Probieren und studieren auf der WeinDüsseldorf

Eigentlich wollte ich das Brötchen nicht essen. Ich habe es auf dem Weg zur WeinDüsseldorf gekauft, um Kleingeld für die K-Bahn zu haben. Dennoch wurde es nicht getrocknet zu Semmelnknödeln verarbeitet.

Von Susanne Böhling

Birgit Holczer hat mich zur Weinmesse eingeladen. Sie besucht das Event im Interconti Düsseldorf regelmäßig um Wein bei „ihren“ Winzern zu ordern. Da ihr Lebensgefährte Gerd an diesem Tag wichtigeres zu tun hatte (Skatturnier) nahm sie mich mit und wir trafen uns in der K-Bahn. Direkt am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee hielt ich sie in ihrem Streben Richtung Kö auf. „An diesem Automat hier kann ich mit EC-Karte oder Scheinen bezahlen“, gegründete ich. „Und dann bin ich bereits für den Rückweg gewappnet.“ Dafür hatte Birgit, die sowieso sehr gelassen ist, vollstes Verständnis und sie wartete geduldig, bis ich den Automaten soweit gezähmt hatte.

Wir erreichten das Souterrain des noblen Hotel auch so nur wenige Minuten nach dem Öffnen der Messe. Ohne Wartezeit konnten wir am Einlass unsere Eintrittskarten vorzeigen und ganz entspannt ein Probierglas für 5 Euro Pfand an zentraler Stelle ausleihen. „Komm,“ führte sie mich zielstrebig, „ich will zuerst zu Debus.“

Sekt von Debus

Bei diesem Winzer ordert sie regelmäßig ihren Sekt. Die prickelnde Wein-Variante mag sie besonders gern – ein weiterer Punkt, der uns verbindet. Ihr Lieblingssekt, der aus den Grauburgunder Trauben, in der Flasche gegärt, ist auch in diesem Jahr im Programm. Natürlich müssen wir unbedingt  den Neuen, Rosé Pinot Noir, probieren, der uns ganz ausgezeichnet schmeckt. Das Weingut Debus liegt in der Region Rheinhessen und ist, wie nahezu alle Aussteller hier, im Besitz einer Familie. „Uns gibt es seit mehr als 300 Jahren“, heißt es auf der Homepage.

Weingut Debus auf der WeinDüsseldorf

Birgit Holczer am Stand des Weinguts Debus aus Rheinhessen mit der neuen Sektmarke, Rosé Pinot Noir.

Die Tochter der Familie vertritt das Weingut ebenfalls auf der WeinDüsseldorf

Die Tochter der Familie vertritt das Weingut ebenfalls auf der WeinDüsseldorf

Als wir weiter gehen, öffne ich verschämt meine Handtasche und breche mir ein kleines Stückchen vom Brötchen ab.

Schoki von Goufrais

Am Ende des Ganges stoßen wir auf den Stand mit Eiskonfekt. „Ach, wie schön, dass Sie auch wieder da sind“, ruft Birgit entzückt aus.

Schokoladenköstlichkeiten, appetitlich dargeboten bei der Firma Goufrais

Schokoladenköstlichkeiten, appetitlich dargeboten bei der Firma Goufrais.

Nachdem ich probiert habe, kann ich sie verstehen. Goufrais ist in Weil am Rhein  ansässig und was sie machen, erinnert mich von der Konsistenz her an Eiskonfekt, das  ich in meiner Kindheit sehr gerne gegessen habe. Es wird kühl serviert und schmilzt dann so wunderbar auf der Zunge, wobei es einen tollen Geschmack entfaltet – der mit dem Eiskonfekt meiner Kindheit nicht zu vergleichen ist. Deutlich wahrnehmbar der Kakao in einer angenehmen Süße. Die Firma hat kleine Gebinde, aber für uns muss es das große sein, da hilft alles nichts, nicht mal die Angst vor Hüftgold lässt uns auch nur einen Augenblick zögern.

Juttas Winzersekt Chardonnay – eine Entdeckung

Wieder ein paar Meter weiter entdeckt Birgit den Stand des Weinguts Bert Wechsler Erben und steuert drauf zu. „Hier hat Gerds Bruder immer eingekauft“, erklärt sie mir, „hierher hatten wir vor Jahren die ersten Karten für diese Weinmesse.“ Joachim Ahl, der heute zusammen mit seiner Frau Jutta das Gut bewirtschaftet, erkennt sie sofort, freut sich über das Wiedersehen und schenkt uns zur Begrüßung einen Schluck von Juttas Winzersekt Chardonnay ein, der ebenfalls relativ neu im Programm ist. Die feinen Perlen explodieren auf meinen Geschmacksnerven und begeistern mich restlos. Er erklärt, dass das mit der Flaschengärung zusammenhängt, dass die so entwickelte Kohlensäure eben feinperliger sei als die, mit der die „Seccos“ nach der Gärung versetzt werden, die er ebenfalls im Programm hat. Ich beherrsche mich und klinke mich in Birgits Bestellung lediglich mit drei Flaschen ein.

„Die nach der Champagner-Methode hergestellten Sekte haben außerdem mehr Zeit zum Reifen.“ Logisch, dass sie auch deshalb teurer sein müssen. „Dazu kommt die weiche Säure des Chardonnays“, erklärt er weiter. Bisher hatte ich immer den Verdacht, dass es Zufall sei, dass ich am liebsten Chardonnay trinke. Jetzt weiß ich, dass es einen handfesten Grund hat. Mein Magen und meine Geschmacksnerven sind rehabilitiert. Nach ein paar Bissen Brot aus den Körben, die an jedem Stand auf den Tischen stehen, suche ich nach Bestätigung des Erfolgserlebnisses. Anschließend breche ich erneut ein Stück von meinem Brötchen.

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Juttas Winzersekt Chardonnay vom Weingut Bert Wechsler Erben schmeckt mir besonders gut.

Unterscheiden und honorieren lernen

Ahl lässt uns seine Rotweine probieren. (Wobei ich mich deutlich zurück halte und statt dessen etliche Zwischenwasser nehme, von denen alle Winzer gerne und reichlich geben.) Aus den „wönzigen Schlöckchen“ erkenne ich Unterschiede, die sich sofort erklären, wenn er von den Herstellungsmethoden erzählt. Der eine Wein ist im Fass gereift, der andere nicht. Auch die Preise erklären sich dadurch von alleine und ich bin froh, dass Birgit als Außendienstlerin öfter in der Gegend unterwegs ist. Auf diese Art können wir die Transportkosten sparen. Über die Messe sagt er:

„Die Teilnahme an der messe ist teuer, aber nur so können wir direkt in kontakt mit den kunden treten, uns und unsere Weine persönlich präsentieren. Das ist sehr wichtig.“

Sekt geht auch alkoholfrei

Schräg gegenüber hat Birgit sofort das nächste Ziel im Visier. Bickensohler, die Winzergenossenschaft des gleichnamigen Örtchens im südwestlichen Kaiserstuhl. Hier wird neben Burgunder in allen drei Farben auch ein alkoholfreier Sekt gebraut, den Birgit ausnahmsweise mag. „Normalerweise schmeckt alkoholfreier Sekt wie eingeschlafene Füße“, bestätigt Lena Amann Birgits Empfindungen mit deutlichen Worten. Als Mitarbeiterin der Genossenschaft vertritt sie diese auf der WeinDüsseldorf zusammen mit Marina Lopez.

Lena Amann und Marina Löpez vertreten die Winzergenossenschaft Bickensohl auf der WeinDüsseldorf und punkten mit einem geschmackvollen alkoholfreien Sekt.

Lena Amann (rechts im Bild) und Marina Lopez vertreten die Winzergenossenschaft Bickensohl auf der WeinDüsseldorf und punkten mit einem geschmackvollen alkoholfreien Sekt.

„Dem fehlt einfach das Rückgrat“, erklärt sie. Alkohol ist – genau wie Zucker oder Fett – ein Geschmacksträger. Fehlt der, muss man sich etwas einfallen lassen. Die Bickensohler bedienen sich bei der Herstellung ihres alkoholfreien Sektes eines Hibiskusblütenextraktes. Nachdem Birgit eine Bestellung aufgegeben hat, die sie bei Gelegenheit einfangen wird, schlendern wir weiter.

Viele sympathischen Winzer auf der WeinDüsseldorf

Dabei zeigen sich die Winzer nicht nur als kompetent, sondern auch als menschlich und lebenslustig.

Der Unterschied zwischen „brut“ und „trocken“ bei Frey

Jürgen Frey beispielsweise, aus Sommerloch an der Nahe, erklärt uns den Unterschied zwischen den Sektbezeichnungen „brut“ und „trocken“: „Der trockene Sekt entspricht dem halbtrockenen Wein.“ Auch dass er nicht an noch mehr Weinmessen teilnimmt, hat seinen Grund: „Ich will auch mal auf der anderen Seite der Theke stehen.“

Weingut Frey aus Sommerloch an der Nahe auf der WeinDüsseldorf

Jürgen Frey, vom gleichnamigen Weingut an der Nahe, lässt uns den Unterschied zwischen Sekt „brut“ und „trocken“ schmecken.

Black Chicken als Eingebung der Nacht

Fred Emmerich zeigt uns seinen Lieblingswein: „Black Chicken“, ein trockener Weißwein aus Chardonnay und Pinot Noir Trauben, zu dem es auch eine rote Entsprechung gibt, aus Frühburgunder, Sankt Laurant und „einem Hauch von Noronet“, wie sein Prospekt ausweist. „Der Name ist mir eingefallen, als ich eines Nachts aufstehen musste“, bekennt er auf Nachfragen unprätentiös.

Lecker kommt von Lecken

Birgit und Dieter Kratz vom gleichnamigen Weingut kommen wie zuvor schon Joachim Ahl aus Osthofen in Rheinhessen. Die hier beworbenen „Weine vom Leckzapfen“ wachsen in einer besonderen Lage. „Und die sind so lecker, dass man beim Abfüllen selbst die letzten Tropfen am Hahn nicht verkommen lässt“, erklärt Dieter Kratz augenzwinkernd die Bezeichnung.

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Wir haben Ehefrau Birgit zunächst für Dieters Tochter gehalten. Das Geheimnis ihres faltenfreien Aussehens: „Jedes Jahr mit einem Kilo Körpergewicht unterfüttern.“

Trüffel und Pesto

Ein anderer Stand, an dem wir nicht vorbei kommen ist der von Göschle. „Die Sachen sind spitze“, erklärt Birgit überzeugend, die ihn von früheren Besuchen auf der WeinDüsseldorf kennt. Hier gibt es Trüffel-Butter, Trüffel-Öl, Trüffel-Hollandaise, … von denen man zum Teil auch probieren kann. Unermüdlich streicht Alex Keck die duftende Masse auf frisch getoastetes Baguette, eine hübsche Maid schneidet das Brot in mundgerechte Happen. Doch so manche, scheinbar vornehme Besucherin, schnappt schnell sich eine komplette Scheibe. Zurückhaltend wie ich nun einmal bin, kaufe ich mir eine Trüffelperle. Ein eiförmiger Hartkäse, der in hauchfeine Scheiben gehobelt, immer noch wunderbar nach dem Edelpilz schmeckt.

Göschle auf der Weindüsseldorf

Alex Keck von der Trüffelmanufaktur Göschle

So um 14 Uhr haben wir keine Lust mehr. „Wir sind durch“, nicken wir uns einmütig zu. Genau der richtige Zeitpunkt zum Gehen. Wer jetzt Garderobe abgeben will, muss lange anstehen, (beim Abholen geht es hingegen sehr schnell), die Gänge im Saal werden eng und vor den Ständen herrscht Gedränge.

Eine lange Schlange vor der Garderobe bei der WeinDüsseldorf im Interconti

Eine lange Schlange vor der Garderobe bei der WeinDüsseldorf im Interconti

Außerdem ist mein Brötchen fast alle. Das letzte Stückchen teile ich mir mit Birgit auf dem Weg zur Haltestelle Heinrich-Heine-Allee. Was bin ich froh, dass ich die Fahrkarte nur noch abzustempeln brauche.

 

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