Spektakulär auf dem Netz „in Orbit“

Einen Besuch von “in Orbit” von Tomás Saraceno in der K21 war lange geplant. Nun kenne ich das Kunstwerk und seine spektakuläre Wirkung auf mich – und andere Menschen mit Höhenangst?

von Susanne Boehling

Langsam zum Ständehaus

Die Kunstsammlung von außen

Es war mal wieder so: Da gehe ich in ein Museum und schon das Gebäude gefällt mir, die Umgebung. So wie die K21, das ehemalige Parlamentsgebäude der Rheinprovinz, in dem bis 1988 auch der Landtag Nordrhein-Westfalens tagte. Ich mag diesen historistischen Stil, in dem das Gebäude errichtet ist. Aber es gibt Steigerungen, die die vorigen Eindrücke wieder verblassen lassen.

Von Süden kommend sieht man das Ständehaus durch die alten Bäume eines Parks

Durch den Park auf das Ständehaus, die K21 Foto: © Susanne Boehling

Angenehme Geräusche

Der neobarocke Brunnen „Vater Rhein und seine Töchter“, ist mir zu überladen, lediglich an den Fischen bleibt mein Blick hängen, denn das Wasser, das ihrem Maul entströmt, plätschert angenehm in die darunter liegende Muschelschale.

Seitlich an der Plastik "Vater Rhein und seine Töchter" gibt es wasserspeiende Fische

Angenehm plätschert das Wasser, das die Fische des Brunnens speien. Foto: © Susanne Boehling

Macht über die Waffen

Doch dann liegt da eine Pistole auf dem Boden. Einerseits überdimensional, andererseits völlig harmlos. Es spielt keine Rolle, ob es die Abbildung einer echten oder einer Spielzeugpistole ist. Ich kann meinen Fuß darauf stellen und das ist so angenehm. „In den Dreck mit den Waffen!“ denke ich mir und freue mich, dass mein Kopf durch dieses Kunstwerk zu solchen Gedanken angeregt wird.

Eine riesig große Metallpistole liegt von dem Eingang der K21 auf dem Pflaster

In den Staub mit den Waffen – Kunstwerk vor der K21. Foto: © Susanne Boehling

Das Netz von unten

Innen der helle hohe Raum ebenfalls sehr angenehm und die Architektur ist Kunstwerk genug, ich vermisse keine Bilder an den Wänden. Von oben aus der Kuppel klingen helle Stimmen und ziehen meinen Blick nach oben. Da ist es, das Netz – in orbit, das Tomás Saraceno in der Kuppel gespannt hat. Ich wusste, dass es hoch ist. Aber so? Die Menschen, die das Netz im Augenblick begehen, erscheinen wie Fliegen an den Glasscheiben.

in Orbit – das Erlebnis

Es mutet schon ein bisschen seltsam an, wenn man sich für die Betrachtung eines Kunstwerkes einen Overall anziehen muss und das Museumspersonal die Schuhe überprüft – ob sie auch ausreichend Profil haben. Andernfalls bieten sie einem leihweise Trekkingschuhe an. Die braucht man wirklich! Die Netze haben bisweilen starke Neigung, die man nur bewältigt, wenn sich die Seile in das Profil der Sohlen haken können.

schon von unten sieht "in Orbit" von Tomás Saraceno atemberaubend aus. Die Menschen auf dem Stahlnetz erscheinen klein wie Fliegen

Das Kunstwerk von Tomás Saraceno ist noch bis Ende Juni zu sehen. Foto: © Susanne Boehling

Die schlimmste Schaukel

Schlimmer als die Höhe erscheinen mir die Schwingungen in die andere Museumsbesucher das Netz versetzen. Ihnen fehlt der Rhythmus der Brandung – der mir die Wellen im Meer so angenehm macht. Jeden Augenblick muss ich mich um Balance bemühen und das stresst mich ganz schön.

Ein bedeutender Schritt für mich

Teile der Netze hängen über der Empore des Gebäudes. Zu deren Fußboden sind es dann nur geschätzte ein bis fünf Meter. Doch dann hebe ich mein Bein scheinbar über das Geländer der Empore – und nun sind es mehr als 20 Meter bis unten. Auch wenn ich weiß, dass mich das Netz halten wird, ist es ein bedeutender Schritt für mich – und ich tue ihn!!!

Die Hängematte zwischen Himmel und Erde

Dann erreiche ich den Platz, an dem sich einige Kissen sammeln. Gesehen habe ich sie sofort. Aber der Weg dorthin war weit! Sehr weit. Ich lasse mich fallen. Schnell stellt sich ein wunderbarer Entspannungseffekt ein. Ich sehe den Himmel über der Kuppel, ich sehe die riesigen Luftballons, die Saraceno in die Skulptur integriert hat. Ihre silbrige Außenhaut spiegelt mich, die anderen Besucher und der Anblick bezaubert mich: Wie wir so zwischen Himmel und Erde schweben, das ist wunderschön!

Tomás Saraceno - in orbit, Installationsansicht K21 Ständehaus, Photography by Studio Tomás Saraceno © 2013

Tomás Saraceno – in orbit, Installationsansicht K21 Ständehaus, Photography by Studio Tomás Saraceno © 2013

Mit der Zeit gewöhne ich mich

Weil nicht mehr viel los ist, können wir länger als die 10 Minuten verweilen, die den Besuchern bei Hochbetrieb zugebilligt werden. Dennoch zieht es uns nach 20 Minuten weiter. Schade eigentlich, ich glaube, nach einer Stunde hätte ich mich an die seltsamen Schwingungen gewöhnt. Unvorstellbar hingegen, dass die maximal erlaubte Anzahl von 10 Besuchern das Netz in Bewegung setzen. Ich glaube, ich hätte gestreikt.

Spinnen

Ein Künstlerraum ohne Angst vor Spinnen

Ein Stockwerk tiefer zeigt ein dunkler Raum die Kunst der Spinnen. Effektvoll beleuchtete Netzarchitektur, die einen staunen lassen für die Wunder der Natur. Spinnennetze beschäftigen Tomás Saraceno seit Jahren, sie sind ihm Vorbild an Stabilität und Feinheit. Eine Herausforderung für Menschen mit Spinnenangst: In einem der beiden in den Raum hin offenen Drahtquader leben nach wie vor Spinnen und arbeiten unverdrossen weiter an ihrem Werk.

Nur die Kanten der Quader mit den Spinnennetzen sind durch Draht begrenzt

Nur die Kanten der Quader mit den Spinnennetzen sind durch Draht begrenzt. Foto und ©: Studio Saraceno

Im Kokon der Chirharu Shiota

Noch ein Stockwerk tiefer zieht mich wieder ein Gespinnst in seinen Bann. „A long day“ heißt ihr Kunstwerk aus dem Jahr 2015. Wollfäden durchziehen einen abgedunkelten Raum wie ein Spinnennetz. Zunächst fällt mir nicht auf, dass tief darunter ein Tisch und ein Stuhl stehen und viele Bögen weißen Papiers auf den Ebenen des Netzes lagern. Vielmehr fühle ich mich geborgen wie in einem Kokon.

A Long Day ist ein Kunstwerk der Japanerin Chiharu Shiota. Wollfäden sind kreuz und quer durch einen Raum gespannt. Sie tragen Papierbögen und verbergen einen Tisch und einen Stuhl. Susanne Böhling fühlte sich in dem Raum geborgen

A Long Day von Chiharu Shiota. Foto: Sunhi Mang © Künstlerin, mit freundlicher Genehmigung der K21

 

Resümee

Vielleicht hätte ich doch eine umgekehrte Reihenfolge wählen sollen: Erst den Kokon aus Wolle, dann die feinen Netze der lebenden Spinnen und dann den Schritt in den Raum „in Orbit“. Jedenfalls bin ich so beeindruckt, dass ich auf weitere Kunsterlebnisse verzichte. Nicht einmal der Pistole vor dem Eingang kann ich noch Beachtung schenken. Aber vergessen werde ich sie dennoch nicht.

Blick vom Ständehaus Richtung Graf-Adolf-Platz

Blick vom Ständehaus Richtung Graf-Adolf-Platz. Foto: © Susanne Boehling

Das Copyright auf dem Text liegt bei Susanne Boehling. Wollen Sie ihn oder Teile davon kopieren, benötigen Sie die Zustimmung der Autorin. Bei Verlinkung erbitte ich Nachricht per E-Mail.

 

 

Kultur an der Ruhr III – Essen und genießen

von Susanne Boehling

Beim Susi-Sorglos-Tag mit Norbert Büchel gab es natürlich auch Leckeres zu essen

Eines der besten Eiscafés Deutschlands in Essen-Werden

Nach dem Besuch der Villa Hügel fuhr Norbert mit mir hinunter nach Essen-Werden. Dort kehrten wir in KIKA’S eiscafé ein und stärkten uns. Ich habe mich für einen Mozart-Becher entschieden, bei dem ich natürlich sofort an die Mozart-Kugeln aus Salzburg dachte. Die Erwartung wurde auf der Grundlage des Pistazien-Trüffel-Eis voll erfüllt. Vielleicht war der Schmelz des Eises noch zarter als das Marzipan in den Kugeln. Gut nachvollziehbar, dass „Der Feinschmecker“ das Eiscafé zu den besten Deutschlands zählt. http://kikas.de/

Die beste Pommesbude in Bochum-Wattenscheid

Gourmet-Koch Rainer Ostendorf versorgt seine Gäste in einer Imbissbude mit Essen

Der Profi-Grill an der Bochumer Straße in Wattenscheid. © Foto: Susanne Böhling

Nach dem Museum Folkwang und vor dem Besuch der Ruhrfestspiele Recklinghausen mussten wir uns erneut stärken. Das taten wir im Profi-Grill an der Bochumer Straße in Wattenscheid. Dort betreibt der ehemalige Sterne-Koch Raimund Ostendorp einen Imbiss mit typischen Gerichten: Schaschlik, Currywurst und Co., wobei die Fritten zwar nicht selbst geschnitzt sind, aber auf den Punkt knusprig.

Rainer Ostendorf bereit Essen zu

Die Theke im Profi-Grill © Foto: Susanne Böhling

Die Gerichte sind nur unwesentlich teurer als in anderen Imbissbuden, das Ambiente absolut typisch. Die Tische wackeln und „die Brille“ sitzt auch ein bisschen schief. Ostendorp will in allererster Linie für die Menschen in der Nachbarschaft da sein und die legen nicht so viel Wert auf solche Äußerlichkeiten. (Aber er kennt auch so sporadische Besucher wie Norbert Büchel  der in Wuppertal wohnt und in Hilden arbeitet). „Jede Region sucht doch nach Identifikationspunkten. Die gibt’s bei mir mit der Currywurst“, sagte er 2008 in einem Focus-Interview.

Leckeres Essen ist auch hübsch dekoriert.

Der Salat bekommt ein Blättchen Petersilie als Deko. © Foto: Susanne Böhling

Kultur an der Ruhr II – Schauen und Staunen

Norbert Büchel nahm mich mit zu einer Susi-Sorglos-Tour durch das Ruhrgebiet, auf der ich viel zu schauen und zu staunen hatte.

Von Susanne Böhling

Start in der Villa Hügel

Ausgangspunkt der Ruhrtour war die Villa Hügel. Ich hatte sie als Haltepunkt in die Planung eingebracht, da ich sie bis dato nicht kannte.

Was Krupp in Essen waren die Fugger in Augsburg

Da es zu diesem Zeitpunkt keine Sonderausstellung in der Villa gab, war sie wenig besucht und wir konnten den Bau in seiner ganzen, unverstellten Pracht bewundern. Riesige Räume, teure Tapeten, Wandteppiche, Holzvertäfelungen, Schnitzereien, die Bibliothek.

Schranksims in der Villa Hügel, prächtig verziert

Der Sims eines Schrankes prächtig verziert mit Schnitzereien © Foto: Susanne Böhling

Das alles hat mich schwer beeindruckt und ich habe darauf verzichtet, mich mit Hintergründen zu beschäftigen. Stattdessen habe ich versucht einfach zu fühlen, zu welcher Prachtentfaltung Unternehmergeist bei entsprechendem Erfolg imstande ist und welche Gefühle das in Bewohnern und Besuchern ausgelöst haben mochte.

Holzvertäfelungen und schmiedeeiserne Geländer in der Bibliothek von Villa Hügel in Essen

Blick durch die Bibliothek der Villa Hügel © Foto: Susanne Böhling

Erinnern musste ich mich dabei an den kleinen Goldenen Saal im Augsburger Rathaus, in dem die Erfolge der Fugger und Welser ablesbar sind, die auch Fürsten gezeigt haben, wer in Wirklichkeit die Geschicke der Nation bestimmt. Es ist sicher kein Zufall, dass der Stahlunternehmer Krupp die Villa zu einer Zeit erbauen ließ, da für den Deutsch-Französischen Krieg Waffen gebraucht wurden.

Weitläufiges Gelände um die Villa Hügel in Essen

Blick über die Terrasse der Villa Hügel in den Wald des Ruhrtals © Foto: Susanne Böhling

Weithin sichtbar thront der ehemalige Familiensitz der Kruppfamilien über dem Ruhrtal. Heute gehört er der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und die Kulturstiftung Ruhr hat hier ihren Sitz.

Folkwang Museum in Essen

Angenehm, dass das Vermögen der Krupp-Stiftung auch dazu dient, den Besuchern des Museum Folkwang freien Eintritt zu gewähren. So haben wir uns ganz ohne den – lächerlich selbst auferlegten – Zwang, die Kosten ablaufen zu müssen, im Wesentlichen auf den zentralen Raum mit der Ausstellung Gediegenes und Kurioses Los Carpinteros, Ouyang Chun und Lieblingsstücke aus der Sammlung Olbricht konzentrieren können. Der Sammler Thomas Olbricht hat die Rauminstallation „Helm“ mit Schönem und Kuriosem aus Nah und Fern bestückt, die zum Entdecken und Staunen anregen. Seitdem weiß ich wieder, warum ich schon als Jugendliche meinen Setzkasten so sehr mochte. Und warum es ich zugunsten leichten Gepäcks nicht auf Nutzloses in meiner Wohnung verzichten möchte. Eine echte Befreiung!

Rauminstallation Los Carpinteros im Museum Folkwang

Schweinemädchen aus der Sammlung Olbricht in einer Wabe des “Helms” © Foto: Susanne Böhling

Kultur I – bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

von Susanne Böhling

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen waren der Aufhänger für den Ausflug

Ein Freund, Norbert Büchel, hat mir einen tollen Tag im Susi-Sorglos-Modus beschert. Im Ruhrgebiet haben wir an unterschiedlichen Stätten unterschiedliche Ausprägungen von Kultur erlebt. Im ersten Teil des Beitrags geht es um die Kultur des Theaters – bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Dort eine Aufführung zu besuchen war der Ausgangspunkt für den Ausflug.

Logo der Ruhrfestspiele Recklinghausen

Aus einer Vielzahl von Aufführungen der Ruhrfestspiele die richtige ausgewählt

Für das Stück WG.Deutschland hatte Norbert schon vor längerer Zeit Karten besorgt. Wobei es der Termin war, nach dem wir uns für die Aufführung mit Akteuren aus einer Bildungsmaßnahme entschieden, die von der Bundesagentur für Arbeit und dem Bildungszentrum des Handels e.V. gefördert wurde. Auf eine Produktion namhafter Bühnen, hochkarätiger Regisseure oder Schauspielstars, die fester Bestandteil der Ruhrfestspiele Recklinghausen sind, haben wir verzichtet.

WG.Deutschland – eine Aufführung mit Laiendarstellern

Die Darsteller des Stückes WG.Deutschland

Die Darsteller des Stückes WG.Deutschland © Joachim Bachmann

Wir haben es nicht bereut, uns das Laienensemble in dem Stück WG.Deutschland anzusehen: In der Geschichte geht es um eine WG, in der junge Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildung versuchen, sich zusammen zu leben und dabei über alle Probleme stolpern, die die Zuschauer aus eigener Erfahrung kennen. Die Schauspieler haben sich die Seele aus dem Leib gespielt und Unmengen von Text gelernt. Sie haben sich getraut in die Rolle unsympathischer WG-Bewohner zu schlüpfen, sind auch in den komischsten Situationen ernst geblieben und haben das Lachen den Zuschauern überlassen. Dabei hatte der Autor und Regisseur Franz-Josef Dieken anspruchsvolle politische Statements eingebaut – und sie ironisch brechen lassen. Es war sehr amüsant und der begeisterte Applaus redlich verdient.

Ruhrfestspiele Recklinghausen

Theater in der Halle König Ludwig 1/2 © Foto: Susanne Böhling

Aufführungsort Halle König Ludwig 1 / 2

Schon der Aufführungsort in Recklinghausen brachte mir neue Erkenntnisse: „1/2“ meint nicht „einhalb“ sondern “1 und 2” – benannt nach den Schachtanlagen der ehemaligen Zeche, auf dessen Gelände sich die Bühne befindet. Norbert hat in Bochum studiert und kennt solche Hintergründe. Hier fand ich, was mich immer wieder begeistert: Wie eine Industrie-Anlage morbide Schönheit entfaltet, sobald sie nicht mehr in Nutzung ist.

Halle König Ludwig 1/2

Aufführung in der ehemaligen Lohnhalle der Schachtanlage. © Foto: Susanne Böhling

Ursprünge im Winter 1946 /47

Die ehemalige Zeche zu bespielen ist gewissermaßen Pflicht für die Ruhrfestspiele Recklinghausen, die als das älteste Theaterfestival Europas gelten. Den Ursprung haben im harten Winter 1946 / 47 die Bergleute der Zeche König Ludwig 4 / 5 gelegt, die Kohle als Heizmaterial für die Hamburger Theater an der Besatzungsmacht „vorbeigeschleusten“. Zum Dank kamen die 150 Schauspieler der Hamburger Staatsbühnen nach Recklinghausen und gastierten unter dem Motto „Kunst gegen Kohle“ im städtischen Saalbau. Der Hamburger Bürgermeister Max Brauer hielt eine Rede vor der Belegschaft und entwarf die Idee von einem „anderen“ Festival. Nicht für Literaten oder Auserwählte, sondern inmitten der Stätten harter Arbeit. „Im Kohlenpott vor den Kumpels . . . statt in Salzburg.“ Entsprechend sind auch heute noch die Eintrittspreise gestaltet. In der Lohnhalle von König Ludwig 1 / 2 besuchten damals die Bühnenprofis die Arbeiter zu Gesprächen und Grubenfahrten.

Warten auf die Aufführung WG.Deutschland

Treffpunkt der Besucher vor der Aufführung © Foto: Susanne Böhling

Gewaltversprechen

An Blut hat Quentin Tarantino noch nie gespart. Doch The Hateful Eight verzichtet auf persönliche Betroffenheit als Rechtfertigung für Rache und Gewalt. Die Figuren handeln „aus Prinzip“ und sadistisch.

the_hateful_eight_4Auch mit schwarzem Humor ist The Hateful Eight nicht witzig

In Pulp Fiction sprechen die Protagonisten darüber, dass sie jemanden – immerhin versehentlich – „die Schädeldecke weggepustet“ haben. In The Hateful Eight erschießen sie ihren Feind – und ihm anschließend zusätzlich in den Kopf. In Pulp Fiction ist das anschließende Gespräch und die Folgen für die Handlung zwar makaber, aber auch witzig – sobald man über schwarzen Humor verfügt. In The Hateful Eight fehlt das Gespräch, der zerstörte Schädel rückt in den Bildmittelpunkt, Blut und Knochensplitter bleiben, wo sie hin spritzen, auch im Gesicht der Protagonisten und damit immer im Bild. Witzig ist das alles überhaupt nicht, Blut ist so allgegenwärtig, dass ich noch lange nach dem Verlassen des Kinos den Geschmack von Blut im Mund habe und ich finde beim besten Willen keinen Grund, warum mir das gefallen könnte.

Positiv: Filmmusik, Ausstattung und Kammerspiel

Gefallen hat mir die Filmmusik von Ennio Morricone und die Bilder von der unschuldig verschneiten Landschaft. Oder die Ausstattung, die bis ins Detail einer Krawattennadel sorgfältig gestalteten Kostüme mit üppigen Pelzen, die die besonderen Charaktere geschickt optisch unterstreichen und die bewährte Kameraführung. Gefesselt hat mich vor allem die eindringliche, wie fein differenzierte Darstellung der Schauspieler – The Hateful Eight ist in der Tat ein Kammerspiel.

Quentin Tarantino

Geldgier als Motiv für Demütigung und Tod

Aber worum geht es eigentlich? Das Motiv der Rache, das bei Tarantino sicher immer unterstellt werden kann, zerfasert meines Erachtens nach. Die Personen haben eine unglaublich niedrige Reizschwelle, persönliche Betroffenheit ist nicht nötig, um eine Lawine der Gewalt loszutreten. Allen eigen ist die Lust an der Demütigung, dem Quälen, dem Töten der jeweils anderen. Übrig bleibt, wer es schafft, die anderen so zu provozieren, dass er das formale Recht verspürt, sie zu quälen und zu töten. Schrecklich und traurig zugleich, wie einfach das ist, in diesem Film. Wenn es auf der persönlichen Ebene nicht funktioniert, dann müssen nur die auf die anderen ausgesetzten Kopfgelder ins Gedächtnis gerufen werden und schon geht sich das Karussell der Gewalt weiter.

Gute Vorsätze sind wie kratzende Pullover

Meinung von Susanne Böhling
Ein Pullover aus kratziger irischer Wolle fotografiert von Susanne Böhling

Der kratzige Pullover. © Susanne Böhling

Sind Vorsätze, die wir nicht konsequent durchziehen, überhaupt nützlich?

So ist das immer um diese Zeit. Alle Medien kreisen um ein Thema: Die guten Vorsätze fürs neue Jahr. Das ist mir das so unangenehm wie ein kratziger Pullover. Trotzdem behalte ich ihn an. Schließlich tragen ihn zurzeit alle. Bereitwilligst räumen wir ein, dass wir behaftet sind mit einer Unzahl unakzeptabler Fehler und Marotten, die wir ausmerzen wollen mit den guten Vorsätzen. Allein das kratzt an meinem Selbstwertgefühl. Und: Was hat das bislang genutzt? Haben wir unsere guten Vorsätze durchgezogen? Der einzige Effekt war doch, dass sich mit jedem Abbruch die Selbstzweifel mehrten.

Zweifel am Nutzen von Verhaltensänderungen

Wobei: Wäre unser Leben erfolgreicher, unsere Lebern und Lungen gesünder, ja wären wir heute glücklicher, wenn wir nicht aufgegeben hätten? Wären wir bessere Menschen und das Himmelreich näher? Solche Gedanken legen sich wie eine Schicht Seide um meine Seele, mildern das Kratzen des Pullovers und den Drang zu guten Vorsätzen für 2016.

Ich habe nicht nur Fehler, sondern auch positive Eigenschaften

Im Übrigen hat mir das vergangene Jahr gezeigt, dass ich gar nicht so schlecht bin. Selbst wenn ich Ungesundes genossen und erneut Dinge vergessen oder verloren habe, von denen andere denken, dass das gar nicht möglich sei, wie damals, meine Eltern beim Turnbeutel „Susanne, wie kannst Du nur?“ Ich kann. Aber auch angenehme Sachen, wie andere zum Lachen bringen und kochen oder profitable Sachen, wie Businesspläne schreiben, effizient ein effektives Mahnwesen etablieren, Texte formulieren, Kunden gewinnen, mit Kollegen und dem Chef klar kommen.

Es gibt auch Fortschritte ohne “gute” Vorsätze

Ich habe mich sogar gebessert  in 2015. Habe im Job neues gelernt, angewendet und mich privat nicht mehr aufgeregt, wenn ich wieder etwas vergessen oder verloren hatte. Hat man mir deswegen Vorwürfe gemacht oder mich verächtlich angesehen, habe ich nur mit den Schultern gezuckt. Schließlich stehe ich seit langem ganz allein für die Verluste gerade, nicht wie früher, beim Turnbeutel. So habe ich einiges bewältigt im vergangen Jahr – eine weitere Schicht Seide vor dem kratzigen Pullover.

Besser: Sich den aktuellen Anforderungen zu stellen

Außerdem wird sich schon zeigen, welche neuen Herausforderungen ich im neuen Jahr meistern muss. Dabei werden mir Selbstzweifel nichts nutzen, sondern eher das Vertrauen in meine Fähigkeiten, für das im Übrigen nicht nur die Erfahrungen aus 2015, sondern aus vielen weiteren Lebensjahren sprechen. Vielleicht kann ich den kratzigen Pullover des Zwangs zu guten Vorsätzen allmählich ablegen, auch wenn andere ihn tragen. Doch will ich mir das nicht vornehmen. Vielleicht brauche ich das auch gar nicht. Irgendwann vergesse ich sie – wie immer und den Turnbeutel. Die Medien sind mit dem Thema auch bald wieder durch.

Das Copyright auf dem Text liegt bei Susanne Böhling. Wollen Sie ihn oder Teile davon kopieren, benötigen Sie die Zustimmung der Autorin. Bei Verlinkung erbitte ich Nachricht per E-Mail an susanne@boehling.de

Erkenntnisse aus dem Kauf eines rosa Hutes

Ich war erleichtert: noch mehr Reaktionen als auf den versehentlichen Klodeckel als Profilfoto bei Facebook bekam ich, als „das Alte“ wieder eingestellt war. Und durchweg positive. Keiner fragte: „Was hast Du genommen“, obwohl das Outfit ja nicht gerade alltäglich ist, in dem ich mich da präsentiere und meine Kleiderwahl immer mal wieder mit „du bist doch bekloppt!“ kommentiert wird.

Ein Kleid als Dank

So war es auch damals, als ich mir das bunte Kleid und den rosa Hut zugelegt hatte. Es war bei einem Segeltörn mit Jürgen* und Klaus* (*Namen von der Redaktion geändert*) durch die südöstliche Ägäis, als mich auf der schönen Insel Symi mein untrüglicher Instinkt zum Shoppen drängte. „Die Jungs“ waren erleichtert, dass ich nicht auf die Idee kam, sie um Begleitung zu bitten, sondern alleine losgehen wollte. Sie besorgten in der Zeit brav Wasser und ein paar Lebensmittel für den nächsten Schlag. Tatsächlich fand ich etwas Passendes, etwas, in dem ich alle Lebensfreude ausstrahlte, die ich in den sonnigen Tagen und dem vielen Lichts auf dem Wasser, von den Wellen entspannt geschaukelt, wie in Poseidons Armen, empfangen hatte. Die alten Klamotten hatten in dem Augenblick vorübergehend ausgedient und landeten in der Tüte, die neuen blieben an.

Mein Lieblingsbild

Licht auf den Wassern © Foto: Susanne Böhling

Ein Foto als Kompliment

Als ich aufs Schiff zurückkam, verstauten die Jungs gerade unter Deck das Wasser in den Bilgen. Ihnen blieb der Mund offen, als ich in der Luke erschien. Jürgen fand die Sprache als erster wieder: „Stehen bleiben! Foto!“ waren Worte, die deutlich zeigten, dass es ihm die Sprache verschlagen hatte – was ich als Kompliment zu deuten wusste. Auch Klaus fing sich wieder. „Kannst Du Dich bitte erst auf See umziehen!?“ fragte er, weil er wusste, dass ich normalerweise vor dem Auslaufen sportlichere Sachen anzog. Ich nahm also vorne auf der Bugspitze Platz, hingegossen in die Sonne, die Hand leicht an der Krempe des Huts, um ein Davonfliegen zu verhindern. Die ganze Seglergemeinde im Hafen hing an dem Bild, auch wenn die Farben von Kleid und Hut in diesen Kreisen eigentlich verpönt sind.

Der Hut aus Symi

Der Hut aus Symi

Eine Weisheit fürs Leben

Kurz vor Erreichen des kleinen Hafens von Pali auf kleinen Vulkaninsel Nisiros zog ich mir wieder das neue Kleid an, vor dem Aussteigen setzte ich den Hut auf und balancierte anmutig in den hohen Pantoletten über das Fallrepp um zum Abendessen in unserem Lieblings-Hangout „Aphrodite“ zu schreiten. Das Hallo in der kleinen Taverne direkt am Ausleger war so unbeschreiblich, dass selbst ich etwas verlegen wurde, die Augen niederschlug und entschuldigend sagte: „Okay, ich bin etwas verrückt.“ Da wurde unser Wirt ernst: „Nein“, beschied er streng. „Du bist nicht verrückt. Du hast etwas Verrücktes gemacht. Und das muss man manchmal, wenn man nicht verrückt werden will.“

Bitte teilen

Das ist der Grund, warum mir dieses Foto als mein Markenzeichen bei Facebook so wichtig ist: Sobald ich meinen Account öffe, werde ich daran erinnert, etwas Verrücktes zu tun. Ich hoffe jetzt, nachdem Ihr die Geschichte kennt, erinnert auch ihr Euch immer wieder an diesen wertvollen und weisen Ratschlag, sobald Ihr mein Profilfoto seht! Und wenn es jemanden gibt, dem Ihr das ebenfalls ins Stammbuch schreiben wollt, dann teilt fleißig!

Manchmal wundere ich mich

ein lila-roter Klodeckel vor einer lila-rosa Wand © Susanne Böhling

nur irritierend und peinlich, aber nicht schlimm: Eine Klobrille mit geschlossenem Deckel

Klosophisches über die Wirkung eines lila-roten Deckels bei Facebook

Es war peinlich. Wirklich. Irgendwann letzten Samstag, Nachts nach einer Einladung unter Seglern, meldete mein sonst so stummer Messenger mit pausenlosem Klingeln einen „Kommentar zu Deinem neuen Profilfoto“ nach dem anderen. Ich wunderte mich, denn wenn ich ein neues Profilfoto eingestellt hätte . . . also das wüsste ich ja wohl. Doch dann schaute ich nach und sah das Bild einer Toilette mit lila-roter Brille und Deckel vor einer lila-rosa Fliesenwand. Ja, das Foto kannte ich. Meine Freundin Gala hatte es mir nachmittags per WhatsApp zugeschickt. Ihr Sohn war zu Besuch, hatte den neuen Klodeckel für sie montiert und sie wollte mir mit dem Foto den Erfolg dokumentieren.

Irritierend und peinlich

Nun ist so ein Klodeckel an sich nichts anstößiges, aber er hat für jede Menge Irritationen gesorgt. „Was hast Du genommen?“ fragte ein Facebook-Freund ­- Gottlob in einer Privatmail. Und mir war es doch peinlich. Ich wurde ziemlich hektisch, weswegen es  bis zum nächsten Morgen dauerte, bis es mir auf den Ratschlag meiner Facebook-Freundin Judith hin gelang, das Foto zu entfernen und zum alten Bild zurück zu kehren.

Unbeabsichtigt hochgeladen

Noch später dämmerte es mir, wie das Foto in das Profil geraten sein könnte: Bei der Einladung unter Seglern hatte ich meiner Tischnachbarin mein übliches Profilfoto bei Facebook zeigen wollen, das ja immerhin von einem Segeltörn stammte. Aber irgendwie hatte ich leichte Schwierigkeiten gehabt, es größer zu ziehen. Immer wieder war ich bei dem Versuch im Fotoalbum meines Smartphones gelandet und hatte anscheinend auf diese Art den Klodeckel in mein Profil katapultiert.

Ein Klo für Aufmerksamkeit

Mittags habe ich den Kopf geschüttelt: Da bemühe ich mich immer wieder, witzige und intelligente Sachen zu posten, die unbeachtet bleiben, und was wird mit Aufmerksamkeit überschüttet? Ein Klodeckel. Um ob dieser Tatsache nicht den Untergang des Abendlandes heraufdämmern zu sehen, verordne ich mir Pragmatismus: Wenn ich demnächst Aufmerksamkeit brauche, werde ich als Beitragsbild den Klodeckel wählen. Und wenn ich was ganz schlimm finde, dann bleibt er offen! Gala hat mir die entsprechenden Fotos schon geschickt!

Eine rosarote Toilettenbrille mit geöffnetem Deckel © Susanne Böhling

Halbschlimm – Brille mit geöffnetem Klodeckel

Hohes Tempo bei hohen Temperaturen

 

Der Auftritt der Soneros de Verdad bei der Sommermusik Schloss Rheydt fand nicht ungeteilte Zustimmung

Die Temperaturen waren jedenfalls karibisch. 35 Grad sind angemessen für die Buena Vista Cuba Night der Soneros de Verdad. Sänger Luis Frank gehört zur zweiten Generation Musiker, die die Musik der legendären, durch Wim Wenders populär gemachten Band um die Welt tragen, Mayito Rivera gilt als einer der bedeutendsten Stimmen Lateinamerikas, . Das Konzert war komplett ausverkauft.

 

 Von Anfang an legte die Band ein atemberaubendes Tempo vor und sofort begannen einige Paare zu tanzen, auf der Turnierwiese vor dem altehrwürdigen Schloss. Das Tempo behielten sie bei. Dabei blieben die klaren Strukturen und das Feeling auf der Strecke das die Altvorderen mit ihrer Musik bis nach Europa transportierten und das wir seither mit der Insel assoziieren. Die allermeisten Zuschauer ließen sich dennoch von der Energie faszinieren, die sich in dem hohen Tempo offenbarte.

 

 Nicht alle waren zufrieden. Angelika Schüngeler, die schon oft vor Ort in Südamerika und der Karibik war, unter anderem Jamaika, Mexiko und Venezuela bereist hat, eine große Sammlung an Original-CDs besitzt und ein Fan des Buona Vista Clubs ist, sagte: “Das hier hat damit gar nichts zu tun.” Gerda Wehres, die sie zum Konzert begleitete sagte: “Ich hatte das melodischer erwartet. Für mich sprang der Funke nicht über.” Enttäuscht sind die Damen gleichwohl nicht. “Die Sommermusik bringt tolle Veranstaltungen in diese zauberhafte Umgebung. Das muss man unterstützen”, zumal der Eintrittspreis mit 23,50 Euro durchaus in Ordnung sei.

 

Akkordeon-Spielerin von Herzen

Lydie Auvray

Bei der Sommermusik Schloss Rheydt zeige Lydie Auvray, dass es das volkstümliche Instrument in sich hat.

Wenn ich das gewusst hätte! Dass man aus einem Akkordeon das herausholen kann, was Lydie Auvray aus ihm herausholt. Mit dem Instrument, das ihrem Herzen so nahe ist, spricht sie unmittelbar zu dem ihrer Zuhörer. Ruft in ihnen Wehmut und Leidenschaft, Sehnsucht und Freude wach, sie spricht von Sinnlichkeit und Übermut und das alles so leicht, wie die Feder des Pfaus auf der Blutbuche vor dem Schloss, die zu Beginn der Vorstellung auf den voll besetzten Arkadenhof hinunter schwebt.

„Ich habe sie schon vor 30 Jahren in einer Halle in Eicken gehört“, sagt Gerda Kox aus dem Publikumn. Ihre Begeisterung für die Französin aus dem Departement Calvados, die seit 36 auf der Bühne steht, ist leicht nachvollziehbar. Stets ist sie elegant und geistreich, ihre Moderationen erhellend und zeugen von einem wunderbaren Humor.

Auvray bekennt sich zu den volkstümlichen Wurzeln ihres Instruments. Dazu, dass der Akkordeon-Spieler Alleinunterhalter auf den Dorffesten war, die man gern erleben würde, so prickelnd lustvoll wie Auvray die Lieder aus dieser Zeit spielt. Nichts, aber auch gar nichts erinnert an die „Quetschkomode“ oder das „Schifferklavier“. Das hatten ich immer so grob volkstümelnd wahrgenommen, dass ein Erlernen des Instruments nie in Frage gekommen wäre und ein entsprechendes Ansinnen meiner Eltern als Zumutung zurück gewiesen werden musste, die das von mir gewünschte Klavier weder kaufen noch in den zweiten Stock hochtragen wollten.

Auvray nutzt Elemente der Volksmusik vieler verschiedener Länder und des Jazz. Gerade im Spiel mit ihrem „Pianeur“ Eckes Malz wird tritt dann auch die Überlegenheit des Akkordeons zutage: Es ist nie kühl, immer schwingt das Gefühl mit, das vom Herzen kommt. Wenn ich das gewusst hätte!

http://www.youtube.com/watch?v=PsidONsOyCo

Lydie Auvray lebt seit 1974 in Deutschland und hat das Akkordeon wieder populär gemacht. Sie gehört unter anderem zum Klangbild von Hannes Wader und Peter Maffay und hat inzwischen 20 CDs eingespielt. In Rheydt spielte sie mit Eckes Malz und Wolfgang Tiedemann im Trio