Die Nibelungen – satirisch amüsant, statt kriegstreibend

© Matthias Stutte

© Matthias Stutte

Noch zweimal geht die burleque Operette “Die Lustigen Nibelungen” über die Bühne des Theaters in Krefeld

Wer das versäumt, ist selbst schuld. Die Lustigen Nibelungen werden noch zwei Mal in Krefeld gespielt und wir sie noch nicht gesehen hat, sollte sich schleunigst Karten besorgen. Auch ich, die ich die burlesque Operette in der Inszenierung von Hinrich Horstkotte schon vier oder fünfmal gesehen habe (vor zwei Jahren lief sie in Gladbach) werde sie mir wahrscheinlich nocheinmal anschauen, denn sie wird selten gespielt auf deutschen Bühnen und wer weiß, wann es die nächste Gelegenheit gibt.

Der Wiener Jude Oscar Straus hat die Musik 1904 geschrieben, Fritz Oliven, in Berlin lebender Jude mit dem Pseudonym Rideamus (lasst uns lachen!) das Libretto, in dem es wirklich keinen ernst zu nehmenden Text gibt. Es nimmt das Nibelungenlied auf die Schippe. Wo andere es kriegstreibend hochstilisieren, reduzieren sie es auf menschliches Normalmaß und nehmen dabei auch die Verlogenheit der Oberschicht aufs Korn, in der es sich im Wesentlichen doch ums Geld dreht. „Wir wollen den Siegfried ermorden, dann sind wir mit Anstand ihn los“, singt die königliche Familie von Burgund, nachdem Attila um Krimhilds Hand angehalten hat und Brunhild dem Betrug um ihre Besiegung auf die Schliche gekommen ist. „Im Guten im Guten geht alles, im Guten geht alles famos.“ In dieser Version verzichtet der grimme Hagen darauf, Siegfried umzubringen, denn der hatte sein Rheingold in Aktien bei der Rheinischen Bank angelegt. Die kracht, und so „steht der Aufwand in keinerlei Relation zum Nutzen des Mordes.“

Ich freue mich, dass man diesen musikalischen Spaß auf der großen Bühne aufwändig inszeniert hat. Die Kostüme siedeln zwischen den Flintstone und der Gründerzeit, Vater Dankwart und Mutter Ute erinnern an die seligen Wagners, wie die Musik auch Wagner zitiert. Die Regie liefert zusätzlich einen Gag nach dem Anderen. Wie sich die Familie beispielsweise am Morgen nach der Hochzeit (im Stil des Berliner Originals Bolle, mit Riesen-Keilerei) mit Sonnenbrillen um den Frühstückstisch versammelt, ist zum piepen! Brunhilde als Domina und Gunther als Schlappschwanz im einteiligen Badeanzug der Jahrhundertwende. Einfach köstlich. In der Ahnengalerie in der guten Stube gibt es immer etwas zu entdecken. Da hängt  neben Karl Marx auch Guido Westerwelle, Sebastian Schweinsteiger und politisch völlig unkorrekt Adolf Hitler. Die Sänger sind darstellerisch aufs Höchste gefordert.

Weitere Aufführungen am 21. März und am 5. April, jeweils um 20 Uhr.

Karten unter 02166 / 51 61 100 oder im Internet: www.theater-kr-mg.de

Trailer: http://www.theater-kr-mg.de/spielplan/musiktheater/die-lustigen-nibelungen.htm

Tödliche Rache – bedeckt von Schnee

Kill BillKill Bill 1 von Quentin Tarantino ist eine Mischung aus Material Art und Splatter-Film, in dem eine Frau die Kerle reihenweise über die Klinge springen lässt. 

Es wird hell. Ich sehe aus dem Fenster und den Schnee sanft zur Erde sinken. Genauso, wie gestern Abend, in der Schlussszene von „Kill Bill 1“, in der Kiddo und O-Ren Ishii zum letzten Kampf gegeneinander antreten. Der Kontrast könnte nicht größer sein, zwischen dem zauberhaften Garten, dem Schnee, der über alles das Tuch der Unschuld legt, dem erbitterten Kampf der Frauen, der männlichen Regeln sowie einer strengen und schönen Choreographie folgt und der Grausamkeit und Konsequenz mit der die Hauptperson Kiddo ihre Rache vollzieht. Als hochschwangere Braut wurde sie zusammen mit ihrer Hochzeitsgesellschaft von einem Killerkommando umgenietet, dem sie selbst früher angehörte. Sie hatte ein Verhältnis mit dem Chef, Bill, er war der Vater des Kindes. O-Ren gehörte zu den Mörderinnen, so wie Copperhead und alle anderen, die auf ihrer Todesliste stehen.

Grotesk, wie sie vor dem letzten Kampf gegen O-Ren deren  Krieger reihenweise über die Klinge springen lässt. Allein gegen Dutzende. Da balanciert sie kämpfend auf einem Treppengeländer, trennt Gliedmaßen oder Köpfe mit einem Streich sauber vom Leib, so dass das Blut wie aus einem Quell spritz. Szenen, die die unrealistisch große Überlegenheit des Helden verdeutlichen sollen, und denen immer ein Hauch von Lächerlichkeit anhaftet, auch wenn Kiddo sich zuerst ein Schwert von einem sagenhaften Schmied, Hattori Hanzo, besorgt hat, dessen Schärfe solche glatten Schnitte rechtfertigen soll.

Kill Bill2

Okay. Das ist vielleicht der Unterschied. Es ist eine Heldin. Eine, die sich immer zu wehren weiß. Die noch als vermeintliche Tote dem Sherif aufs Auge spuckt. „Witzig, aber ziemlich unrealistisch“, denke ich mir. Die dem Mann, der sie missbrauchen will, die Zungenspitze abbeißt, so dass er verblutet. „Weniger witzig, aber auch in der Realität wirkungsvoll, insofern bedenkenswert, zumindest, wenn es um die Bekämpfung der eigenen Angst geht. Man darf sich halt nicht ekeln.“ Deutlich sieht man, wie Kiddo in ihrem Nachthemd förmlich überschwemmt wird davon und sich sofort anschließend das Gesicht säubert.

Vielleicht nehme ich das mit, als Botschaft des Filmes an alle Frauen: „Du bist nicht wehrlos. Die Opferrolle passt nicht, leg‘ sie ab!“ Vielleicht werde ich in Zukunft immer ein Messer bei mir tragen. So wie Kiddo, die ihr Schwert auch bei ihrem Flug nach Tokio mit im Passagierraum hat. Mir genügt das Schweizer-Damen-Messer. Bei einer Klingenlänge von 3,5 Zentimeter immer noch verboten im Handgepäck bei einem Flug, aber lächerlich, wenn ich damit jemandem schaden wollte.

Ich halte ohnehin nichts von Rache. Aber es wird mich erinnern, dass ich kein Opfer bin!

Zum Thema Splatter-Filme empfehle ich Wikipedia www.wikipedia.org/wiki/Splatterfilm

Wenn die anderen vom Ruhm träumen, ist es komisch

In der Inszenierung von “Pension Schoeller” am Theater in Rheydtverschwimmen die Grenzen zwischen “normal” und “verrückt”© Matthias Stutte - Philipp Klapproth (Daniel Minetti im Bademantel) träumt davon, an einer Abendgesellschaft einer privaten Irrenanstalt teilzunehmen

© Matthias Stutte – Philipp Klapproth (Daniel Minetti im Bademantel) träumt davon, an einer Abendgesellschaft einer privaten Irrenanstalt teilzunehmen

Einmal den Apotheker ausstechen! Den, der immer so viel zu erzählen und anzugeben hat. Das wünscht sich Philipp Klapproth, reicher Gutsbesitzer aus der Provinz. Er ist die Hauptperson in “Pension Schöller”. Der Schwank aus dem Jahr 1890 von Carl Laufs nach einer Idee von Wilhelm Jacoby hatte am Freitagabend am Theater in Rheydt.

Klapproth fährt dafür nach Berlin, trifft seinen Neffe Alfred und verspricht, diesen finanziell zu unterstützen, wenn der ihn einführt in ein „Irrenhaus“. Doch weil der das nicht kann, „verkauft“ er ihm kurzerhand die Pension Schöller als solches Etablissement und der Onkel darf an einer Abendgesellschaft dort teilnehmen.

© Matthias Stutte: Ester Keil als exaltierte Schriftstellerin

© Matthias Stutte:
Esther Keil als exaltierte Schriftstellerin

Klapproth amüsiert sich prächtig mit dem alten Major, dem weltreisenden Professor, der exaltierten Schriftstellerin, die ständig auf Jagd nach Geschichten ist und vor allem Schöllers Neffen Eugen. Der ist ein fanatischer Möchte-Gern-Schauspieler mit einem fürchterlichen Sprachfehler, kann kein „l“ aussprechen, sagt statt dessen „n“ und erntet die meisten Lacher, wenn der dem von „tonnen Ronnen“ erzählt und nicht einsieht, warum ihm sein Onkel Schöller die Bühne versagen will!

© Matthias Stutte

© Matthias Stutte: Joachim Henschke als Major fordert ständig jemanden zum Duell

Gut, dass er sie alle „in Sicherheit verwahrt“ weiß. Denn der Major will ihn ständig zum Duell fordern, der Professor will ihn zur Großwildjagd mitnehmen, die Schriftstellerin fragt ihn nach seiner Lebensgeschichte und Eugen spielt ihm so intensiv vor, dass er sich doch bedroht fühlt.

Der Regisseur Michael Gruner inszeniert das Stück als Albtraum eines Spießers, der eigentlich genauso geltungssüchtig ist wie die anderen Protagonisten des Stücks. Ein Alptraum, aus dem Klapproth nicht aufwachen kann, die Figuren besuchen Klapproth auf seinem Gut in der Provinz. Er hat alle Hände voll zu tun, sie in den verschiedenen Räumen einzusperren und auf ihren Abtransport durch Schöller zu hoffen.

© Matthias Stutte: Christoph Windgens als Professor

© Matthias Stutte: Christopher Wintgens als Professor

Gruner fokussiert die Inszenierung auf die Schauspieler. Die leere Bühne von Udo Hesse bietet ihnen den nötigen Raum, wartet mit den unvermeidbaren Türen auf, die klappen, hinter denen sich jemand verbirgt, aus denen jemand überraschend auftritt. Und das Ensemble spielt bewährt intensiv, zeigt die drängende Not nach Anerkennung der Personen beklemmend offen und so bekommt das Stück die traurige Tiefe, vor deren Hintergrund sich erst so richtig herrlich befreiend lachen lässt.

 

© Matthias Stutte: Paul Steinbach als Eugen zeigt Klapproth überzeugend, welch guter Schauspieler er ist

© Matthias Stutte: Paul Steinbach als Eugen zeigt Klapproth überzeugend, welch guter Schauspieler er ist

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An Karneval als Mann verkleidet

Schlipse3Die Krawatte als Symbol der Männlichkeit ist abgeschnitten eine heißbegehrte Trophäe für die Frauen am Altweiber-Donnerstag. Doch was passiert, wenn sich eine Frau als Mann verkleidet? Ich machte den Test.

Von Susanne Böhling

Nein, ich hatte keine Lust zu feiern, in diesem Jahr an Karneval. Aber an Altweiber, da bot sich die Gelegenheit, mit Sylvia loszuziehen, mit der ich lange nicht mehr aus gewesen war und so ließ ich mich motivieren. Als sie nachmittags bei mir erschien, hatte sie bereits eine abgeschnittene Krawatte am Rockbund ihres Kostüms. Da wurde mir wurde etwas mulmig.

Sylvia

An Alt-Weiber als Mann verkleidet

Der Grund: Ich hatte auch keine Lust, mir ein aufwändiges Kostüm auszusuchen oder zu beschaffen, und hatte also auf die Idee, mich als Kerl zu verkleiden. Die müssen sich nicht schminken oder versuchen, ihren Bauch geschickt zu kaschieren, die ziehen sich an – „gut is“ – und los. Mein Bruder Uwe gab mir seinen Nadelstreifenanzug, Neri – meine liebe Friseurin – gelte mir meine Haare entsprechend, das schmale Bärtchen malte ich mir mit Augenbrauenstift auf die Oberlippe. Peter hatte mir einen – gebundenen – Schlips aus seinem Bestand gegeben. „Wie wird es dem ergehen?“

Der Anzug vom Bruder und ein Schlips reichten Susanne Böhling an Karneval als Verkleidung

Schlips, Anzug und ein aufgemaltes Oberlippenbärtchen machen mich zum Mann

Keine Gefahr an Karneval

Das war nun die spannende Frage des Abends. Als ich mit Sylvia ins Taxi stieg, Richtung Gleumes, wollte mir der Taxifahrer mit vorderasiatischem Migrationshintergrund sofort den Schlips abschneiden. „Das darfst Du nur, wenn Du Dich als Frau verkleidest“, antwortete ich ihm. „Oder zur Not Damenunterwäsche trägst. Und jetzt gib Gas.“ Die Masse im Gleumes nahm uns herzlich auf, alle freuten sich über unseren Anblick. Die Frauen strahlten und hakten uns zum Schunkeln unter, keine griff nach ihrer Schere.

Zustimmung für das Männerkostüm

„Du hast mich ganz schön verwirrt, mit Deinem Oberlippenbärtchen“, sagte der Mann mit dem bierbenebeltem Blick, der mich aus der Damentoilette kommen sah. Aris, der Oberkellner, hielt mich auf, als wir gehen wollten, und steckte mir einen Schlips zu, den ein Gast hier wohl mal vergessen hatte. Vor der Tür trafen wir auf einen Mann, der als Frau verkleidet war und sich sehr sicher auf hohen Hacken bewegte.

Statt des Verkleidungsspaßes: Fragen nach der sexuellen Orientierung

Im Old Inn ging das Rätselraten weiter: „Ihr seid aber lesbisch!“  versuchte der Mann, der uns aus dem Gleumes hierher gefolgt war, eine Erklärung für unsere ungewöhnliche Erscheinung. Das sprang Melli in die Bresche. Ich kenne sie, Ende 20, aus einer anderen Kneipe. „Das ist meine Adoptiv-Mama und das“ – mit Blick auf Sylvia – „ist meine Tante. Meine Mama hat mich ganz allein durchgebracht und alles, was ich bin, verdanke ich ihr“, tischte sie ihm eine herzzerreißende Geschichte auf. „Und: Sie ist ganz sicher nicht lesbisch. Das wüsste ich ja wohl am allerbesten.“

Susanne Böhling in männlicher Pose auf dem Tisch sitzend

Susanne Böhling als Mann in typischer Haltung

Wir verabschiedeten uns noch vor Mitternacht und waren uns einig: Es war ein toller Abend und Karneval ist eine gute Gelegenheit für solche Erlebnisse.

Den Menschen immer im Blick

Beim Besuch der Andreas-Gursky-Ausstellung in Düsseldorf musste ich an einen Vers von Bertold Brecht denken.

20130127Gursky

Auf den ersten Blick sind es die riesigen Formate, die mich beeindrucken bei der Ausstellung von Andreas Gurskys Werken, die noch bis zum kommenden Sonntag im Museum Kunstpalast in Düsseldorf hängen.

Dann ist es die Weigerung, Klischees zu bedienen. Das einzige Foto aus dem industriell geprägten Ruhrgebiet ist das von der Ruhr in Mülheim, idyllisch bewaldet, mit Anglern unauffällig am Ufer. Das Foto aus Paris zeigt nicht die prunkvollen Schokoladenseiten, sondern einen öden Plattenbau in Montparnasse, der genauso gut in Ostberlin hätte stehen können. Doch auch der ist farbig und lebendig. Dank des großen Formates kann man auf den Balkonen die Menschen entdecken, ihr alltägliches Treiben, die Spuren, die das hinterlassen hat und das versöhnt mit der scheinbar unentrinnbaren Eintönigkeit der Architektur. Ein Spagat, der die riesigen Formate fordert.

Mit dieser Sichtweise setzt sich Andreas Gursky von seinen Lehrern ab. Bernd und Hilla Becher, die Begründer der berühmten Düsseldorfer Photoschule zeigten skulptural unbelebte Architektur.

Die Menschen hinterlassen auch ihre Spuren vor der Eiger Nordwand. Wie eine stark befahrene Autobahn ziehen sich die Ski-Langlauf-Loipen durch das Tal vor der sonst so grandios einsamen  Berglandschaft.

Dass es ihm um „den Menschen“ geht, zeigt sich meiner Meinung nach schon im Bild „Gasherd“. Es stammt aus dem Jahr 1980, das früheste seiner hier ausgestellten Werke. Der Herd steht das schlicht und neutral, weißemailliert vor weißer Wand. Auffällig nur, dass die Herdflammen brennen – ohne dass ein Topf darauf stünde. Brecht kommt mir unweigerlich in den Sinn:

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Ein Foto aus dem Jahr 2008 zeigt die Waschkaue im Bergwerk Ost in Hamm. Jeder Bergmann legt die Sachen, die er momentan nicht benötigt, in einen Eisenkorb und zieht den an einer Eisenkette an die Decke des Umkleideraumes. Aus der Ferne verschmelzen sie zu einem Muster, einer Geometrie, aus der Nähe betrachtet erkennt man jedes kleinste Detail als Zeugnis der Individualität seines Besitzers. So verfährt Gursky mit Müllbergen, dem Strand in Rimini, der Spargelernte in Beelitz (bei Berlin), dem Flughafen in Frankfurt und der Börse in Tokio.

Spuren des menschlichen Eingreifens in die Landschaft reduzieren sich bei ihm bisweilen zum Ornament, wie die Formel-1-Rennstrecke in Bahrain oder sie verschwinden – bei der Ocean-Serie, Blicken auf Meer und Inseln aus großer Höhe. Auch wenn einen auf dem Bild „Katar“ der golden glänzende Raum gefangen nimmt: Mittelpunkt ist nach meinem Empfinden der Mensch, der darauf winzig klein unter einem milchigen Zelt seine Arbeit tut.

Die neuesten Werke, Bangkok, zeigen Licht auf schwarzem Wasser, kleine Ausschnitte, riesig vergrößert, entsprechend der Wirkung, die solche Reflexe in der Natur auf den Betrachter haben. Bei näherer Betrachtung sieht man Moose und Pflanzenteile, Müll und erkennt: „Das Wasser ist dreckig. Aber das Licht bleibt grandios.“

Ich bin mir sicher, dass Gurskys Triebfeder das Staunen ist, das er bei allem Erfolg noch nicht verlernt hat. Er teilt es mit uns.

Typisch Pott: Mit wenigen Worten viele gute Gags

Der Comedy-Newcomer Markus Krebs aus Duisburg hat bereits seinen eigenen Stil gefunden – und der kam gut an im Roten Krokodil in Mönchengladbach.

Tourplakat Markus Krebs

Tourplakat Markus Krebs

Der Mann braucht nicht lange. Wenn Markus Krebs nur auf die Bühne kommt, mit diesem Gang, der irgendwie seinem Bauch geschuldet ist, mit den langen fisseligen Haaren unter der Wollmütze, mit der Sonnenbrille vor den Augen sich breit grinsend auf den Barhocker setzt und nach der Bierflasche auf dem Tischchen neben sich greift, erntet er bereits die ersten Lacher.

„Kommt ein Mann mit zwei linken Füßen in Schuhladen und verlangt Flipp-Flipps“, ist ein  verdammt kurzer, aber sehr typischer Gag. Die können, müssen aber nicht flach sein, und die langen Pausen, die er dazwischen lässt, in denen er sich gemeinsam mit dem Publikum über die blöden Sprüche amüsiert, sind durchaus berechtigt. Es dauert oft eine ganze Weile, bis es den Witz voll durchblickt. „Gladbach halt“, kommentiert er schon mal achselzuckend.

Mit diesem Konzept verkörpert der 42-Jährige Newcomer die Mentalität seiner Heimatstadt Duisburg. 2009 trat er zum ersten Mal beim Niederrheinischen Comedy-Preis auf – und gefiel dem Publikum auf Anhieb. Im vergangenen November gewann er den RTL Comedy Grand Prix, ist jetzt zum ersten Mal auf Tour und füllt das Rote Krokodil in Wickrath bis auf den letzten der 300 Plätze.

Meist zielen seine Pointen auf die Menschen seiner Region, als deren typischer Vertreter er sich versteht. Wenn er an seine WG zurück denkt – „das heißt normal Wohngemeinschaft. Bei uns: „Wir gammeln“ ­ dann glaubt ihm das jeder. Das Pfandgeld reichte meist für den Strom und die Reise nach Mallorca, aber die Miete, die blieben sie meist schuldig. „Markus, denk dran“, sagte Vermieter Fritz jedes Mal warnend, wenn sie sich sahen. Krebs habe immer noch nicht bezahlt, „obwohl ich mir das jetzt leisten könnte.“ Er denkt lieber dran, bleibt kurz, knapp und brutal direkt. „Die kann mittem Gesicht verhüten“, charakterisiert er das Aussehen einer Frau. Selbst bleibt er auch nicht davor verschont. Seine Frau habe seinen Bauch kommentiert: „Da hat ein Arbeitsloser wenigstens immer ein Dach über dem Kopf.“

Schade, dass Krebs sich noch keinen ganzen Abend zutraut. Der junge Malte Pieper (21 Jahre) dem er 20 Minuten seiner Zeit abtritt, langweilt eher. Und auch dass er zum Schluss minutenlang eine vermeintliche Unfallmeldung der Bauberufsgenossenschaft vorliest, kommt nicht so gut an. Erstens ist es alt, und zweitens einfach nicht sein Stil.

Musikdramen, die mitnehmen

Bei aller Tragik und allem Verständnis hat es mich zunächst fast amüsiert: Dass Beverly Blankenship, die Regisseurin des Doppelopernabends im Theater in Rheydt, die gleiche Symbolsprache benutzte wie Quentin Tarantino in „Django Unchained“. Den Film hatte ich mir am Freitagabend angesehen.

©746_Villi_AngelicaFotos: Stutte

So saß ich also Sonntagabend in der Premiere von Giacomo Puccinis „Le Villi / Suor Angelica“ und sah zu, wie sich Janet Bartolova als „Anna“ über und über mit Blut beschmierte. Es symbolisierte wie bei Tarantino die Rache. Sie war anfangs eine Frau, die ihren Geliebten frohen Mutes gehen ließ, im festen Glauben, dass er – ganz wie er es ständig versicherte – zu ihr zurück kehren würde. Später gelang es ihr immer weniger, ihn zu erreichen, zu berühren und schließlich musste sie einsehen, dass er sie verlassen hatte. Nun war sie jeder Perspektive beraubt und entwickelte Rachegelüste. Die gipfelten in der Vorstellung, sie würde ihn als „Willie“ zu einem tödlichen Tanz auffordern – und die sonst grau gehaltene Szenerie färbte sich eindrucksvoll rot.

Mir gefiel das Konzept, die Sage aus dem Schwarzwald näher an uns heran zu holen. Ich genoss die psychologisch einfühlsame Komposition, die tollen Solisten, den Chor, das Orchester (die Niederrheinischen Sinfoniker unter Mihkel Kütson) und applaudierte anschließend anerkennend.

©615_Villi_AngelicaDieser Einakter Puccinis wurde bei dieser Inszenierung erstmalig gepaart und verwoben mit „Suor Angelica“, einem weiteren Puccini-Einakter. Der erzählt die Geschichte der jungen Adeligen, die von nach der Geburt ihres unehelichen Kindes in ein Kloster verbannt wurde. Blankenship hatte schon „Annas“ Geschichte in dieses Heim verlegt, als vorübergehende Unterkunft für die Schwangere, während sie auf die Rückkunft ihres Verlobten wartete. Ein Magdalenenheim in dem irische Familien bis in dieses Jahrhundert hinein ihre Kinder ohne Nennung von Gründen abgeben konnten, wo sie Willkür und Missbrauch ausgesetzt waren.

Angelicas Sehnsucht nach ihrem Kind wird schon bei Annas Fehlgeburt deutlich. Sie nimmt das Kind, betrachtet es eindringlich, trägt es weg. Als nun die Zöglinge im Heim von ihren Wünschen sprechen, denkt die eine an Süßigkeiten, die andere, eine Hirtin, träumt davon, noch einmal ein Lämmchen streicheln zu wollen. Angelica schweigt. Wobei jeder spürt, welche Sehnsucht sie hegt, dass sie den Mut nicht findet, darüber zu reden, ja nicht einmal in der Lage ist, sich selbst diese Sehnsucht einzugestehen.

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Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist man mitgenommen, man leidet mit Angelica, die von Dara Hobbs verkörpert wurde. Wie sie in Wut geriet, als die Tante, die sie nur besuchte um eine Unterschrift in einer Erbangelegenheit zu bekommen, ihr nebenbei mitteilte, dass das Kind schon seit zwei Jahren tot sei. Wenn Hobbs dann in Rage die Tische umwirft und die Tante mit deren Stock bedroht, dann ist das so verdammt echt und die Töne der dramatischen Sopranistin entspringen direkt ihrer Seele und nicht nur ihrer Kehle.

Es fiel schwer, nach den Schlussakkorden in die Realität zurückzufinden, die künstlerische Leistung  mit dem begeisterten Applaus zu würdigen, den sie verdient hatte. Es kostete Kraft, sich klar zu machen, dass unsere Situation weder der Annas noch Angelicas gleichen muss. Weil wir in einer Gegenwart leben, in der ein treuloser Bräutigam nicht den Verlust der Zukunft bedeutet, wir verhüten können und uneheliche Kinder fast schon normal sind.

Als Kulturoptimistin keimte in mir die Frage: „Haben solche Dramen wie Suor Angelica dazu beigetragen, unmenschliche Normen aufzuweichen und unsere Zeiten humaner werden zu lassen?“

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Weiß – statt 80 Grautöne

Bei Schnee wandeln sich die von mir beschriebenen 80 Grautöne des Niederrheins in Weiß-Töne. Sonntag nutzte ich das seltene Wetter und entdeckte vier Stunden lang für mich neues Terrain.

Eigentlich wollte ich irgendwo ins Warme. Sauna oder so. Die seit Tagen anhaltende Kälte nervte mich allmählich. Aber dann fiel am Sonntagmorgen Schnee, leise und für unsere Verhältnisse auch ziemlich dicht, so dass es mich nach draußen zog.

In Uwe Winkler fand ich einen Begleiter. „In den Stadtwald“, schlug er vor. „Ne, da bin ich zu oft. Hülser Berg?“ lautete mein Gegenvorschlag. „Dahin können wir auch laufen“, beschied er und wir stapften gut eingemummelt los.

Der Weg führte uns zunächst doch durch den Stadtwald. Über die Fußgängerbrücke gelangten wir nach Verberg, bogen auf den Herrmann-Kresse-Weg und Uwe entdeckte mir die Verberger Kuhlen.

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Spiegelnd ruhige Wasseroberfläche

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Nur am Ufer bildete sich etwas Eis. Anscheinend war es gar nicht wirklich kalt.

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„Auf diesem Baum hatten sich die Kinder im Sommer ein Haus gebaut“, erzählte Uwe.

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Uwe wies mich auch auf die neue Plattform hin, die die Stadt hier in der Luxusausführung in Edelstahl installiert hat.

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Sie macht den Eindruck, dass auch Menschen mit Rollatoren und Rollstühlen hierher gelangen könnten, um den Blick über das Wasser schweifen zu lassen, und Vögel und Insekten zu beobachten. Uwe fragte mich nach einem Reiher, den er hier im vergangenen Sommer gesehen hatte. „Kleiner als die Graureiher und weiß?“ – „Das könnte ein Silberreiher gewesen sein, den kenne ich aus Ungarn, vom Balaton.“

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Wir gingen weiter an Weiden und Gräben vorbei auf dem „Roten Weg“, auf dem vorzeiten eine Straßenbahn zwischen Krefeld und Moers fuhr. und gelangten zum Egelsberg. Auf der Auffahrt zum Flughafen fuhren Kinder Schlitten.

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Oben empfing uns ein eisiger Wind, so dass wir sofort wieder den Schutz des Hanges mit seinem Dickicht suchten. Weil wir nun freie Flächen vermeiden wollten, machten wir diverse Umwege und verloren zeitweise sogar die Orientierung.

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So ohne Sonne, die einem unter Beachtung der Uhrzeit ungefähr die Richtung weist und weil die flache Landschaft schneebedeckt noch viel weniger Orientierungspunkte offenbart. So dauerte es vier Stunden, bis wir wieder bei Uwe zuhause ankamen und wir waren froh, die Gunst der Stunde genutzt zu haben, denn auf dem Rückweg ließ Regen die weiße Pracht bereits wieder in sich zusammen sinken.

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Schockierend dosierte Gewalt

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Über Pulp Fiction kann ich herzlich lachen. Die Erzählstruktur ist raffiniert und der Anfangsdialog zwischen Vincent Vega und Jules Winfield, auf dem Weg zu einem Auftragsmord, mit John Travoltas Doppelkinn in Nahaufnahme, gehört mit zu dem komischsten, was mir Film zu bieten hat: „Ist es das Gleiche, ob man einer Frau die Füße massiert oder seine Zunge in ihr Allerheiligstes versenkt?“ Gewalt erscheint mir dort so unwirklich, so lächerlich, der Baller-Fantasie kleiner Jungen entsprungen. Und dieses ständige Gefasel von „Du bist mein Nigger“ als Ausdruck von knechtender Abhängigkeit einfach absurd.

Pulp Fiction war der Grund, mir den neuen Tarantino, „Django Unchained“ anzusehen. Seine anderen Filme kenne ich nicht. Und ich war schockiert! Da nutzten auch die Wortspielereien, der geistreiche Sprachwitz des Dr. King Schultz (gespielt von Christoph Waltz) nichts, die dem Film über mindestens zwei der drei Stunden die Schärfe nehmen. Da nutzt auch das scheinbare Happy End nichts.

Dieser Schock bei den Zuschauern scheint mir die Absicht des Regisseurs und er beherrscht sein Handwerk perfekt. Wenn diesmal das Blut spritzt, dann macht das das Elend der Sklaven so deutlich, dass es jedem unter die Haut geht. Höhepunkt des Grauens ist die Szene, in der der Plantagen- und Sklavenbesitzer Calvin Candie (herrlich fies: Leonardo di Caprio) einen entflohenen Schwarzen von Hunden zerfleischen lässt.

Rache-Gelüste erschienen mir logisch in einer Welt ohne Perspektive, ohne jeden Funken Hoffnung auf Besserung. Sympathisch, dass ausgerechnet ein Deutscher in dem Film als einziger Antirassist und Humanist gezeigt wird. Er bildet Django im umfassenden Sinn, so dass der Schwarze die Hautfarben-unabhängigen Abhängigkeiten erkennt, als er zum speichelleckenden Anwalt des Calvin Candie sagt:„Dann bist Du also sein Nigger.“ Ist vielleicht Abhängigkeit ein durchgängiges Motiv für Tarantino?

Als poetischen Hintergrund für Djangos Suche nach seiner Frau Broomhilda nutzt Tarantino die Sage von Siegfried und Brünhilde. Er zeigt mit Jamie Foxx, mit schwarzen krausen Haaren und dunkler Haut als perfekte Verkörperung des Germanischen Helden, mit seinem schönen Körper und geschmeidig lässigen Bewegungen im Zeitlupentempo.

Noch auf dem Rückweg vom Kino beschloß ich, mir die anderen Tarantino-Filme auch noch anzusehen und fragte ich in der Videothek nach ihrer Verfügbarkeit. „Wir haben hier vier Stück in einer Kassette, nur zehn Euro pro Kalendertag“, sagte die Bedienung. Ich glaube, ich nehme höchstens einen pro Woche, wenn die genauso wenig komisch sind wie „Django Unchained“. Und ich fange auch nicht sofort an mit dem Projekt.

Blut wie Rache – und Schnee

Dramatisch aufwühlend wirkten Film und Oper am Wochenende, erholsam eintönig die Landschaft des Niederrheins beim Spaziergang

Verberger Kull

Es ist Montagmorgen, ich recke mich, strecke mich. Ein hochdramatisches Wochenende liegt hinter mir, eines mit viel Blut am Freitag im Kino in „Django Unchained“, dem neuesten Film von Quentin Tarrantino und mit viel Blut am Sonntagabend im Theater, in der Premiere des Puccini-Doppelopernabends „Le Villi/Suor Angelica“. www.theater-kr-mg.de In beiden Werken steht das Blut für die Rache und beide zeigen mir auf: Sie ist die einzige Triebfeder die bleibt, wenn Glaube und Hoffnung an den Sieg der Liebe zerstört sind. Ich halte sie jetzt für legitim, auch wenn mir selbst davor graust.

djano rotDazwischen ein Treffen mit Wolf  Tekook für sein neues Fotoprojekt. Der Krefelder Digitalkünstler arbeitet unter dem vorläufigen Titel „Rolle(n)verhalten“ zum Rollenverständnis von Frauen.

Copyright beim Fotografen, Matthias Stutte.

Copyright beim Fotografen, Matthias Stutte.

Den richtigen Ausgleich zu dem vielen Rot brachte schließlich  am Sonntag ein Schneespaziergang  durch den Stadtwald, bis zum Egelsberg und zurück, was mehr als vier Stunden dauerte. Dank an Uwe Winkler, der mir mit den Verberger Kuhlen neue, mir eine bislang unbekannte und wunderschöne Seite Krefelds zeigte.