinkung erbitte ich Nachricht per E-Mail.

 

 

Kultur an der Ruhr II – Schauen und Staunen

Norbert Büchel nahm mich mit zu einer Susi-Sorglos-Tour durch das Ruhrgebiet, auf der ich viel zu schauen und zu staunen hatte.

Von Susanne Böhling

Start in der Villa Hügel

Ausgangspunkt der Ruhrtour war die Villa Hügel. Ich hatte sie als Haltepunkt in die Planung eingebracht, da ich sie bis dato nicht kannte.

Was Krupp in Essen waren die Fugger in Augsburg

Da es zu diesem Zeitpunkt keine Sonderausstellung in der Villa gab, war sie wenig besucht und wir konnten den Bau in seiner ganzen, unverstellten Pracht bewundern. Riesige Räume, teure Tapeten, Wandteppiche, Holzvertäfelungen, Schnitzereien, die Bibliothek.

Schranksims in der Villa Hügel, prächtig verziert

Der Sims eines Schrankes prächtig verziert mit Schnitzereien © Foto: Susanne Böhling

Das alles hat mich schwer beeindruckt und ich habe darauf verzichtet, mich mit Hintergründen zu beschäftigen. Stattdessen habe ich versucht einfach zu fühlen, zu welcher Prachtentfaltung Unternehmergeist bei entsprechendem Erfolg imstande ist und welche Gefühle das in Bewohnern und Besuchern ausgelöst haben mochte.

Holzvertäfelungen und schmiedeeiserne Geländer in der Bibliothek von Villa Hügel in Essen

Blick durch die Bibliothek der Villa Hügel © Foto: Susanne Böhling

Erinnern musste ich mich dabei an den kleinen Goldenen Saal im Augsburger Rathaus, in dem die Erfolge der Fugger und Welser ablesbar sind, die auch Fürsten gezeigt haben, wer in Wirklichkeit die Geschicke der Nation bestimmt. Es ist sicher kein Zufall, dass der Stahlunternehmer Krupp die Villa zu einer Zeit erbauen ließ, da für den Deutsch-Französischen Krieg Waffen gebraucht wurden.

Weitläufiges Gelände um die Villa Hügel in Essen

Blick über die Terrasse der Villa Hügel in den Wald des Ruhrtals © Foto: Susanne Böhling

Weithin sichtbar thront der ehemalige Familiensitz der Kruppfamilien über dem Ruhrtal. Heute gehört er der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und die Kulturstiftung Ruhr hat hier ihren Sitz.

Folkwang Museum in Essen

Angenehm, dass das Vermögen der Krupp-Stiftung auch dazu dient, den Besuchern des Museum Folkwang freien Eintritt zu gewähren. So haben wir uns ganz ohne den – lächerlich selbst auferlegten – Zwang, die Kosten ablaufen zu müssen, im Wesentlichen auf den zentralen Raum mit der Ausstellung Gediegenes und Kurioses Los Carpinteros, Ouyang Chun und Lieblingsstücke aus der Sammlung Olbricht konzentrieren können. Der Sammler Thomas Olbricht hat die Rauminstallation „Helm“ mit Schönem und Kuriosem aus Nah und Fern bestückt, die zum Entdecken und Staunen anregen. Seitdem weiß ich wieder, warum ich schon als Jugendliche meinen Setzkasten so sehr mochte. Und warum es ich zugunsten leichten Gepäcks nicht auf Nutzloses in meiner Wohnung verzichten möchte. Eine echte Befreiung!

Rauminstallation Los Carpinteros im Museum Folkwang

Schweinemädchen aus der Sammlung Olbricht in einer Wabe des „Helms“ © Foto: Susanne Böhling